Ausgangssperre und Isolation: Was hilft bei Angst und Panik im Corona-Alltag?

  • In der Corona-Krise geraten Gedanken und Gefühle schnell außer Kontrolle.
  • Soziale Isolation und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit lassen die Psyche an ihre Grenzen kommen.
  • Bestimmte Strategien können im Corona-Alltag zuhause helfen, sagen Psychologen.
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Wir blicken ins Ungewisse. Nichts funktioniert mehr wie sonst. Unser Alltag steht Kopf und der Grund ist unsichtbarer Natur: Corona, Sars-CoV-2, Covid-19. Um die Ausbreitung des Virus in den Griff zu bekommen, ist soziale Isolation ohne Kompromisse gefordert. Weil das so schwer einzuhalten ist, verhängen Behörden in Deutschland und Europa eine Ausgangssperre. Eine drastische Maßnahme, die nicht nur den Alltag, sondern auch die Gefühlswelt verändert.

“Es ist normal, sich während einer Krise traurig, gestresst, verwirrt, verängstigt oder wütend zu fühlen”, betont die Weltgesundheitsorganisation. Wir befinden uns in einem kollektiven Angstmodus, sagt auch der Hamburger Psycho- und Paartherapeut Christian Hemschemeier. Für die kommende Zeit hat er aus dem Stegreif einen Anti-Angst-Podcast ins Leben gerufen und bleibt über das Internet mit den Menschen, die Rat suchen, in Kontakt.

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Angstspirale durch allgegenwärtige Corona-Krise

Auch ihm, dem ausgebildeten Profi für das Lösen von Konfliktsituationen, falle es angesichts der Maßnahmen und Meldungen zur Coronakrise sichtlich schwer, die eigenen Gefühle in Balance zu halten. Es sei eine “Angstspirale”: Gerade hat man sich wieder einigermaßen entspannt, die Informationsflut kurz gestoppt. Dann aber folgt der Austausch mit Bekannten, die berichten über neue Entwicklungen zu Corona, das Handy wird wieder angeschmissen. „Ich finde es schwierig, sich auf einem guten Level zu bewegen“, sagt Hemschemeier. Die Angst entstehe mit der Projektion auf die ungewisse Zukunft. “Wir sollten aber versuchen, nicht ohnmächtig zu werden."

Die Psychotherapeutin Dr. Mirriam Prieß prognostiziert: “Aus psychologischer Sicht ist die Ausgangssperre in dieser Zeit für die Menschen eine Herausforderung, die bei vielen an die psychischen Grenzen gehen wird.” Das, was Panik macht, sei vor allem das Gefühl des Eingesperrtseins in einer für viele existentiell bedrohlichen Situation. Das Gefühl der fehlenden Kontrolle werde dadurch maximal verstärkt.

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Ausgangssperre ist kein Gefängnis: Eigene Gedankenwelt steuern

Es helfe, sich zu verdeutlichen, dass niemand eingesperrt wird, sondern dass dies eine aktive Maßnahme ist, die jeder tun kann, um diese Krise gut und schnell zu überstehen. Die Ausgangssperre sollte nicht unter dem Aspekt der Freiheitsberaubung, sondern der Krisenbewältigung und Lebensrettung gesehen werden. “Machen Sie sich bewusst, dass Sie nicht alleine sind, wir alle tragen gemeinsam dazu bei, diese Krise zu durchstehen”, betont Prieß.

Auch unbewusste Ängste der Menschen könnten zutage treten: “Verdrängte und kompensierte Ereignisse, in denen es keine Kontrolle gab, brechen auf, dies können Überwältigungen aber auch Ereignisse aus der Kindheit sein”, sagt Prieß. Die Zeit in Isolation könne man gut für den inneren Dialog zu nutzen. “Viele haben die Beziehung zu sich selbst vernachlässigt, dies kann jetzt nachgeholt werden.”

Einen Plan haben, Zeit für sich selbst nutzen

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Den Alltag sollten wir auch in Isolation aktiv gestalten. “Wer nur passiv konsumiert, verstärkt das Gefühl des Ausgeliefertseins”, erklärt Prieß. Regelmäßig solle man sich, alleine oder mit dem engen Kreis der Menschen in Isolation, zusammensetzen und klar definieren: Wie kann ich diese Zeit für ein Miteinander und für mich selbst nutzen? Gibt es etwas, was ich schon immer machen wollte, zum Beispiel Yoga, Meditation, eine Sprache zu lernen, kreativ sein, das familiäre Miteinander zu stärken, sich in einem bestimmten Thema weiterbilden?

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“Wichtig ist, die Zeit für sich konstruktiv und positiv zu nutzen – auch wenn es in dieser Krisenstimmung absurd erscheint”, betont Prieß. „Psychische Widerstandskraft entsteht dadurch, anzunehmen was ist und das Beste daraus zu machen, anstatt passiv zu warten, bis es vorbei ist.“

Gute Ernährung statt Drogen und Alkohol

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Wer zu Hause bleiben muss, sollte einen gesunden Lebensstil pflegen – einschließlich richtiger Ernährung, Schlaf, Bewegung und sozialen Kontakten mit geliebten Menschen zu Hause, per E-Mail und Telefon mit anderen Familie und Freunden, rät zudem die Weltgesundheitsorganisation. Dem Stress sollte nicht mit Alkohol, anderen Drogen und Rauchen begegnet werden.

Nicht zuletzt lohnt laut Prieß auch ein bewusster Blick auf die Zukunft: Es helfe, zu wissen, dass diese Zeit endlich ist und man sich auf die Zeit nach der Ausgangssperre freuen kann. Auch für dort solle man sich Ziele stecken: “Was wollen Sie tun? Nehmen Sie sich dies vor und freuen Sie sich darauf. Die Lebensfreude nach solchen Krisen wird groß sein – auch wenn die Welt eine andere sein wird.”




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