Corona-Ausbrüche in Altenheimen bedrücken Europa

  • Während Europa sich auf erste Impfungen vorbereitet, steigt die Zahl der Corona-Infektionen und Todesfälle in Alten- und Pflegeheimen unaufhaltsam.
  • Für die Gesundheitsbehörden ist es ein Wettlauf gegen die Zeit, bevor die lang ersehnten Impfungen in der Risikogruppe starten können.
  • Und beim Umgang mit Infizierten tun sich Experten zufolge noch viel zu viele Lücken auf.
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Madrid. Als die beiden Mitarbeiter des Beerdigungsinstituts die Leiche aus dem Zimmer holen, blickt der Mann im Nachbarbett auf. „Ist er tot?“, murmelt der demente Zimmergenosse, in einem kurzen lichten Augenblick. Er streckt den Arm aus und versucht, den Toten noch ein letztes Mal zu berühren. Manuel Rivera, einer der beiden Männer des Beerdigungsunternehmens, ist tief gebeugt. Zu oft hat er solche Szenen wie in dem Pflegeheim in Barcelona in letzter Zeit erlebt. Und es werden noch mehr werden.

„Das Schlimme ist“, sagt er mit Blick auf den überlebenden Zimmernachbarn, „in ein paar Tagen werden wir wahrscheinlich wiederkommen, um ihn zu holen.“ Quer durch Europa bringt das Coronavirus zunehmend Krankheit, Leid und Tod in Alten- und Pflegeheimen. Bei alten Menschen, oft geschwächt und mit Vorerkrankungen, hat Sars-CoV-2 fast durchweg leichteres Spiel als bei jungen, gesunden. Mehr als im Frühjahr sind jetzt die Heime betroffen, was sich in der Zunahme schwerer Erkrankungen, Aufnahmen auf Intensivstationen und auch Todesfällen widerspiegelt.

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Wettlauf gegen die Zeit - bis der Impfstoff kommt

Für die Gesundheitsbehörden ist es ein Wettlauf gegen die Zeit, bevor die lang ersehnten Impfungen bereitstehen und in der Risikogruppe starten können. In Portugal versuchen die Behörden, Soldaten ins Boot zu holen, die die Institutionen bei Desinfektion und Vorsorgemaßnahmen unterweisen sollen. Vielfach, auch in Deutschland, Italien oder Frankreich, dürfen Alte und Pflegebedürftige kaum noch Besucher empfangen – oder auch gar keine mehr. Verstärkte Tests sollen auch symptomfreie Fälle bei Heimbewohnern, Mitarbeitern und Besuchern finden helfen, um die Übertragungsketten zu durchbrechen. In Belgien hat das geholfen, die Zahlen zu drücken.

Dennoch werden immer wieder neue Ausbrüche gemeldet. Allein in Frankreich wurden im vergangenen Monat mindestens 5000 Covid-19-Tote in Seniorenheimen registriert. Auch in Spanien steigen die Zahlen der Corona-Toten in Heimen seit Wochen weiter an, inzwischen machen sie fast die Hälfte der täglich gemeldeten Opfer aus. Und der Anteil dürfte noch größer werden. Denn bei den Neuinfektionen dort kommen derzeit auf jeden Fall außerhalb von Heimen 13 Infektionen innerhalb.

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Impfplan nimmt Heimbewohner zuerst in den Blick

Nur konsequent scheint so die sich abzeichnende Impfplanung der meisten Länder: Die Bewohner von Altenheimen und diejenigen, die sich um sie kümmern, sollen bevorzugt geimpft werden. Das sei „vernünftig, gerechtfertigt und logisch“, betont Miguel Vázquez von dem Madrider Angehörigen-Verband Pladigmare. Die Heimbewohner nicht ganz schnell zu impfen, „wäre ein bewusstes Todesurteil“.

Seit dem Frühjahr wurde zwar viel dazugelernt, beispielsweise, in welchen Formen sich Covid-19 äußern kann. Doch beim Umgang mit Infizierten tun sich nach Ansicht von José Augusto García Navarro, Chef der spanischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie, noch viel zu viele Lücken auf. So sei einer der Riesenfehler im Frühling gewesen, infizierte Heimbewohner zu isolieren, was zusätzliche schwere Belastungen mit sich gebracht hätte – körperlich und psychisch. In so manchem Fall hätten diese Folgen letztlich zum Tod geführt, erklärt García Navarro.

Lehren aus der ersten Corona-Welle

„Es ist von höchster Wichtigkeit, dass den Infizierten Krankengymnastik, Beschäftigungs- und Psychotherapien garantiert werden“, sagt der Arzt. „Das ist in der ersten Welle nicht passiert, und es passiert in der zweiten Welle nicht so, wie es sollte.“Doch hier endet die Kritik an Versäumnissen, die noch immer nicht aufgeholt sind, bei weitem nicht: In einigen Fällen würden sich die Einrichtungen noch immer nicht an alle Sicherheitsvorgaben halten, bemängelt García Navarro.

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Eine interne Analyse der spanischen Regierung, in die die Nachrichtenagentur AP Einblick erhielt, machte 30 große Fehler aus, die bis Mitte Mai zum Tod von mehr als 20 000 älteren Menschen durch oder mit dem Coronavirus führten. Die Empfehlungen daraus werden noch immer diskutiert, einige weiter nicht umgesetzt.

RND/ AP

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