Immun gegen Corona? Nicht alle Infizierten entwickeln Antikörper

  • Forscher aus Lübeck haben mittels serologischer Tests bei Corona-Patienten festgestellt, dass 30 Prozent nach der Infektion mit Sars-CoV-2 keine Antikörper im Blut hatten.
  • Ursache dafür könnten fehlerhafte Tests sein, aber auch der Verlauf der Erkrankung spielt eine Rolle.
  • Noch ist unklar, inwieweit ein Immunschutz vor einer erneuten Infektion nach der Erkrankung robust und dauerhaft aufgebaut wird.
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Sind wir nach einer durchgestandenen Infektion mit dem Coronavirus immun - und damit längerfristig geschützt gegen den Erreger? Forscher weltweit gehen dieser wichtigen Frage nach, die entscheidend ist mit Blick auf den weiteren Verlauf der Pandemie.

Durch Studien relativ gut belegt ist inzwischen, dass es einige Erkrankte gibt, die nach einer Infektion spezifische Antikörper entwickeln, die bislang aber nur als Hinweis auf eine mögliche Immunität gelten. Einer neueren Untersuchung des Lübecker Gesundheitsamts zufolge bilden im Schnitt allerdings nur 70 Prozent der Corona-Infizierten Antikörper, bei 30 Prozent konnte kein Nachweis erbracht werden. Die Studie wurde Anfang Juni in einer noch nicht begutachteten Vorab-Veröffentlichung auf einem Preprint-Server und auf der Homepage der Universität Lübeck veröffentlicht.

Konzentration der Antikörper gegen Coronavirus ist entscheidend

Wie gingen die Forscher in ihrer Studie vor? Sie nahmen 110 laborbestätigte Covid-19-Fälle unter die Lupe, die bis Ende April registriert wurden. Mittels Tests des Herstellers Euroimmun wurden die Patienten auf Antikörper untersucht. Damit wollten die Wissenschaftler herausfinden, zu welchem Zeitpunkt nach einer Infektion und in welcher Höhe Antikörper-Spiegel vorhanden sind. „Wichtig ist die Frage, wie lange Antikörper in dieser Konzentration nachweisbar bleiben”, betonen die Forscher in ihrer Studie.

Denn nur wenn der Körper eine ausreichende Anzahl bilde, sei der Mensch vor einer erneuten Erkrankung mit demselben Virus geschützt und immun. Um bessere Daten zu Langzeiteffekten zu bekommen, würden ebendiese Patienten deshalb im Herbst noch einmal auf Antikörper untersucht.

Positives Antikörper-Testergebnis kein Signal für dauerhafte Immunität

Die ersten Ergebnisse zeigen: Innerhalb von 50 Tagen nach einer Infektion konnten laut Lübecker Studie bei 84 der 110 Patienten (76 Prozent) Antikörperspiegel für IgA nachgewiesen werden, 78 der 110 Patienten (71 Prozent) wiesen ausreichend IgG-Antikörper im Blut auf. Es handelt sich dabei um zwei Klassen von Antikörpern: IgA, also Immunglobulin A, zeigt ab etwa zwei Wochen nach Erkrankungsbeginn, ob der Körper Antikörper gebildet hat. IgG, also Immunglobulin G, ist nach etwa drei Wochen im Blut nachweisbar.

30 Prozent der Patienten hingegen entwickelten gar keine Antikörperwerte über dem Toleranzwert. Alter, Geschlecht und Schwere der Erkrankung haben den Ergebnissen zufolge keinen Einfluss auf die Konzentration der Antikörper.

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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND

Dass ein Teil der Untersuchten keine Antikörper gebildet habe, kann laut Leiter des Lübecker Gesundheitsamtes, Alexander Mischnik, mehrere Ursachen haben. Gegenüber dem NDR erkläre er, Antikörpertests seien sensibel und nicht immer verlässlich. Auch die Krankheitsverläufe seien unterschiedlich. „Dass jemand einen positiven Befund hat, der möglicherweise gar nicht lange anhält, ist nichts ungewöhnliches. Möglicherweise kommt es durch andere Abwehrmechanismen im Körper zu einer schnellen Abwehr der Infektion, so dass die Bildung von Antikörpern gar nicht ausgelöst wird”, erklärte Mischnik gegenüber dem NDR.

Antikörper-Tests sind nicht immer zuverlässig

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Bislang wissen Forscher noch nicht genau, was die Konzentration von Antikörpern gegen Sars-CoV-2 aussagt. „Vermutlich helfen neutralisierende Antikörper oder solche gegen das Spike-Protein”, erklärt der Infektiologe Matthias Stoll gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Er ist leitender Oberarzt des Zentrums Innere Medizin an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). „Nur ein Teil der Tests erkennt diese aber – und gerade die entwickeln sich offenbar langsam und spät.”

Für sicherlich noch viele Monate wisse man noch nicht genau, ob und wann man sich eventuell trotz Antikörpern wieder erneut infizieren kann. Es gebe etliche Infektionserkrankungen, die man trotz exorbitant hoher Antikörpertiter jederzeit wieder bekommen kann, betont Stoll.

Auch laut dem Robert Koch-Institut ist derzeit noch unklar, wie regelhaft, robust und dauerhaft ein Immunstatus aufgebaut wird. „Die Erfahrungen mit anderen Coronaviren-Infektionen (Sars und Mers) deuten darauf hin, dass die Immunität bis zu drei Jahre anhalten könnte”, heißt es auf der Homepage der obersten Gesundheitsbehörde in Deutschland. Es seien aber serologische Längsschnittstudien erforderlich, die die Immunität der Patienten über einen längeren Zeitraum beobachten.

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