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  • Corona: Angriffe auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben in Pandemie zugenommen

Wie Pandemieerklärer zu Symbolen des Hasses wurden

  • In Zeiten von Corona scheinen Angriffe auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit ihren Äußerungen in der Öffentlichkeit stehen, deutlich zugenommen zu haben.
  • Das ist das Ergebnis einer nicht repräsentativen Umfrage.
  • Danach gaben 22 Prozent der befragten Forschenden an, Androhungen von Gewalt erlebt zu haben. 15 Prozent erwähnten sogar, Morddrohungen erhalten zu haben.
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Die Angriffe auf Wissenschaftler und Experten, die in der Öffentlichkeit Position beziehen, haben während der Corona-Pandemie wohl deutlich zugenommen. Das ist das Ergebnis einer nicht repräsentativen, anonymen Umfrage der Fachzeitschrift „Nature“ unter mehr als 300 Forschenden. Dabei geht es nicht nur um Hassbotschaften, sondern auch um Morddrohungen und seltener sogar körperliche Angriffe.

Die Erkenntnisse aus der Befragung wurden in „Nature“ veröffentlicht. Allerdings handelt es sich dabei um einen journalistischen Text – nicht um eine wissenschaftliche Arbeit. Das Ausmaß des Problems lässt sich damit nicht exakt bemessen. Die Zeitschrift „Nature“ versandte Fragebögen und arbeitete dabei in mehreren Ländern mit Einrichtungen zusammen, die unter anderem Wissenschafts-Statements an Medien verschicken (Science Media Centers).

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Die Umfrage wirft jedoch trotzdem ein Schlaglicht auf die oft negativen Reaktionen, die ein Teil von ihnen wegen der Präsenz in der Öffentlichkeit erfahren hat. Insgesamt wurden 321 Wissenschaftlerinnen und Wissenschafter befragt. 123 stammen aus dem Vereinigten Königreich, 62 aus Deutschland und 53 aus den Vereinigten Staaten. Mehr als 80 Prozent von ihnen berichteten, dass sie nach wissenschaftlichen Äußerungen in der Öffentlichkeit negative Reaktionen in den sozialen Medien erlebt hätten. 22 Prozent berichteten von Gewaltandrohungen, 15 Prozent erwähnten Morddrohungen gegen sich.

Belgischer Virologe von Scharfschützen bedroht

Extreme Beispiele einer reellen Bedrohung nach öffentlichen Meinungsäußerungen sind das Paket an den Berliner Virologen Christian Drosten, dessen Inhalt eine Substanz mit dem Label „positiv“ und der Aufforderung, sie zu trinken, enthielt. Drosten berichtete vor rund einem Jahr auch bei einem Kongress in Berlin, welche Kehrseiten seine Bekanntheit bis in den Alltag hinein hat: Da es ihm „ziemlich unangenehm“ sei, beim Einkaufen angestarrt zu werden, gehe er mit Sonnenbrille und Mütze raus, um nicht erkannt zu werden.

Der belgischen Virologen Marc Van Ranst und seine Familie wurden an einen geheimen Ort in Sicherheit gebracht, nachdem ein militärisch ausgebildeter Scharfschütze verschwunden war, der zuvor eine Notiz hinterlassen hatte, Virologen ins Visier zu nehmen.

Krutika Kuppalli, Fachärztin für Infektionskrankheiten, hatte ihren neuen Job an der Medical University of South Carolina in Charleston gerade mal eine Woche, als sie im September 2020 einen Anruf auf ihrer Privatnummer erhielt, berichtet sie gegenüber „Nature“. Der Anrufer drohte damit, sie umzubringen. Kuppalli hatte seit Monaten bereits Onlineanfeindungen hinnehmen müssen, nachdem sie mehrere Interviews zum Thema Covid-19 in großen TV-Sendern gegeben und vor einem Kongressausschuss ausgesagt hatte, wie man während der Pandemie sichere Wahlen abhalten könne. Doch der Anruf war der traurige Höhepunkt: „Ich hatte furchtbare Angst, war nervös und aufgewühlt“ sagte Kuppalli, die mittlerweile bei der Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf arbeitet, zu „Nature“.

Auch wenn mehr als 80 Prozent der Befragten im Kontext mit öffentlichen Äußerungen über persönliche Angriffe oder Troll-Kommentare in den sozialen Medien berichteten, gaben 84 Prozent an, positive oder hauptsächlich positive Erfahrungen in ihrer Zusammenarbeit mit klassischen Medien gemacht haben. 60 Prozent erwähnten allerdings auch, dass ihre Bereitschaft, mit Medien zu reden, durch Troll-Attacken und persönliche Angriffe abgenommen habe. Insgesamt sechs der Befragten gaben, sie seien physisch attackiert worden.

Wissenschaftler fordern weitere systematische Untersuchungen

Fabian Prochazka, Juniorprofessor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt, sagt gegenüber dem SMC: „Die Studie und vor allem die Fallbeispiele im Artikel geben wichtige Einblicke in das Problem von Hass gegen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Bei polarisierenden und politisch stark aufgeladenen Themen werden Forschende zunehmend zum Ziel von Anfeindungen. Online-Hass kommt in Deutschland überwiegend von rechts, daher sind Wissenschaftlerinnen besonders gefährdet, die sich zu Themen wie Migration oder Populismus äußern. Die Corona-Pandemie hat hier für eine deutliche Verschärfung gesorgt: Wissenschaftler werden teilweise massiv aus dem Impfgegner- und Querdenker-Spektrum angefeindet und bedroht.“

Michael Brüggemann, Professor für Kommunikationswissenschaft und Klima- und Wissenschaftskommunikation an der Universität Hamburg sieht Bedarf für eine systematische, wissenschaftliche Untersuchung: „Offenbar gibt es ein Problem mit Aggression gegenüber Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Aber offen ist: Wie weit verbreitet ist diese Aggression wirklich und in welchen Ländern und Randbedingungen trat sie auf?“

Um ein neues Phänomen handelt es sich laut Kommunikationsexperten nicht. „Die Pandemie wirkte jedoch wie ein doppeltes Brennglas. Alle Dynamiken, die wir in der Forschung bereits beschrieben hatten, traten nun in hoher Konzentration und Blitzgeschwindigkeit zutage“, erklärte Konstanze Marx von der Universität Greifswald. Sie sehe Handlungsbedarf im „generellen Diskursklima“, also auch in Medien und Politik. Gebraucht werde ein Klima der Wissenschaftsfreundlichkeit.

RND/dk/dpa/kr

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