“Corona war bei uns nie weg”: Besuch auf einer Intensivstation

  • Schon jetzt liegen mehr Covid-Patienten auf den Intensivstationen als bei der ersten Welle im Frühjahr.
  • Zwar sind noch Tausende Betten frei – es gibt aber nicht genug Intensivpflegerinnen und -pfleger, um so viele Patienten zu betreuen.
  • Bei vielen wirken die Belastungen aus der ersten Welle noch nach. Außerdem ist die Pflege von Corona-Intensivpatienten besonders aufwendig – psychisch wie physisch.
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Bad Lippspringe. Das Drehen ist ein Pro­blem. Das Drehen ist wichtig, sagt Niclas Frie, damit sich die Patienten nicht wund liegen und weil die Bauchlage die Lunge entlastet. Aber zugleich ist das Drehen schwierig, wegen der Schläuche und erst recht, wenn die Patienten an der künstlichen Lunge hängen.

„Zu dritt, zu viert, zu fünft machen wir das“, sagt Niclas Frie. Drei, vier oder fünf Pflegerinnen und Pfleger also, die sich Schutzkleidung anziehen, ausziehen, desinfizieren. Allein das kostet am Tag eine halbe Stunde. Aber das ist nur ein Beispiel.

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Es ist Dienstagmorgen im November, Niclas Frie steht in Zimmer 221, am Bett von Patient S. Der ist 60 Jahre alt, er wird künstlich beatmet, über eine Kanüle in seiner Luftröhre, und über eine Sonde künstlich ernährt, im Vorraum steht das Dialysegerät, an das er stundenweise angeschlossen wird.

Ein schwaches Nicken

Frie, 32 Jahre, groß, schlaksig, trägt einen weiten Schutzkittel, grüne Handschuhe, Maske über Mund und Nase, Schutzschild vor dem Gesicht. S. ist wach, der weite Blick aber unbewegt zur Decke gerichtet.

Wie es ihm gehe, fragt Frie. Die Reaktion ist ein kaum merkliches Nicken. Herr S. ist seit dem 7. Oktober coronapositiv, seitdem im Krankenhaus, seit einer Woche liegt er hier, auf der Intensivstation der Karl-Hansen-Klinik.

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„Drücken Sie doch mal meine Hand“, bittet Frie Herrn S. Dessen Finger schließen sich, ganz langsam, wie mit unendlicher Mühe. „Sehr gut“, sagt Frie aufmunternd.

Später wird er sagen, dass S. Fortschritte mache, aber auch, dass der Händedruck seiner dreijährigen Tochter deutlich fester sei.

Es liegt noch ein langer Weg vor Patient S. – und sehr viel Arbeit vor Niclas Frie und seinen Kolleginnen und Kollegen. Wahrscheinlich mehr Arbeit, als sie schaffen können.

Niclas Frie, Intensivpfleger und Stationsleiter in der Karl-Hansen-Klinik in Bad Lippspringe. © Quelle: Villegas
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Die Intensivstationen in Deutschland stehen vor einem riesigen Problem. Mehr als 3000 Corona-Patienten behandeln sie derzeit, mehr als auf dem Höhepunkt im Frühjahr. Nur dass damals die Zahl der Neuinfektionen bereits sank, während sich jetzt ein Berg von weiteren, bereits infizierten Patienten auf sie zubewegt, ohne dass der aktuelle Lockdown daran etwas ändern könnte. Die Menschen landen eben erst mit Verzögerung auf den Intensivstationen. „In vier Wochen werden wir die Folgen der Spitzenwerte jetzt sehen“, warnt der Präsident der Intensiv- und Notfallmediziner, Uwe Janssens. Knapp 7000 freie Erwachsenenintensivbetten weist die Statistik noch aus. Nur ist das, wie sie hier wissen, im Zweifel ein eher theoretischer Wert.

Keine Woche ohne Corona

„Corona war bei uns nie weg“, sagt Niclas Frie, Intensivpfleger und Leiter der Intensivstation. „Wir hatten hier, bis auf eine halbe Woche mal, immer Corona-Patienten.“

Die Karl-Hansen-Klinik in Bad Lippspringe ist ein Spezialfall, eine Drei-in-eins-Klinik: Akutspital für die Region, Fachklinik für das Land und stille Reserve im Kampf gegen die Pandemie. Mehr als 200 Covid-Patienten haben sie hier in der ersten Welle versorgt, auch manche aus Belgien. Es sind die schwersten Fälle, die hierherkommen. Die, von denen klar ist, dass sie lange brauchen werden, um ins Leben zurückzufinden. Allein 40 Intensivbetten haben sie hier, die High-Care-Unit mit 16 Betten wurde erst vor einem Jahr gebaut. Helle Gänge, nur Einzelzimmer, modernste Geräte, von denen einige noch unter Folie auf den Gängen stehen. An Geräten, so viel ist klar, mangelt es nicht.

28 Intensivbetten sind jetzt belegt, davon vier mit Covid-19-Patienten. 28 von 40, das klingt nach viel Platz. Nur sagt Frie eben auch: „Bei 30 sind wir hier eigentlich am Ende.“ Mit dem Personal, nicht mit den Betten.

Mehr als 3000 Kräfte fehlen

Das ist etwas, was viele in Deutschland erst lernen mussten: dass es nicht allein darum geht, ob es genug Beatmungsgeräte und Betten für Covid-Patienten gibt, sondern vor allem darum, ob es genug Menschen gibt, die sich um sie kümmern. 3000 bis 4000 Intensivpflegerinnen und -pfleger, so rechneten Experten zuletzt, fehlen.

Frie war Rettungssanitäter, er wollte Medizin studieren, die Pflegeausbildung sollte die Wartezeit überbrücken. Doch dann realisierte er, dass er sich geirrt hatte: „Ich merkte, dass ich Menschen von A bis Z versorgen wollte.“ Und dass der Arztberuf da nicht das Richtige war. Wenn er heute über die Gänge der Station geht, kann er über Interleukin-6-Werte für die Prognose von Covid-Patienten ebenso reden wie über die psychische Verfassung seiner Patienten und die Details des Waschens.

Das macht ihn und seine zigtausend Kollegen in dieser Pandemie so wichtig – und zugleich so anfällig für die Belastungen.

Am Mittwochmorgen gibt es auf der Intensivstation eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Ein Patient ist negativ getestet worden – nachdem er seit Juli durchgängig positiv war. Die schlechte: Ein neuer Corona-Patient, verlegt aus einer anderen Klinik, ist in kritischem Zustand. Der 47-Jährige ist ein ECMO-Patient, dessen Blut außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert wird, dazu dialysepflichtig. „Pflegerische Maximalversorgung“, sagt Niclas Frie.

Eine halbe Stunde Schicht braucht Pfleger Frie allein für das An- und Ausziehen der Schutzkleidung. © Quelle: Villegas

Auf einer Intensivstation kümmert sich eine Pflegekraft um zwei bis drei Patienten. Das ist der Schlüssel. Das reicht aus, wenn auch nicht so pflegeintensive Patienten auf der Station sind, leichtere Herzinfarkte zum Beispiel. Corona-Patienten aber sind fast immer intensiv. Und: Die psychische Belastung ist enorm – für die Patienten wie für die Pflegenden.

Wer mit Schwestern und Pflegern spricht, die im Frühjahr hier, an vorderster Linie, Dienst taten, dem wird rasch klar, dass die Anstrengung dieser ersten Welle nachwirkt. „Wir hatten eine Nacht, da ist jeweils um drei, um vier und um fünf jemand gestorben“, so Frie. Die anderen, die überlebten, waren kaum dieselben wie zuvor. „Wir hatten hier gestandene Männer, denen wir zeigen mussten, wie ein Waschlappen funktioniert“, so Pflegerin Monika Galonska. „Oder die 21-Jährige, die am Rollator wieder gehen lernen musste.“ Und der Mann in den Sechzigern, der nur noch gebeten habe: „Lasst ihr mich jetzt endlich sterben?“ Einsam waren diese Menschen, viele durften über Wochen ihre Familien nicht sehen. Für sie war der Händedruck am Intensivbett das Persönlichste an Kontakt.

Monika Galonska ist 47 Jahre alt, seit 26 Jahren ist sie Pflegerin. „In all der Zeit“, sagt sie, „habe ich nichts Vergleichbares erlebt. Das kommt mir vor wie eine ganz andere Epoche.“ „Um fünf Jahre“, sagt Niclas Frie, sei er in der Zeit gealtert. Er ist in der Zeit, um Ostern, zum zweiten Mal Vater geworden. Eine Woche nach der Geburt war er wieder auf Station.

In 26 Jahren als Pflegerin nie etwas ähnlich Gravierendes erlebt: Monika Galonska. © Quelle: Villegas

Die materielle Ausstattung vieler Kliniken ist jetzt besser. Um die seelischen Kräfte vieler Pflegender steht es schlechter

Sie hätten im Frühjahr eine Psychologin für die Pflegekräfte engagiert, sagt Regina Düsterhus, die Pflegedienstleiterin. Es gab kostenloses Essen, Supervision. Aber es kam eben „der Moment, an dem man sich nicht mehr an irgendwelche Patientengrenzen halten kann“ – in dem also alle mehr und länger arbeiteten, als es die Regeln vorsehen. Das hatte Folgen. Es habe, sagt Düsterhus, am Ende auch Krankmeldungen gegeben, wegen der Belastung.

Dank kommt nur im Privaten

Und Dank? Den gab es auch. Zum Beispiel in Form jenes Fotos, das jetzt im Dienstraum hängt. Es zeigt den Mann, der im Frühjahr den Tod ersehnte, wie er jetzt sein Enkelkind in die Höhe stemmt, er hat es in die Klinik geschickt, das Dokument einer Heilung. Nur von dem Corona-Bonus, den der Gesundheitsminister im Frühjahr versprochen hatte, hat Frie nichts gesehen. Stattdessen, erzählt er, habe ihm sein Schwiegervater, der in einer Kartonfabrik arbeitet, etwas von seinem Bonus abgegeben, den er bekam, weil er immer da war. Eine Geste zwischen Solidarität und Mitleid.

„Ich fühle mich“, gestand zuletzt der Leiter der internistischen Intensivstation der Uniklinik Köln, Matthias Kochanek, in einer Diskussion, „in vielen Belangen vollkommen überbezahlt für das, was ich leiste, im Gegensatz zu dem, was die Pflegekräfte leisten müssen.“

Kein Mangel: Neue Beatmungsgeräte auf dem Flur der Intensivstation. © Quelle: Villegas

Es ist jetzt Freitagmittag auf der Intensivstation in Bad Lippspringe, Niclas Frie macht gleich Feierabend. Um am Abend für die Nachtschicht wiederzukommen. Eine Kollegin ist krank, Ersatz hat er auf die Schnelle nicht gefunden. „Da macht man es dann eben selbst.“

Wie es weitergeht? „Die nächsten 14 Tage“, sagt er, „werden entscheidend sein.“ Dann werde sich zeigen, wie viele Patienten wirklich auf die Intensivstationen kommen und wie krank sie sind. Er klingt gelassen, wie jemand, der kein Freund von Schreckensszenarien ist. „Wegschicken“, glaubt Frie, „werden wir am Ende niemanden.“ Aber nur, weil sie am Ende eben mehr arbeiten werden, wie im Frühjahr.

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