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Angstforscher zur Corona-Stimmung: Aus Angst wird Frust – und das hat schwerwiegende Folgen

Fast zwei Jahre Corona-Pandemie und noch kein Ende in Sicht: Der Angstforscher Borwin Bandelow beobachtet hierzulande eine „schlechte, frustrierte Stimmung“ in der Bevölkerung.

Herr Bandelow, die Pandemielage ist in Deutschland wieder sehr angespannt: Jüngst wurden neue Höchstwerte bei den Corona-Neuinfektionen erreicht, die Omikron-Variante breitet sich hierzulande immer stärker aus – und die Impfquote ist weiterhin zu niedrig. Haben Menschen angesichts dieser Entwicklungen jetzt wieder mehr Ängste?

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Ich würde nicht sagen, dass wir wieder mit mehr Ängsten zu kämpfen haben. Menschen sind adaptionsfähig und können sich auch an extreme Krisen anpassen. Deswegen haben wir uns nach fast zwei Jahren Pandemie auch an diese Situation gewöhnt. Außerdem ist die aktuelle Situation hinsichtlich der Einschränkungen im Alltag besser als noch vor einem Jahr – das gerät schnell in Vergessenheit. Vor einem Jahr sind wir kaum noch rausgegangen, heute sind die Restaurants aber voll. Die Ängste halten sich derzeit auch deshalb in Grenzen, weil ein Großteil der Bevölkerung geimpft ist und die neue Corona-Variante bislang zu milderen Krankheitsverläufen führt.

Insgesamt herrscht in der Bevölkerung derzeit immer noch eine schlechte, frustrierte Stimmung.

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Sind solche positiveren Nachrichten auch ein Grund, warum die Bevölkerung weniger ängstlich ist als noch vor einem Jahr?

Ja, diese Meldungen geben Hoffnung – und deswegen sind manche Menschen auch tatsächlich trotz der anderen, negativen Nachrichten eher positiv gestimmt. In Krisen ist es meistens so, dass die ersten Wochen besonders schlimm sind – zu der Zeit haben die Leute besonders viel Angst. Am Anfang der Pandemie hatte man schließlich noch keine Impfstoffe und über das Virus war nur wenig bekannt. Das hat sich inzwischen geändert, weil wir mehr Waffen gegen das Virus haben und uns an die Krise gewöhnt haben. Das heißt aber nicht, dass alle Menschen plötzlich glücklich sind. Insgesamt herrscht in der Bevölkerung derzeit immer noch eine schlechte, frustrierte Stimmung.

Woher kommt diese frustrierte Stimmung primär?

Aktuell geht nichts so richtig weiter. Sei es die Zahl der Erstgeimpften, die so ziemlich stagniert – oder auch die Tatsache, dass die Menschen noch immer weniger Freiheiten als vor der Pandemie haben. Zudem ist noch kein Ende der Pandemie absehbar und eine weitere große Infektionswelle kommt wegen der Ausbreitung von Omikron auf uns zu. Die Frustration ist also vor allem ein Resultat der Unsicherheit, die uns im Alltag begleitet: Niemand kann genau sagen, wie wir im Frühjahr und Sommer leben werden und wann die Pandemie endet.

Borwin Bandelow ist Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen.

Borwin Bandelow ist Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen.

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Welche Folgen hat diese pandemiebedingte Frustration für die Gesellschaft?

Je länger die Pandemie geht, desto mehr Menschen verfallen in eine Art Lethargie

Aktuell zeigt sich, dass die Schuld für die Situation in anderen Menschen gesucht wird, nicht aber bei dem Coronavirus. Das Virus kann man nun mal nicht verhaften und einsperren, deswegen wird beispielsweise den Impfgegnern oder auch der Regierung die Schuld für die Misere gegeben. Bei Geimpften macht sich etwa Frustration breit, weil sie sich so fühlen, als hätten sie alles richtig gemacht, aber trotzdem das ausbaden müssen, was die Ungeimpften falsch machen. Das kann auch zu Resignation führen – und je länger die Pandemie geht, desto mehr Menschen verfallen in eine Art Lethargie. Sie haben das Gefühl, dass wir die Kontrolle über das Coronavirus verloren haben. Mit den Impfungen und den teils rückgängigen Infektionszahlen wurde das Gefühl der Kontrolle zwar während der Pandemie zumindest zeitweise immer wieder erlangt, jedoch haben unter anderem die Corona-Varianten und die geringe Impfquote die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Pandemie gedämpft. Nach dem Motto: Wenn ich nichts mache, geht es mir schlecht, aber wenn ich etwas mache, dann geht es mir auch schlecht.

Von der Pandemie zur Endemie – Wann ist Corona endlich vorbei?

Seit knapp zwei Jahren wütet weltweit das Coronavirus. Erst, wenn genug Menschen grundimmunisiert sind, kann die Pandemie zur Endemie werden.

Bedeutet diese Resignation also, dass es manchen Menschen nun fast schon egal wird, ob sie sich noch infizieren oder nicht?

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Das kommt sicherlich auf die Altersgruppe an. Ältere Menschen sind im Vergleich besorgter, weil es auch vorkommen kann, dass sie trotz der Impfung schwer erkranken. Für sie ist es meist also nicht egal, wenn sie erkranken. Jüngere betrachten die Lage aus einem anderen Blickwinkel, weil sie – vor allem mit der Impfung – weniger gefährdet sind. Sie müssen aber teils immer noch auf Konzerte oder größere Feiern verzichten – und das, obwohl sie geimpft sind. Deswegen fragen sich schon viele von ihnen, was sie denn noch tun sollen und fühlen sich resigniert.

Erfahrungsgemäß kommt es bei neuen Pflichten also immer erst zu einer Polarisierung, die nach der Einführung allmählich abnimmt.

Viele Expertinnen und Experten sehen in der Impfpflicht eine Möglichkeit, einen schnelleren Weg aus dieser Pandemie zu finden – und Menschen wieder diese langersehnten Freiheiten zu ermöglichen. Skeptikerinnen und Skeptiker einer Impfpflicht haben jedoch Angst vor einer zu großen Polarisierung der Gesellschaft. Ist das tatsächlich zu befürchten?

Ja, allein die Debatte um die Impfpflicht führt zu einer Polarisierung. Ähnliches haben wir auch schon in der Diskussion um die Masern-Impfpflicht beobachtet. Das Resultat war aber, dass diese Maßnahme im Kampf gegen die Masern sehr geholfen hat und die Pflicht auch weitestgehend eingehalten wird. Selbst in Zeiten der Einführung der Sicherheitsgurtpflicht in Autos gab es Kritiker. Doch die Zahl der Menschen, die durch einen Autounfall ums Leben gekommen sind, ist seitdem wesentlich geschrumpft – und heute beschwert sich kaum noch jemand darüber. Erfahrungsgemäß kommt es bei neuen Pflichten also immer erst zu einer Polarisierung, die nach der Einführung allmählich abnimmt. Man darf bei der Debatte auch nicht die möglichen positiven Effekte für manche Impfskeptiker vernachlässigen.

Inwiefern können Impfskeptikerinnen und Impfskeptiker davon profitieren?

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Angst ist ein wesentlicher Grund, warum sich viele Menschen nicht impfen lassen. Sie befürchten, dass sie die falsche Entscheidung treffen würden, wenn sie sich impfen lassen – und nehmen es stattdessen eher in Kauf, an Corona zu erkranken. Denn letzterer Fall wäre in ihren Augen eher Schicksal und eben keine Fehlentscheidung. Eine Impfpflicht könnte vielen Skeptikern, die aktuell den Kopf in den Sand stecken und lieber gar nichts machen, diese Entscheidung abnehmen. Gleichzeitig werden sie damit besser vor einer schweren Erkrankung geschützt. Es wird zwar auch bei einer Impfpflicht noch Menschen geben, die sich extrem wehren werden und lieber Bußgeld zahlen, als sich impfen zu lassen. Aber für viele Ungeimpfte wird sie auch eine Erleichterung sein, die ihnen eine schwierige Entscheidung abnimmt. Aktuell verkalkulieren sich noch zu viele Ungeimpfte mit ihrer Annahme, dass eine Impfung für sie schlimmer als das Virus wäre. Denn das Coronavirus ist ganz eindeutig gefährlicher als die Impfungen, bei denen schwerwiegende Nebenwirkungen extrem selten sind.

Manche verfallen in eine totale Panik, wenn sie den positiven Test sehen.

Diese Angst vor den Impfungen kann schwere Folgen haben. So häufen sich die Fälle von Menschen, die sich gewünscht hätten, dass sie selbst oder ihre gestorbenen Familienmitglieder geimpft gewesen wären. Was machen die Betroffenen durch, wenn sie oder ihre Liebsten sich infizieren – und das Coronavirus für sie plötzlich real wird?

Es gibt unterschiedliche Reaktionen auf diese Realisierung. Das betrifft ja nicht nur Ungeimpfte, die das Virus vorher als weniger gefährlich eingeschätzt haben, sondern auch Geimpfte, die bereits zuvor Angst vor dem Virus hatten. Manche verfallen in eine totale Panik, wenn sie den positiven Test sehen. Das ist ein Schock, weil gerade den Risikogruppen dadurch klar wird, dass sie schlimmstenfalls an der Erkrankung sterben könnten. Mitunter haben sie auch Angst davor, was nun auf sie zukommt – schließlich müssen sie dann für längere Zeit in Isolation und können nicht ihre Familie oder Freunde sehen. Andere bleiben dagegen weiterhin bei der Auffassung, dass sie die Erkrankung problemlos wegstecken. Intensivmediziner haben beispielsweise auch beobachtet, dass manche Erkrankte erst kurz bevor sie beatmet werden müssen den Ernst der Lage begreifen – und dann ist es häufig schon zu spät.

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