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Das Ende der Sieben-Tage-Inzidenz? Wieso die Kennzahl trotz Impfungen (noch) wichtig bleibt

  • Die Sieben-Tage-Inzidenz verliere durch die Corona-Impfungen an Aussagekraft, sagt Gesundheitsminister Jens Spahn.
  • Die Covid-19-Erkrankten in den Kliniken würden deshalb ein zunehmend wichtiger Indikator.
  • Eine komplette Abkehr vom Wert sei aber der falsche Weg, sagt das RKI, das stattdessen auf die Analyse gleich mehrerer Kennzahlen pocht.
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In dieser Pandemie ist es zum täglichen Morgenritual geworden, die aktuelle Zahl der Corona-Neuinfektionen auf Bundesebene entweder im RKI-Dashboard zu registrieren oder in den Nachrichten zu vernehmen. Aber ist die täglich vermeldete Sieben-Tage-Inzidenz überhaupt noch ein ausreichend relevanter Wert angesichts rund 43 Prozent vollständig Geimpfter (Stand 12. Juli)? Oder wird diese Kennzahl inzwischen weniger wichtig zur Beurteilung? Jens Spahn (CDU) pochte zuletzt darauf, das Pandemiegeschehen in Deutschland nun anhand mehrerer Indikatoren zu bewerten.

„Da die gefährdeten Risikogruppen geimpft sind, bedeutet eine hohe Inzidenz nicht automatisch eine ebenso hohe Belastung bei den Intensivbetten“, schrieb der Bundesgesundheitsminister am Sonntag bei Twitter. „Die Inzidenz verliert zunehmend an Aussagekraft, wir benötigen nun noch detailliertere Informationen über die Lage in den Kliniken.“ Künftig müssten alle im Krankenhaus behandelten Covid-Erkrankten, ihr Alter, die Art der Behandlung und ihr Impfstatus gemeldet werden. So könne zeitnah abgeschätzt werden, wie hoch die Belastung für das Gesundheitssystem wird und „wie gut die Impfungen wirken“.

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Corona-Maßnahmen: mehrere Indikatoren nötig

Auch das Robert Koch-Institut (RKI) arbeitet einem Medienbericht zufolge an einer Empfehlung mit ähnlichem Tenor. Darin soll die Hospitalisierung als zusätzlicher Leitindikator zur Beurteilung des Pandemiegeschehens eingeführt werden – also die Anzahl der Schwerkranken in den Krankenhäusern. Das zumindest berichtete die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf eine interne Präsentation des RKI. Es seien „weiterhin mehrere Indikatoren zur Bewertung notwendig, aber die Gewichtung der Indikatoren untereinander ändert sich“, hieß es laut „Bild“ in dem RKI-Papier. Das Robert Koch-Institut ließ den Medienbericht auf Nachfrage des RND allerdings unkommentiert.

Die Debatte um die Aussagekraft der Kennziffer ist nicht neu. In der Tat ist der Inzidenzwert nicht allein ausschlaggebend zur Beurteilung der Pandemie. Und das war er auch noch nie. Allein ein Blick in den täglich veröffentlichten Situationsbericht des RKI zeigt, dass es bereits lange weit mehr Kennziffern zur Corona-Lage in Deutschland gibt. Neben der Anzahl der mit dem Coronavirus Infizierten innerhalb von sieben Tagen berechnet auf 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner, also der Inzidenz, wird dort etwa dargelegt: die Verteilung der Infektionen nach Altersgruppen, die Positivenquote bei den untersuchten PCR-Tests, der R-Wert – und auch die laut Divi-Register belegten Intensivbetten mit an Covid-19 Erkrankten.

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Auch relevant: schweres Covid-19, Altersstruktur, Kontaktnachverfolgung

Die Frage ist eben nur, inwieweit alle diese epidemiologischen Daten als Grenzwerte über regionale wie bundesweite Corona-Maßnahmen entscheiden sollen. Die Politik hat das in der Hand – auch wenn die Wissenschaft dazu berät. In einem Strategiepapier mit einem Stufenplan für Öffnungen von Anfang Juni machte das RKI bereits deutlich, dass die automatische Kopplung an einen einzelnen Indikator – wie zum Beispiel die Sieben-Tage-Inzidenz – „nicht ausreichend“ sei. Um schwere Erkrankungen, Langzeitfolgen und Todesfälle zu minimieren sowie eine Überlastung des Gesundheitssystems nachhaltig zu vermeiden, brauche es die Analyse auf lokaler Ebene. Und neben der Inzidenz drei weitere sogenannte „Kernindikatoren“:

  • Anteil intensivmedizinisch behandelter Covid-19-Fälle an der Gesamtzahl der Bettenkapazität
  • Die wöchentliche Inzidenz hospitalisierter Fälle unter den über 60-Jährigen pro 100.000 Menschen
  • Den Anteil der Kontaktpersonen, die nachverfolgt werden können

Zusätzlich sollten auch der R-Wert, der Anteil neuer Varianten und der Fälle ohne ermittelbare Infektionsquelle berücksichtigt werden – ebenso wie Anzahl, Größe und Setting der Ausbruchsgeschehen. „Die Inzidenz war nie einziger Parameter, um das Pandemiegeschehen zu beurteilen. Aber sie ist und bleibt ein wichtiger Parameter“, betonte auch ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums am Montag. Infolge des Medienberichts von „Bild“ stellte er klar, dass die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz auch weiterhin berücksichtigt werde.

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Corona-Inzidenz und Krankenhaussituation hängen weiterhin zusammen

Aber wieso ist die Kennziffer noch relevant, wenn die Zahl der Geimpften immer weiter nach oben klettert? Bei steigenden Infektionszahlen und einem zeitgleichen R-Wert über 1 – wie es dieser Tage der Fall ist – ist das ein Hinweis darauf, dass sich die Infektionsdynamik angesichts der Ausbreitung der ansteckenderen Delta-Variante wieder beschleunigt. Die Inzidenz zeigt auch, wo und wie stark sich das Virus in der Bevölkerung verbreitet. Expertinnen und Experten können daraus auch Trends und Szenarien für die nahe Zukunft berechnen. Und je nachdem, in welcher Altersgruppe das Virus wie stark kursiert, kann eine steigende Inzidenz auch weiterhin Auswirkungen auf die Kliniken haben – trotz einer Impfquote von rund 43 Prozent.

„Wenn Deutschland die 200er-Inzidenz (wie im letzten Winter) überschreiten sollte, dann wird das sicherlich (bei den derzeitigen Varianten) kein Problem für die Intensivstationen darstellen“, twitterte dazu am Sonntag die Physikerin Viola Priesemann. Sie modelliert am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation zum Pandemiegeschehen. „Aber wenn recht bald die oberen Hunderter erreicht werden, dann kann es wegen des relevanten Anteils ungeimpfter Personen auch im KH (Anm. der Red.: Krankenhaus) wieder enger werden. Und ein guter Anteil dieser Personen hat bisher noch kein Impfangebot wahrnehmen können.“

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Die Regierung bekräftigte am Montag, dass sie bei der Beurteilung der Corona-Lage weiterhin die Sieben-Tage-Inzidenz im Blick behalten werde. Es sei auch wichtig, weitere Parameter wie die Krankenhauseinweisungen wegen Covid-19 hinzuzuziehen, um die Lage einzuschätzen. Regierungssprecher Steffen Seibert fügte hinzu, man sei unter anderem dank der Impfungen in einer recht guten Lage. Wirtschaft und Handel könnten arbeiten, das Kulturleben kehre zurück. „Das heißt aber alles nicht, dass wir schon in einer Situation der Normalität wären, wenn man mit ‚normal‘ vor der Pandemie meint.“

Ein Blick in Nachbarländer mache klar, dass niedrige Fallzahlen schnell wieder explodieren könnten. Damit gingen Risiken einher. Es könnten wieder mehr Menschen krank werden. Das Impfen habe die Gesamtrechnung verändert. „Aber wir sind noch nicht ausreichend gewappnet für den Fall, dass die Zahlen wieder wirklich stark ansteigen“, sagte Seibert.

Auch das RKI rät weiterhin zur Vorsicht. „Die Rücknahme von Maßnahmen sollte aus epidemiologischer Sicht unbedingt schrittweise und nicht zu schnell erfolgen“, heißt es im aktuellen Situationsbericht. Eine in der vergangenen Woche erschienene Modellierung im epidemiologischen Bulletin hatte ergeben, dass sich die zunehmende Dominanz der Delta-Variante vor allem dann auf die Intensivstationen auswirkt, wenn die Impfquoten bei den Zwölf- bis 59-Jährigen „bei 75 Prozent oder gar 65 Prozent stagnieren und gleichzeitig eine komplette Öffnung stattfindet“.

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