Nur wenige Corona-Infektionen in Zügen und Bussen – stimmt das?

  • Keine freie Fahrt mehr: In Bussen und Bahnen soll bald eine 3G-Regel gelten.
  • Dafür plädieren die möglichen Koalitionspartner von SPD, Grünen und FDP.
  • Hier lesen Sie wissenschaftliche Erkenntnisse rund um das Infektionsrisiko im öffentlichen Personenverkehr.
Anzeige
Anzeige

Berlin. Im öffentlichen Nah- und Fernverkehr soll künftig zusätzlich zur Maskenpflicht eine 3G-Regel gelten. Nur Geimpfte, Genesene und Getestete dürfen dann noch Busse und Bahnen benutzen. Darauf haben sich die möglichen Koalitionspartner von SPD, Grünen und FDP geeinigt und einen Gesetzesentwurf erarbeitet. Nach bisherigen Plänen sollen diese und weitere Maßnahmen erst einmal bis zum 19. März 2022 gelten. Der Bundestag soll am Donnerstag darüber abstimmen.

Gegen 3G in Bussen und Bahnen wurde lange das Argument angeführt, dass es in öffentlichen Verkehrsmitteln nur zu wenigen Corona-Infektionen komme. So sagte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU) Ende August, „dass nur wenige Infektionsfälle der Benutzung des öffentlichen Personenverkehrs zugeordnet werden können“.

Wer sich mit den vom Robert Koch-Institut (RKI) erfassten Infektionszahlen beschäftigt, sieht, dass die Auskunft aus dem Bundesgesundheitsministerium nicht gänzlich falsch ist. Allerdings: Bei einem Großteil der Infektionen ist nach wie vor nicht erfasst, wo sich die Menschen angesteckt haben.

Wo angesteckt? Bei 95 Prozent der Fälle unklar

Anzeige

Im Detail lässt sich überhaupt nicht beziffern, wo sich Menschen mit dem Erreger anstecken – besonders nicht, wenn die Fallzahlen hoch sind. Während zum Beispiel bei den 5556 neuen Corona-Fällen in der Woche zwischen dem 5. und 11. Juli bei fast jedem vierten vermerkt wurde, in welchem Umfeld die Infektion geschah, war das nach Angaben des RKI bei den 176.163 Fällen in der Kalenderwoche 44 (1. November bis 7. November) nur bei 9377 Infektionen der Fall. Das heißt: Nur bei knapp jeder 19. mit dem Coronavirus infizierten Person beziehungsweise bei einem Anteil von fünf Prozent wurde überhaupt erfasst, wo sie sich infiziert haben.

Die Pandemie und wir Unser Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.
Anzeige

Wie also aus der wöchentlich aktualisierten Tabelle des RKI bezüglich Ausbrüchen hervorgeht, existiert eine riesige Dunkelziffer. Genau sagen lässt sich aktuell nicht, wo sich Menschen anstecken. Laut der Tabelle haben sich 49 der 9377 Menschen, bei denen ein Ort der Ansteckung genannt war, in einem öffentlichen Verkehrsmittel infiziert – also ein verschwindend geringer Anteil. Die meisten Personen (4374 Menschen bzw. 46 Prozent) steckten sich in privaten Haushalten an. Danach folgen Altenheime (1219 Menschen bzw. 12 Prozent). Sonderlich aussagekräftig sind diese Zahlen aber nicht. Denn bei 95 Prozent der mit dem Coronavirus infizierten Personen ist nicht klar, wo sie sich angesteckt haben.

Infektionsfelder vorsichtig interpretieren

Dass man die Angaben zum Infektionsumfeld mit Vorsicht interpretieren muss, ist lange bekannt. Schon vor mehr als einem Jahr hatte das RKI Mitte September 2020 zu bedenken gegeben: Eine Ansteckung nachzuvollziehen, sei für ein begrenztes Umfeld – wie eine Familie oder eine Feier – eher möglich als etwa beim Aufenthalt in von vielen Menschen genutzten Räumen wie zum Beispiel Bars.

Video
Tägliche Corona-Tests für Ungeimpfte: Ampel-Parteien setzen auf 3G am Arbeitsplatz
0:53 min
Tägliche neue Rekorde bei den Infektionszahlen und kein Ende in Sicht? Die möglichen Ampelpartner setzen unter anderem auf mehr Corona-Tests.  © dpa

Weiter hieß es: „In einigen Umfeldern, beispielsweise im Bahnverkehr, lassen sich Ausbrüche nur schwer ermitteln, da in vielen Fällen die Identität eines Kontaktes im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar ist.“

Studien zum Infektionsrisiko im ÖPNV

Anzeige

Laut einer aktuellen Studie im Auftrag des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) sei die Infektionsgefahr in Bussen und Bahnen nicht höher als im eigenen Auto. Durchgeführt hatte die Untersuchung die Charité Research Organisation, ein Tochterunternehmen der Charité.

Knapp 700 Teilnehmende ohne bisherige Corona-Infektion wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe nutzte rund fünf Wochen lang öffentliche Verkehrsmittel, die andere Individualverkehr wie ein Auto oder Fahrrad. Anschließend testeten Forschende beide Gruppen auf Antikörper, die als Zeichen für eine durchgemachte Corona-Infektion gelten. Die Anzahl der Menschen mit solchen Antikörpern war in beiden Gruppen nahezu gleich. Das Fazit der Autorinnen und Autoren der Studie: Das Infektionsrisiko im Alltag steigt nicht, wenn man öffentliche Verkehrsmittel nutzt.

Eine ähnliche Untersuchung ließ die Deutsche Bahn mit mehr als 1000 ihrer Mitarbeitenden durchführen. Auch hier lautete das Ergebnis, dass Zugpersonal mit Kundenkontakt kein höheres Corona-Risiko habe als solches ohne Kontakt zu vielen Menschen.

Anzeige

Am besten FFP2-Masken tragen

Damit das Infektionsrisiko im öffentlichen Nahverkehr gering bleibt, müssen natürlich einige Schutzmaßnahmen eingehalten werden. Auf ihrer Webseite empfiehlt die Deutsche Bahn, beim Reisen FFP2-Masken zu tragen – auch, wenn es die jeweilige Regierung des Bundeslandes nicht explizit vorschreibe. Außerdem sollten Bahnfahrende Abstand zu Mitreisenden und Zugpersonal halten.

Die Bahn wiederum hat nach eigenen Angaben die Unterwegsreinigungen im Fernverkehr verdoppelt und in vielen Zugtoiletten Desinfektionsmittel-Spender installiert.

RND/dpa/saf

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen