Ethikexpertin warnt: „Die Gesellschaft wird durch die 2-G-Regel gespalten“

  • Die Gesundheitsethikerin Ruth Baumann-Hölzle hält die 2-G-Regel für gefährlich.
  • Ungeimpfte würden mit der politischen Strategie zunehmend ausgegrenzt, sagt sie im RND-Gespräch.
  • Regierende seien dazu verpflichtet, besser darüber zu informieren, wieso sie sich für die Impfung aussprechen – statt durch Druck die Impfquote steigern zu wollen.
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Angesichts der stockenden Impfungen nimmt die Debatte über strengere Corona-Vorgaben für Ungeimpfte in Deutschland und Europa weiter Fahrt auf. So spricht sich beispielsweise der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, schon jetzt für eine Ausdehnung von Zugangsmöglichkeiten nur für Geimpfte und Genesene aus – nicht aber für negativ Getestete.

Ruth Baumann-Hölzle schaut sich die Debatte um 2 G und 3 G aus ethischer Perspektive an. Sie berät international zahlreiche Organisationen bei heiklen Entscheidungen an der Schnittstelle zwischen Gesundheitswesen und Gesellschaft. In Zürich leitet sie zudem ein Interdisziplinäres Institut für Ethik. Baumann-Hölzle war von 2001 bis 2013 Mitglied der nationalen Ethikkommission in der Schweiz.

Frau Dr. Baumann-Hölzle, als Ethikerin ist es Ihr Job, auf ethische Spannungsfelder in unserer Gesellschaft hinzuweisen. Was halten Sie von der 3-G- und wahlweise 2-G-Regel, die aktuell in vielen Ländern umgesetzt werden?

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Der Staat muss für Verhältnisse sorgen, die ein friedliches Zusammenleben ermöglichen. Aktuell sehen wir aber, wie die Gesellschaft insbesondere durch 2 G gespalten wird. Ich halte diese Maßnahmen für gefährlich. Das ist keine politisch kluge Strategie.

Ruth Baumann-Hölzle ist Gesundheitsethikerin der Stiftung Dialog Ethik in Zürich und berät international zu ethischen Fragestellungen, wenn es hochkomplex wird. © Quelle: Dialog Ethik/ Axel Spichale

Wie meinen Sie das?

Ein Teil der Bevölkerung wird zunehmend ausgegrenzt und die gesellschaftliche Teilhabe erschwert. Bei der 2-G-Regel haben nur noch Geimpfte und Genesene Zugang zu bestimmten Lebensbereichen – und Ungeimpfte keine Möglichkeit der Teilhabe an Aktivitäten des guten Lebens. Bei der 3-G-Regel haben Geimpfte, Genesene und Getestete zwar Zugang: also zum Restaurant, Fitnessstudio, Hotel. Aber es ist unverständlich, wenn der Staat mit der Einführung gleichzeitig ankündigt, PCR-Tests und Schnelltests kostenpflichtig zu machen. Dann haben nur Bevölkerungsgruppen Wahlfreiheit, die sich das leisten können. Das verletzt den Anspruch auf Zugangsgerechtigkeit.

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Der Zugang zum öffentlichen Leben wird in dieser Phase der Pandemie also zunehmend über die Kategorien „Ungeimpft“ und „Geimpft“ verhandelt. Mit welchen Folgen ist aus ethischer Sicht zu rechnen?

Durch so eine Privilegienwirtschaft wird das gesellschaftliche Klima vergiftet. Am Ende kann Gewalt eskalieren – in körperlicher wie auch sprachlicher Form. Befürworter wie Gegner von Maßnahmen stehen sich immer unversöhnlicher gegenüber. Das ist schon jetzt in Ansätzen zu beobachten: Wer sich aus welchen Gründen auch immer nicht impfen lassen möchte, wird zum Feind – und nicht mehr nur ein Mensch mit einer anderen Haltung. Es gibt dann kein Gespräch mehr auf Augenhöhe.

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Wie sähe so eine Gesellschaft im Extremfall aus?

Stellen Sie sich vor, wir würden die Gesundheit immer als absoluten Maßstab setzen. Dann dürften wir ganz vieles nicht mehr: keine Risikosportart ausüben, keinen Alkohol trinken, nur noch gesund essen. Wir könnten dazu gezwungen werden, so und so viele Schritte machen zu müssen. Bei der Pandemie geht es dann noch um die Frage der Fremdgefährdung. Wenn wir diese ganz ausschalten wollten, dürften wir ab sofort beispielsweise nicht mehr Auto fahren. Stellen Sie sich vor, sensible Gesundheitsdaten würden auch nach der Pandemie regelmäßig dem Arbeitgeber oder dem Staat verfügbar gemacht. Angesichts der genetischen Testmöglichkeiten eine sehr unheimliche Vorstellung.

Das wäre ein gefährliches Szenario für unsere Gesellschaft. Regierende müssen sich deshalb schon jetzt immer wieder fragen: Ist das verhältnismäßig, was wir entscheiden? Darüber müssen sie mit den Bürgerinnen und Bürgern die ganze Zeit im Gespräch bleiben. Die Debatte vermisse ich aber im Moment.

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Kein Zugang mehr zur Kneipe, den Impfnachweis beim Arbeitgeber vorlegen müssen: Denken Sie, dass mehr Druck zu mehr Impfungen führt?

Bei gewissen Menschen schon. Doch soll der Zweck die Mittel heiligen? Gleichzeitig kommt es bei vielen zum Vertrauensverlust in den Staat und die Regierenden. Wenn Minderheiten in die Ecke gedrängt werden, ist die Gefahr groß, dass sie sich radikalisieren. Die objektiven Kriterien müssen die Menschenwürde und Menschenrechte bleiben. Und die verlangen eine Gleichbehandlung. Jeder und jede muss das Recht haben in dieser Pandemie, sich informiert für die Impfung zu entscheiden – oder eben dagegen. Wenn man nicht mehr nach dem Einzelfall differenzieren darf, wird es problematisch.

Was braucht es dann, um die hohe Impfquote erreichen zu können?

Informieren und überzeugen. Weltweit vermitteln Regierende in der Pandemie die Beweggründe für ihre Corona-Politik nicht ausreichend an die Öffentlichkeit und argumentieren nicht stimmig. Es gibt sehr viele Bekanntmachungen, die dem Stand der Wissenschaft widersprechen.

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Haben Sie ein Beispiel?

Wenn Forschende beispielsweise zeigen, dass Geimpfte eben doch noch das Coronavirus übertragen können, müssten sich doch eigentlich auch die Regeln in der Öffentlichkeit wieder ändern. Konsequent wäre dann, dass sich dann auch Geimpfte vor dem Restaurantbesuch testen lassen müssten, weiterhin Maske tragen und Abstand halten. Oder alle nicht. Sonst sind 3 G und 2 G irrational.

Das ständige Prüfen ist kein einfacher Job. Immerhin verändert sich das Wissen zum Pandemieverlauf, zu den Virusvarianten und den Impfstoffen ständig.

In einer akuten Notsituation kann man evidenzbasierte Entscheidungen natürlich nicht immer erwarten. Aber wir sind inzwischen an einem anderen Punkt als noch zu Beginn der Pandemie. Die Politik will der Bevölkerung durch die Impfung Sicherheit vermitteln. Sie wägt also die ganze Zeit ab, wie viele unsichere Faktoren den Menschen zumutbar sind. Sicher ist, es werden kurzfristig schwere Krankheitsverläufe verhindert. Aber es ist noch unklar, wie lange der Immunschutz solide hält. Zudem sind die Impfstoffe noch nicht abschließend geprüft, ihre Langzeitwirkungen unbekannt.

Die Regierung hat die Verpflichtung, ebendieses Dilemma zu benennen und zu begründen, wieso sie sich trotzdem für die Impfung ausspricht. Das ist viel besser als Unsicherheiten zu verschweigen, aus Angst davor, dass sich durch die offenen Fragen weniger Leute impfen lassen. Es ist der Bevölkerung aber zuzutrauen, zu differenzieren. Dann kann sie auch besser vertrauen und lässt sich eher überzeugen.

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