Charité-Experte: „Rechne damit, dass wir im nächsten Winter eine spürbare Entlastung haben“

  • Hoffnung sei bei den Impfstoff-Zwischenergebnissen von Biontech, Moderna und Astra Zeneca berechtigt, sagt Charité-Impfstoffforscher Leif Erik Sander.
  • Im RND-Interview erklärt der Experte, auf welches Erfolgsrezept alle weit fortgeschrittenen Impfstoffkandidaten setzen.
  • Es seien noch wichtige Fragen beim Immunschutz offen – und mit einem Wundermittel gegen Covid-19 sei in naher Zukunft nicht zu rechnen.
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Impfstoff, Immunität, Entwicklung von Therapien gegen Covid-19: Bei pharmazeutischen Ansätzen zur Virusbekämpfung haben Forscher schon einiges erreicht – und für 2021 viel vor. Denn die Pandemiedynamik könnte bereits ein Stück weit ausgebremst werden. Aber ist diese Hoffnung berechtigt? Einer, der Coronaviren, Impfstoffkandidaten und Medikamente gut beurteilen kann, ist Professor Leif Erik Sander.

Er ist Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Berliner Charité. Sein Team wird auch die Mittel von Biontech/Pfizer und Moderna genauer unter die Lupe nehmen – und untersuchen, was sich nach einer Impfung genau im Körper unterschiedlicher Altersgruppen abspielt.

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Herr Sander, Biontech/Pfizer und Moderna haben einen Zwischenbericht zu ihren Impfstoffen gegen Covid-19 veröffentlicht, Astra Zeneca und Johnson & Johnson zeigen auch erste Daten. Ist Hoffnung berechtigt?

Das sind sehr ermutigende Daten. Ich rechne fest damit, dass die Impfstoffe funktionieren. Die Ergebnisse zur Immunantwort sind durchweg positiv ausgefallen. Positiv überrascht und auch erleichtert bin ich über die hohe Effektivität, die in den Zwischenauswertungen von Pfizer/Biontech und Moderna angegeben wurde. Rund 95 Prozent der Infektionen können demnach durch die Impfung verhindert werden. Dass die Impfstoffe so gut funktionieren, habe ich nicht erwartet.

Was ist das Erfolgsrezept der Impfstoffkandidaten, die besonders weit fortgeschritten sind?

Der große Vorteil bei der Suche nach einem Impfstoff gegen Covid-19 war, dass es bereits Erfahrungen mit den anderen Sars- und Mers-Coronaviren gab. Wissenschaftler*innen weltweit gingen schon früh davon aus, dass sich neutralisierende Antikörper gegen das sogenannte Spikeprotein richten, und dieses daher ein guter Angriffspunkt für Impfstoffe sein könnte. Fast alle Impfstoffprojekte – egal ob mRNA-Impfstoff oder Vektorimpfstoff – verfolgen deshalb dieselbe Strategie. Sie richten sich im Grunde alle gegen das Spikeprotein. Dieses Protein nutzt Sars-CoV-2, um in Körperzellen in den Atemwegen eindringen zu können.

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Hätte sich nun bei den ersten Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna herausgestellt, dass diese Strategie nicht funktioniert, hätten wir jetzt theoretisch ein Riesenproblem. Dann wäre es sehr wahrscheinlich, dass auch fast alle weiteren Impfstoffe nicht funktionieren. Dies war aber nicht zu erwarten und ist ja glücklicherweise auch nicht eingetreten.

Mit einer Impfung wird ein Schutz vor Ansteckung künstlich hergestellt, nach einer Corona-Infektion entwickelt sich die Immunität auf natürliche Weise. Ist inzwischen klar, wie lange diese anhält?

Einigkeit besteht darin, dass Antikörper nicht sofort wieder verschwinden. Neue und groß angelegte Studien aus New York und San Diego zeigen, dass sich neutralisierende Antikörper im Blut Genesener noch bis zu acht Monate nach einer Infektion nachweisen lassen und relativ stabil bleiben. Das ist ein gutes Zeichen. Jedoch weiß bislang immer noch niemand, wo genau die Grenze verläuft, ab der die Menge der Antikörper keinen Immunschutz mehr bietet.

Es ist also keineswegs ausgeschlossen, dass wir uns einige Jahre nach einer Infektion auf natürliche Weise erneut anstecken könnten. Allerdings ist davon auszugehen, dass bei erneuter Infektion der Krankheitsverlauf weniger schwer wäre. Das bleibt abzuwarten. Die Erfahrung zeigt, dass sich speziell solche Viren auf lange Sicht immer nur durch eine Impfung erfolgreich zurückdrängen lassen, nicht durch eine natürliche Herdenimmunität. Und ich gehe davon aus, dass der Schutz nach einer Impfung gegen Covid-19 lange anhält.

Video
Wie entsteht ein Impfstoff?
1:52 min
Nach einem Impfstoff gegen Covid-19 wird unnachgiebig geforscht. Innerhalb von nur einem Jahr war bereits der erste Kandidat in der Zulassungsphase.
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RNA-Technologie könnte auch bei Krebs helfen

Die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna beruhen beide auf einer neuen Technologie.

Die mRNA-Technologie ist ein spannendes und sehr sicheres Prinzip. Ein relativ einfaches und in großem Stil künstlich herstellbares Molekül kann eine komplexe Infektion im Körper nachstellen und eine gute Immunantwort auslösen. Berichtete Nebenwirkungen, die zwar recht häufig auftreten, fallen dabei bislang sehr leicht aus: Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, leichte Abgeschlagenheit. Im Prinzip verläuft die Impfung dann wie ein leichter Virusinfekt, der nach ein, zwei Tagen wieder vorbei ist. Das ist schon beeindruckend.

Könnte dieses Verfahren in Zukunft auch bei anderen Krankheiten genutzt werden?

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Ich gehe davon aus, dass es durch die Erfolge bei der Impfstoffentwicklung gegen Covid-19 auch einen großen Schub in anderen Bereichen geben wird. Es gibt viele mögliche Einsatzbereiche in der Biomedizin. Die mRNA-Technologie lässt sich nicht nur bei Impfstoffen gegen Viren einsetzen, sondern beispielsweise auch in der Krebstherapie und bei seltenen Erkrankungen. Oft fehlt beispielsweise ein bestimmtes Eiweiß im Körper. Das könnte mit dem mRNA-Verfahren nachgebildet werden kann. Der Bauplan wird dann in die defekte Zelle eingespeist.

Corona-Pandemie im Jahr 2021 weiter dominant

Im Moment bleibt noch die Pandemie der dominierende Fokus. Die Impfkampagne der Bundesregierung rollt an, Impfzentren sind in Planung. Können wir uns im Jahr 2021 alle wieder umarmen und die Masken wegwerfen?

Ich rechne damit, dass wir im nächsten Winter eine spürbare Entlastung haben werden. Es ist die richtige Strategie, zuerst vor allem Menschen mit erhöhtem Risiko für schwere Krankheitsverläufe zu impfen. Dann gibt es weniger Schwerkranke und Tote – was auch die Kliniken entlastet.

Das Virus wird aber nicht verschwunden sein. Auch im nächsten Herbst wird es wieder mehr Infektionen geben. Viele Menschen bleiben weiterhin empfänglich, weil nicht alle gleichzeitig geimpft werden können. Der Erfolg hängt auch davon ab, wie viele Impfstoffhersteller es auf den Markt schaffen und wie viele Dosen produziert werden können und vor allem wie schnell wir die Impfstoffe verteilen können. Ich hoffe, dass sich ein Großteil der Bevölkerung impfen lassen will, und dass zügig eine gut funktionierende Logistik aufgebaut werden kann.

Impfstoffe werden also sehr wahrscheinlich bald den Pandemieverlauf verändern. Ist noch auf Therapien, Medikamente gegen Covid-19 zu hoffen?

Es wird in naher Zukunft kein Wundermittel geben. Therapien zu finden ist bei Covid-19 sehr schwierig. Die Patienten erkranken meistens erst dann schwer, wenn Sars-CoV-2 im Körper schon wieder auf dem Rückzug ist. Die Folgeerkrankung ist dann vom Immunsystem selbst getrieben. Deshalb kommt man mit einem Mittel, das sich gegen das Virus selbst richtet, in dieser Phase nicht wirklich weiter. Das Medikament Remdesivir hat deshalb beispielsweise nur allenfalls einen moderaten Effekt bei Patienten, die sich in der Regel erst in der zweiten Woche nach der Infektion in den Kliniken vorstellen.

Den Krankheitsverlauf mildern können bislang nur Steroide, auch bekannt als Dexamethason. Ein weit fortgeschrittener Ansatz in der Forschung ist der Einsatz monoklonaler Antikörper. Das ist nichts anderes als eine passive Impfung. Der Körper bildet dann nicht selbst neutralisierende Antikörper, sondern bekommt sie direkt verabreicht. Auch da zeigt sich bislang, dass eine Behandlung nur in der sehr frühen Phase der Infektion Sinn ergibt. Wir brauchen also noch bessere Therapien für die schweren Verläufe von Covid-19. Da ist noch viel Luft nach oben.

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