Intensivpfleger berichtet: „Ich habe noch nie so viele Menschen sterben sehen“

  • Mehr als 100.000 Tote im Zusammenhang mit dem Coronavirus zählt die deutsche Statistik inzwischen.
  • Besonders dicht dran an den Sterbenden sind vor allem Pflegende aus Intensivmedizin und Altenpflege.
  • Drei von ihnen erzählen von einer furchtbaren Krankheit, einsamen Momenten und zu wenig Zeit zum Trauern.
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Es ist ein trauriger Rekord: Mehr als 100.000 Menschen in Deutschland sind an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben. Hinter der Statistik stehen ganz unterschiedliche Schicksale. Und niemand war den Verstorbenen in dieser Pandemie näher als Pflegende. Drei von ihnen erzählen vom einsamen Tod, schmerzhaften Abschieden und Fragen, die sie bis heute nicht loslassen.

Ralf Berning (37), Krankenpfleger auf einer Intensivstation in Bielefeld (Nordrhein-Westfalen)

„Dass wir so machtlos gegen diese Krankheit sind, das ist ein furchtbares Gefühl“, sagt Intensivpfleger Ralf Berning. © Quelle: Privat
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„Ich habe noch nie so viele Menschen sterben sehen. Die meisten Covid-Patienten versterben im ambulanten Bereich und den Pflegeeinrichtungen. Aber auch bei uns auf der Intensivstation kommen sehr viele nicht durch. Der Tod hat natürlich auch vor der Pandemie zum Klinikalltag gehört. Aber dass es so viele auf einmal nicht packen?

Ich erinnere mich noch gut an einen Patienten aus der zweiten Welle. Der hatte sich angesteckt, weil er mit seinem Nachbarn das Spiel Dortmund gegen Schalke geguckt hat. Wir haben bei ihm alles versucht, zuerst ging es ihm auch besser. Aber dann ist er doch bei mir im Spätdienst gestorben. So eine kleine Begebenheit, und plötzlich ist das Leben vorbei. Das ging mir sehr nahe. Er war älter als 80 Jahre, ohne schwere Vorerkrankungen. Er sah ein bisschen so aus wie man sich eben einen rüstigen Großvater vorstellt, grauer Schnurbart, ein bisschen gebräunt. Damals gab es noch keine Impfung.

Ich kann mich auch noch gut an einen Moment zu Beginn der zweiten Welle erinnern, als ich einen gerade verstorbenen Patienten in einen Sack verpackt und in die Kühlung gebracht habe. In dem Raum waren bereits einige andere Tote. Erst da wurde mir klar, dass das alles Menschen sind, die wir die Tage zuvor noch auf der Intensivstation begleitet hatten. Dass wir so machtlos gegen diese Krankheit sind, das ist ein furchtbares Gefühl.

Es ist auch schrecklich, wenn ich den Angehörigen sagen muss, dass der Patient oder die Patientin sehr wahrscheinlich bald stirbt. Dass alle Therapieoptionen ausprobiert wurden, aber nichts mehr funktioniert. Wir versuchen immer, so lange wie möglich den Beatmungsschlauch von Patienten mit Covid-19 fernzuhalten. Sobald der Tubus gelegt ist, werden die Erkrankten für mehrere Tage in Bauchlage manövriert, damit sie noch irgendwie Luft bekommen. Das ist der Moment, in dem ich als Pfleger weiß: Jetzt besteht nur noch eine 50-prozentige Überlebenschance. Das ist auch meistens der Moment, in dem ich frage, ob noch irgendjemand angerufen werden soll.

Zeit für echte Sterbebegleitung und die Sorgen von Angehörigen, die am Bett stehen, habe ich leider kaum. Wie denn auch, wenn ich zeitweise gleichzeitig zwei weitere Patienten betreue, denen es auch sehr schlecht geht? In den letzten Wochen musste ich schon häufiger sagen: Hier ist die Klingel, wenn etwas ist, melden Sie sich, aber vielleicht kann das dauern. Das tut mir in der Seele weh, dass ich das sagen muss. Immerhin darf die Familie inzwischen Abschied nehmen, zwar in Schutzausrüstung, aber immerhin. Zu Beginn der Pandemie war gar kein Besuch erlaubt. Da haben wir Pflegerinnen und Pfleger dann die Hand gehalten, und nicht die Angehörigen.

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Jetzt sind wir in der vierten Welle. Wenn die Station voll ist und wir Erkrankte auf andere Stationen oder Standorte verlegen müssen, fragen wir uns dann quasi: Wer ist der Fitteste unter den Kranken? Dabei müssten ja eigentlich alle da bleiben. Das ist schon jetzt ein bisschen wie eine schleichende Triage.

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Mir wird dann ganz anders, wenn ich sehe, wie wir in diesem Winter erneut in die Katastrophe laufen. Seit Wochen sterben schon wieder so viele Menschen. Das Schlimme ist, dass ich mich schon gar nicht mehr daran erinnere, wie viele Tote es bei uns auf Station zuletzt gab. Einfach weil es gleichbleibend so viele sind. Das Einzige, was bleibt, ist die Hoffnung, dass es irgendwann wirklich wieder besser wird.“

Fabian Blumberg (25), Krankenpfleger auf einer Intensivstation aus Hannover (Niedersachsen)

„Der eigentliche Moment des Sterbens ist ziemlich einsam“, sagt Intensivpfleger Fabian Blumberg. © Quelle: Privat

„Schwer kranke Patienten und Tote auf Intensivstation sind für uns Alltag. Das Sterben im Zusammenhang mit Corona ist aber noch einmal etwas anderes. Das ist ein langwieriger Prozess. Wochenlang versucht man, noch irgendwie das Beste aus der Therapie herauszuholen, wochenlang kämpfen die Patientinnen und Patienten. Der Zustand verschlechtert sich aber in vielen Fällen rapide, und plötzlich hilft nichts mehr.

Als Pflegekraft versuche ich natürlich, im Moment des Sterbens anwesend zu sein und der Person das Gefühl zu geben, nicht alleine zu sein. Aber oft genug ist es leider so, dass gerade noch irgendetwas anderes zu tun ist. Man sieht dann nur aus dem Augenwinkel die Nulllinie auf dem Monitor, ist aber nicht aktiv an der Seite des Patienten oder der Patientin. Der eigentliche Moment des Sterbens ist also ziemlich einsam und sehr abgeschieden.

Nach wie vor sind auch die Besuchsmöglichkeiten auf der Intensivstation eingeschränkt. Das heißt, die ganze Familie kann also nicht vorbeikommen für den Abschied. Im letzten Winter war Besuch komplett verboten, da sind wir dann auf das Telefon umgestiegen. Diese Gespräche waren nicht schön.

Im Alltag kann ich die ganzen Schicksale gut ausblenden. Wenn ich das mit nach Hause nehmen würde, könnte ich den Beruf gar nicht machen. Es gibt aber natürlich auch Situationen, die mich länger als eine Schicht beschäftigen. Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut an den allerersten Patienten, der bei uns im Krankenhaus wegen Corona behandelt wurde. Alle waren ganz aufgeregt, man war sich auch noch nicht so klar, ob das mit der Angst vor dem Virus jetzt übertrieben ist oder nicht.

Dieser Patient lag dann über einen sehr langen Zeitraum auf unserer Station. Anfangs hat man mit ihm sprechen können, Witze machen, das ging noch. Dann ging es ihm rapide schlechter, er musste beatmet und ins künstliche Koma verlegt werden. Am Ende wurde er in eine Spezialklinik verlegt. Ich weiß nicht, was dann aus ihm geworden ist. Noch heute frage ich mich manchmal, ob er es geschafft hat.

Es macht mir Sorgen, dass die Zahlen nun weiter steigen. Ich hätte nicht gedacht, dass das Virus in so einer Intensität noch einmal auftaucht. Ich arbeite im Moment auf einer anderen Intensivstation, gehe aber davon aus, dass ich auch wieder auf der Covid-Station eingesetzt werden könnte. Im Moment ist Hannover noch nicht so stark getroffen, aber das kann sich auch schnell ändern.“

Tobias Krüger, Pflegedienstleiter eines Heims in Halberstadt (Sachsen-Anhalt)

„Das Thema Tod ist vielschichtig. Was viele von uns bewegt, ist das oft unnötige und unwürdige Sterben. Ich denke, es macht sofort etwas mit uns, wenn wir sehen, wie eine junge vierfache Mutter auf Intensivstation intubiert werden muss. In der Altenpflege ist das etwas anders. Tod gehört bei uns alltäglich zum Beruf dazu und ist stets gegenwärtig.

Mich treibt in diesem Zusammenhang diese Hilflosigkeit gegenüber einer oft völlig sinnbefreiten Politik und die völlige Ignoranz gegenüber unserer Berufsgruppe um. Es bewegt mich, wenn die Pflege immer wieder vergessen wird und in der Folge solch gehäuftes Sterben bei Ausbrüchen auftritt. Das macht dann schon etwas mit mir. Die Heimbewohner und die Pflegebedürftigen sind die Vergessenen dieser Pandemie.“

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