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Virologe Drosten warnt vor zweiter Corona-Welle: “Wir müssen unsere Konzepte überarbeiten”

  • Der Virologe Christian Drosten hat sich in einem Gastbeitrag zu einer zweiten Corona-Welle geäußert.
  • Er glaubt, dass es nach der Urlaubssaison zu einer Anhäufung von Infektionen kommt.
  • Als Gegenmaßnahme schlägt er unter anderem vor, Infektionscluster gezielter zu identifizieren.
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Berlin. Wie könnte sich eine zweite Corona-Welle in Deutschland ausbreiten – und welche Gegenmaßnahmen sollten ergriffen werden? Zu diesen Fragen hat Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité in einem Gastbeitrag in der “Zeit” Stellung genommen. Er rät dazu, Treiber der Pandemie aufzuspüren, die Quarantäne zu verkürzen und Tests genauer auszuwerten.

Unterschied zur ersten Infektionswelle verstehen lernen

“Diese erste Welle haben wir besser als viele andere kontrollieren können, weil wir früh testen konnten und zwischen Gesellschaft, Politik und den Infektionswissenschaften größeres Vertrauen herrschte als anderswo”, schreibt Drosten. “Jetzt aber laufen wir Gefahr, unseren Erfolg zu verspielen.”

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Um Handlungsempfehlungen für eine mögliche, zweite Welle geben zu können, müsste der Unterschied zur ersten Anhäufung von Infektionen im Zeitraum von Anfang März bis Anfang Mai herausgearbeitet werden. Damals waren vor allem Skifahrer und Reisende die Treiber von Covid-19 in Deutschland. Später infizierten sich mehrheitlich Senioren in Altenheimen und Pflegeeinrichtungen.

Zweite Welle wird andere Dynamik haben

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“Wir müssen uns vor allem darauf einstellen, dass die zweite Welle eine ganz andere Dynamik haben wird”, meint Drosten. “Nach der Urlaubssaison werden wir beobachten, dass sich die Neuansteckungen auch in geografischer Hinsicht gleichmäßiger verteilen werden als bisher.” Das Coronavirus könnte sich dieses Mal “aus der Bevölkerung heraus” verbreiten und nicht wie beim ersten Mal von außerhalb eingeschleppt werden.

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Die Verbreitung innerhalb der Bevölkerung hätte nach Einschätzung des Virologen zur Folge, dass Neuinfektionen bundesweit gleichzeitig auftreten könnten – unabhängig von Landkreisen und Altersgruppen. “Dann sind die personell schlecht ausgestatteten Gesundheitsämter endgültig damit überfordert, die Quarantäne jeder einzelnen Kontaktperson zu regeln”, schreibt Drosten.

Bürger sollten Kontakt-Tagebuch führen

Deshalb müssten die Behörden auf eine neue Teststrategie setzen: Anstatt einzelne Infektionsfälle zu identifizieren, müssten die Gesundheitsbehörden ihren Fokus auf Cluster – also Mehrfachübertragungen – legen. Auf eine ähnliche Vorgehensweise vertraut auch Japan. Dort versuchen die Behörden Übertragungscluster zu verhindern, indem sie Listen von typisch sozialen Situationen erstellen. Sofern ein neuer Fall auftritt, suchen die Ämter in der Kontakthistorie nach bekannten Clusterrisiken, anstatt breite, ungezielte Tests durchzuführen.

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Warnungen aus der Wirtschaft vor zweiter Corona-Welle
1:19 min
Wirtschaftsinstitute appellieren an die Regierung, keinen landesweiten Lockdown mehr zu verhängen.  © Reuters

“Ich plädiere nun dafür, im Fall der Überlastung (der Gesundheitsbehörden) nur oder zumindest vor allem dann mit behördlichen Maßnahmen auf einen positiven Test zu reagieren, wenn er von einem möglichen Clustermitglied stammt”, so Drosten. Um die Kontakthistorie eines Corona-Falls nachvollziehen zu können, rät der Virologe dazu, dass jeder Bürger in diesem Winter ein Kontakt-Tagebuch führen sollte.

Heimisolierung auf fünf Tage beschränken

“Durch die Fokussierung auf die Infektionsquelle wird der neu diagnostizierte Patient nämlich zum Anzeiger eines unerkannten Quellclusters, das in der Zwischenzeit gewachsen ist. Die Mitglieder eines Quellclusters müssen sofort in Heimisolierung”, schreibt Drosten. Dabei reiche eine Isolierung von fünf Tagen aus. Nach dieser Zeit empfiehlt der Virologe, einen Corona-Test durchzuführen. “Solch eine pauschale Regelung für Cluster ist zu verkraften und allemal besser als ein ungezielter Lockdown.”

Das Hauptaugenmerk sollten Gesundheitsbehörden bei den Corona-Tests auf die Infektiosität richten. Entscheidend sei vor allem die Viruslast. “Würden wir uns zutrauen, aus den inzwischen vorliegenden wissenschaftlichen Daten eine Toleranzschwelle der Viruslast abzuleiten, könnten Amtsärzte diejenigen sofort aus der Abklingzeit entlassen, deren Viruslast bereits unter die Schwelle gesunken ist”, so Drosten.

Damit bleibt zwar ein Restrisiko beim jeweiligen Corona-Patienten, aber den Gesundheitsämtern müsse es erlaubt sein, darüber hinwegzusehen. Denn anstatt die Mitarbeiter zur Unterbrechung einzelner Sars-CoV-2-Übertragungen einzusetzen, sollten sie sich auf die entsprechenden Infektionscluster konzentrieren und diese nachverfolgen. “Wir müssen mit der Zunahme unseres Wissens über den Erreger unsere Konzepte überarbeiten”, meint Drosten.

RND/lb

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