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„Weitere 100.000 Tote“: Wieso Drosten mit seiner Corona-Prognose recht haben könnte

  • Deutschlands Topvirologe Christian Drosten geht davon aus, dass es rund 100.000 Corona-Tote geben könnte.
  • Schätzungen zu Impflücken zeigen, dass das möglich ist.
  • Abwenden lässt sich eine hohe Zahl von Toten durch mehr Geimpfte – und weniger Kontakte.
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Der Virologe Christian Drosten erwartet einen harten Corona-Winter. Sollte es beim Impfen keinen Fortschritt geben, müsse sich Deutschland auf mindestens 100.000 weitere Corona-Tote vorbereiten, „bevor sich das Fahrwasser beruhigt“, sagte der Leiter des Instituts für Virologie an der Berliner Charité im NDR-Info-Podcast „Coronavirus Update“. Das sei noch eine konservative Schätzung. Bisher zählt das RKI 96.963 Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Corona-Infektion gestorben sind.

Drosten gab an, er beziehe sich dabei auf vergleichende Überlegungen mit Großbritannien. Dass trotz Impfungen mit einem Anstieg der Toten zu rechnen ist, zeigt sich in dem Land bereits seit dem Sommer. Dort stiegen seit Juni wieder deutlich die Fallzahlen. Darauf folgte dann seit Juli wieder ein sichtbarer Anstieg der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Zwischen 100 und 250 Tote werden seitdem teilweise täglich gemeldet.

Auf mehr Schwerkranke folgen auch mehr Tote

Die Pandemie ist alles andere als vorbei. Für aufmerksame Beobachtende ist dies seit September auch in Deutschland zu sehen. Seitdem werden täglich wieder mehr Todesfälle vermeldet. Zum Vergleich: Am 15. August wurden drei Tote im Zusammenhang mit dem Coronavirus gemeldet – am 10. November waren es 236.

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Dass es in den kommenden Wintermonaten noch weit mehr Tote geben wird, ist bei erwartbar weiter steigender Inzidenz ein realistisches Szenario. Das zeigen unter anderem Modellierungen des Mathematikers Andreas Schuppert von der Technischen Hochschule Aachen und des Intensivmediziners und Leiters des Divi-Intensivregisters Christian Karagiannidis.

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Rund 15 Millionen Menschen in Deutschland haben aktuell keinen Schutz vor Erkrankung durch die Impfung. Bei weiter steigender Sieben-Tage-Inzidenz über einem Wert von 250 ist dann noch mit rund 270.000 intensivpflichtigen Menschen zu rechnen. Diese Schätzung geht von 232.000 Nichtgeimpften und 38.000 Geimpften und Genesenen mit Grunderkrankungen, Immunschwäche und/oder hohem Alter aus.

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Sterberisiko auf Intensivstation ist hoch

Das Risiko, zu versterben, ist groß, wenn man einen sehr schweren Covid‑19‑Verlauf erleidet und in intensivmedizinische Behandlung muss. Rund die Hälfte der Betroffenen wird invasiv beatmet, mit einem Schlauch wird Luft in die Lunge gepumpt. Es gibt bislang keine die Krankheit stoppende Therapie. Medikamente wie Dexamethason können die Auswirkungen der Infektion abmildern, aber nicht heilen.

Müssen mehr Menschen auf Intensivstationen, nehmen deshalb auch die Todesfälle zu. Eine internationale Übersichtsarbeit schätzt den Anteil der Verstorbenen unter intensivmedizinisch behandelten Erkrankten auf 34 Prozent. Auf ein Sterberisiko von 20 bis 36 Prozent der Intensivpflichtigen kommt auch eine Auswertung mit Daten aus den ersten Infektionswellen in Deutschland. Bleiben diese Prozentzahlen auch für die vierte Welle gültig, und würden rund 270.000 Menschen intensivpflichtig, könnten rein theoretisch rund 92.000 davon versterben.

Die Daten zum Sterberisiko auf Intensivstationen beziehen sich allerdings auf die ersten drei Infektionswellen. Delta gab es da noch nicht, auch die Impfungen spielten noch eine geringere Rolle, die Altersstruktur der Erkrankten war anders. Unklar ist auch, wie sich das Virus selbst weiterentwickelt, ob es den Immunschutz der Menschen vielleicht doch irgendwann stärker umgehen kann.

Corona-Lage hängt am Verhalten der Menschen: Exakte Prognosen sind schwierig

Weil zudem das Verhalten der Bevölkerung und damit die Kontaktrate in Deutschland nur schwer zu kalkulieren ist, ist es im Moment nicht einfach, eine exakte Prognose abzugeben, mit wie vielen Schwerkranken und Toten zu welchem Zeitpunkt in den kommenden Wochen und Monaten zu rechnen ist. Klar ist aber: Es werden deutlich mehr, wenn die derzeitige Dynamik bestehen bleibt.

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Davon geht Mathematiker Andreas Schuppert auf Grundlage seiner Berechnungen aus. „Es deutet im Moment wenig auf einen ‚natürlichen‘ Bremseffekt der Infektionsdynamik hin, dafür ist die Impfquote zu niedrig“, sagte der Datenexperte dem RND. „Es kommt also sehr darauf an, ob und wie die Bevölkerung selbst reagiert.“ Wichtig sei, dass sich mehr Menschen impfen lassen. „Wenn die Impfquote deutlich höher wäre, etwa 10 Prozent mehr sollte helfen, brauchten wir wahrscheinlich keine neuen Kontaktreduktionen“, betont Schuppert.

Relevant für die weitere Entwicklung sei auch der Fortschritt beim Boostern, dass Maske getragen wird – und man auf freiwilliger Basis wieder vorsichtiger ist bei Kontakten. Und: ob und wenn ja, welche Maßnahmen die Politik beschließt. „Besonders diese Reaktionen sind sehr schwer berechenbar“, erklärt Schuppert. Ein „Weiter so“ ohne all die Maßnahmen werde aber „sehr wahrscheinlich“ zu einer Überlastung der Intensivstationen führen. Und je mehr Menschen dort landen, umso mehr Tote wird es mit Zeitverzug geben. Im Schnitt sind Schwerkranke mit Covid‑19 für 20 Tage auf Intensivstation.

Man müsse der Bevölkerung klarmachen, „dass es sehr ernst ist im Moment“, betonte Christian Drosten im Podcast. Die Situation sei vor allem so schlecht, weil es 15 Millionen Menschen im Land gebe, „die eigentlich hätten geimpft sein können und die geimpft sein müssten“. Der Weg aus der Pandemie sei klar: „Wir müssen die Impflücken schließen“, so der Virologe.

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