China: Das Land der Impfskeptiker ist jetzt Impfweltmeister

  • Mehr als die Hälfte aller Impfstoffe weltweit werden derzeit in China verabreicht.
  • Dabei fiel China vor wenigen Monaten noch durch eine hohe Impfskepsis auf.
  • Jetzt steigt zwar die Impfquote. Wie hat die Volksrepublik das geschafft?
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„Beeil dich, lass dich impfen“, singt der Rapper, eingehüllt im weißen Arztkittel, während er gemeinsam mit ein paar Krankenschwestern zum Refrain tanzt: „Manche haben Angst, dass es wehtut, doch die Symptome sind ganz normal“. Der pädagogische Zeigefinger des neuen Musikvideos von der Gesundheitskommission in Sichuan mag angestaubt erscheinen, doch seine Wirkung hat der Rapsong scheinbar nicht verfehlt.

80 Prozent der Chinesen bereits gegen Corona geimpft

Keine Bevölkerung der Welt wird derzeit schneller durchgeimpft als die chinesische. Innerhalb von nur fünf Tagen haben die Behörden zuletzt 100 Millionen Dosen injiziert, global gesehen werden fast 60 Prozent aller Vakzine in der Volksrepublik verbraucht. Vier von zehn Chinesen haben bereits zumindest eine Dosis erhalten.

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Chefepidemiologe Zhong Nanshan, das chinesische Äquivalent zu Christian Drosten, gab in den Staatsmedien die Zielvorgaben vor: Bis Anfang Juli werde man 40 Prozent der Bevölkerung durchgeimpft haben, bis Jahresende werden es doppelt so viel sein. In der Hauptstadt Peking, als politisches Machtzentrum besonders streng in seinen epidemiologischen Vorgaben, lässt sich bereits jetzt von nahezu Herdenimmunität sprechen: Weit über 80 Prozent der Bewohner haben zumindest die erste Spritze bekommen.

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Fast keine Corona-Fälle mehr in China

Die Entwicklung ist umso erstaunlicher, als dass Chinas Bevölkerung noch vor wenigen Monaten durch eine erstaunlich hohe Impfskepsis auffiel. Mehrere repräsentative Studien, darunter auch unter Mitarbeitern im Gesundheitssystem, kamen zu einem recht konsistenten Ergebnis: Nur rund die Hälfte aller Befragten wolle sich impfen lassen. Das generelle Credo lautete: erstmal abwarten, der Impftermin hat keine Eile. Das hatte nicht nur mit vergangenen Skandalen heimischer Pharmaunternehmen zu tun, sondern auch mit der erfolgreichen Virusbekämpfung: In China gibt es seit Monaten kaum lokale Fälle – und damit auch praktisch kein Risiko, sich anzustecken.

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Shoppinggutscheine und Lebensmittel: Anreize für Corona-Impfung

Doch in den letzten Wochen folgte eine Propaganda- und Aufklärungskampagne sondergleichen: Die Impfzentren wurden nicht mehr nur in Krankenhäusern positioniert, sondern auch in Nachbarschaftskomitees und Shoppingmalls. Infostände pflasterten die Straßenkreuzungen, an denen Freiwillige die Passanten über Impfmöglichkeiten informierten. Zudem lockte man mit direkten Anreizen: In einigen Bezirken Pekings wurden Lebensmittellieferungen zum Impftermin bereitgestellt, andernorts waren es Shoppinggutscheine und in einigen Vierteln Shanghais gab es gar umgerechnet bis zu 40 Euro Bargeld.

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Doch neben Zuckerbrot setzten die Behörden auch auf „sanfte“ Peitschen: In einigen staatlichen Unternehmen wurde darauf aufmerksam gemacht, dass eine Impfung bei künftigen Beförderungen berücksichtigt werde, und in Schulen übten Lehrer über die Kinder Druck auf deren Eltern aus, dass sie sich endlich impfen lassen sollen.

Trotz hoher Corona-Impfquote in China kaum Lockerungen

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Der vielleicht stärkste Grund für die gestiegene Impfbereitschaft war jedoch ein ganz anderer: Im südchinesischen Guangzhou kam es in den letzten Tagen zum bisher größten Cluster seit Monaten. Zwar wurden nur etwas mehr als 30 Ansteckungen bislang gezählt, doch handelt es sich dabei erstmals um die in Indien und Großbritannien vorherrschenden, hochansteckenden Mutanten. Über Nacht wurde ein ganzes Viertel abgeriegelt und durchgetestet, und rund die Hälfte des 2020 größten Passagierflughafens der Welt wurden kurzerhand gestrichen. Der Bevölkerung wurde schlagartig wieder bewusst, wie schnell die Situation kippen kann – und dass auch im No-Covid-Land China nur eine Herdenimmunität die Pandemie beenden kann.

Dennoch gibt es in der Volksrepublik trotz nur einem Virustoten in den letzten 13 Monaten kaum Anzeichen für Grenzlockerungen. Im Gegenteil: Derzeit stellt das Land kaum neue Visa aus, und selbst langjährige Expats kommen nur erschwert ins Land – und stets unter der Auflage, mindestens zwei Wochen in einem staatlich designierten Quarantänehotel zu verbringen. Seit der Pandemie sind viele Ausländer aus dem ohnehin bereits isolierten Land weggezogen. Laut Beobachtern ist jener Zustand durchaus gewollt für eine zunehmend paranoide Diktatur, die ausländische Einflüsse als Bedrohung für die eigene Stabilität wertet.

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