Chemsex: Harte Drogen können beim Liebesakt gefährlich werden

  • Sex unter Einfluss von Drogen verspricht Glücksgefühle - und birgt Gefahren.
  • Ärzte sagen: Ein kontrollierter Konsum ist nicht möglich.
  • Eine neue Ambulanz will Konsumenten helfen, auf die Drogen zu verzichten.
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Tübingen. Mit den großen Gefühlen kennt Prakash W. sich aus. "Die Leute fühlen sich wie im Himmel, wenn sie Sex auf diesen Drogen haben", sagt der 39-Jährige. Mit "diesen Drogen" meint er psychoaktive Substanzen wie Liquid Ecstasy oder Crystal Meth. Früher hat er sie selbst regelmäßig beim Geschlechtsverkehr eingenommen. Doch auf den Himmel kann die Hölle folgen, weiß er.

Eine neue Ambulanz an der Universitätsklinik Tübingen soll jetzt über die Risiken von sogenanntem "Chemsex" aufklären und bei der Entwöhnung helfen. "Chemsex" bezeichnet die Einnahme speziell chemischer Drogen direkt vor oder während dem Sex. Konsumenten erhoffen sich dadurch ein intensiveres Erleben, starke Glücksgefühle und Durchhaltevermögen.

Chemsex: Drogen beim Liebesakt können gefährlich werden

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Doch die Einnahme könne auch zu Abhängigkeit, Psychosen oder Organschäden führen, eine Überdosis könne tödlich sein, sagt Carsten Käfer, Suchtmediziner an der Universitätsklinik Tübingen. Der Drogenkonsum speziell beim Sex erhöht seinen Angaben nach zudem das Risiko für eine Ansteckung mit HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten, da er mit Kontrollverlust einhergeht.

Carsten Käfer, Assistenzarzt am Universitätsklinikum Tübingen, betreut Patienten bei Chemsex-Notfällen. © Quelle: Christoph Schmidt/dpa

Mit seinen Kollegen will Käfer von Dezember an Betroffene beraten, bei der Entwöhnung unterstützen und anonymen Austausch ermöglichen. Ein vergleichbares psychiatrisches Behandlungsangebot gibt es in Baden-Württemberg bisher nicht. Laut Uniklinik wird "Chemsex" nicht nur in Metropolen wie Berlin praktiziert. Szeneschwerpunkte liegen auch in den Regionen Stuttgart, Reutlingen, Konstanz und im Zollernalbkreis.

Drogen beim Sex wegen Leistungsdruck?

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Verbreitet ist "Chemsex" nach Angaben der Experten vor allem bei Schwulen. Käfer zufolge sind knapp 52 Prozent der Konsumenten Männer, die Sex mit Männern haben. Prakash W. bewegt sich selbst in der Szene und beschreibt die Gründe dafür so: "Sexualität hat hier einen hohen Stellen- und Identifikationswert und ist mit einem gewissen Leistungsdruck verbunden." Anhänger von "Chemsex" fänden sich durch alle Altersgruppen hinweg. Wie viele Menschen dies praktizieren, lässt sich laut der Deutschen Aidshilfe schwer beziffern.

Über die Folgen und die Gründe von Chemsex gibt auch "The Chemsex Study" (2014) der "London School of Hygiene and Tropical Medicine" Aufschluss, die Daten in mehreren Bezirken der britischen Hauptstadt sammelte. Demnach sind die am häufigsten mit Chemsex assoziierte Medikamente Crystal Meth, Mephedron, und in geringerem Maße Kokain und Ketamin. Sie werden oft in Kombination eingenommen, häufig über längere Zeiträume, und manchmal mit einer größeren Zahl von Sexualpartnern.

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W. selbst führt inzwischen bundesweit Präventionsangebote für die Aidshilfe durch. Geschlechtsverkehr unter Einfluss von Rauschmitteln wurde seinen Ausführungen nach schon in der Antike praktiziert und ist kein neues Phänomen. Allerdings hätten sich die Substanzen in den vergangenen Jahren stark verändert - die beim "Chemsex" verwendeten hätten besonders hohes Suchtpotenzial.

Prakash W. hat nach jahrelanger kompletter Abstinenz inzwischen wieder gelegentlich Sex unter Drogen. Der Meditationslehrer bezeichnet sich als "kontrollierten Konsumenten". Der Arzt Carsten Käfer sagt dazu: "Ein kontrollierter Konsum ist nicht möglich. Das ist wie ein Tanz auf einem Vulkankrater."

Chemsex-Notfall: Wichtige erste Maßnahmen

Der britische Chemsex-Experte David Stuart hat eine Broschüre mit Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Chemsex-Notfällen im Zusammenhang mit Sex entwickelt, die die Deutsche Aidshilfe ins Deutsche übersetzt hat. Zu gefährlichen Notfällen gehören demnach beispielsweise Überdosierungen, Entzugssymptome, Psychosen, sexuelle Übergriffe, Schäden durchs Injizieren und Herzprobleme. Wichtig sei vor allem: Sobald jemand nicht mehr ansprechbar ist und nicht mehr reagiert, sollte ein Rettungswagen gerufen werden. Schnelles Handeln sei gefragt, weil jede Sekunde zählt. Notärzte unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht.

Auch wenn es logisch erscheint: Eine potenziell tödliche Dosis sollte nicht durch aktiv herbeigeführtes Erbrechen aus dem Magen entfernt werden. Das "könnte zu einer Lungenentzündung oder zum Ersticken führen", heißt es in der Broschüre. Nur wenn der Körper das von sich aus macht, könne es hilfreich sein. Einer nicht mehr ansprechbaren Person sollte auch kein aufputschenden Mittel gegeben werden. Auch das Einflößen von zuckerhaltigen Getränken helfe nicht, beschleunige nur den Übertritt der Droge aus dem Magen in den Blutkreislauf. Die betroffene Person sollte nach Möglichkeit so lange wie möglich wach gehalten werden.

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RND/ dpa/ sbu