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Charité-Impf­stoff­forscher: „Wir müssen mehr über das Astrazeneca-Vakzin informieren“

  • Deutschland hat die Impfungen mit dem Corona-Vakzin von Astrazeneca am Freitag fortgesetzt.
  • Der zwischenzeitliche Impfstopp dürfte vor allem das Image des Präparates weiter beschädigt haben, meint Impfstoffexperte Prof. Leif-Erik Sander.
  • Im RND-Interview erklärt er, wie jetzt mit dem Vektorvakzin weiter umgegangen werden sollte.
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Berlin. Der Corona-Impfstoff von Astrazeneca ist „sicher und wirksam“ – zu diesem Ergebnis ist am Donnerstag die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) gekommen. Weil bei einigen Geimpften Hirnvenenthrombosen – also Blutgerinnsel in den großen venösen Gefäßen im Gehirn – festgestellt worden waren, hatten mehrere europäische Länder die Impfungen mit dem Vakzin pausiert. Auch Deutschland hatte einen Impfstopp verhängt, der nach dem EMA-Urteil jedoch aufgehoben wurde.

Für Prof. Leif-Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Berliner Charité, ist die Entscheidung der Arzneimittelbehörde nachvollziehbar gewesen. Er glaubt jedoch, dass jetzt mehr Aufklärungsarbeit notwendig sein wird, um das Vertrauen der Bürger in den Astrazeneca-Impfstoff zurückzugewinnen.

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Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat sich am Donnerstag dafür ausgesprochen, die Impfungen mit dem Corona-Vakzin von Astrazeneca fortzusetzen. Hat Sie diese Entscheidung überrascht?

Nein, das habe ich so erwartet. Die EMA hat sehr eingehend die vorliegenden Daten zu Thromboserisiken im Allgemeinen und zu seltenen Hirnvenenthrombosen geprüft. Dabei hat sich bestätigt, dass es keine Hinweise auf eine signifikante Erhöhung des Thromboserisikos nach Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff gibt. Eine Verbindung mit sehr seltenen Hirnvenenthrombosen kann jedoch nicht ausgeschlossen werden und muss weiter untersucht werden. Das sind zwei verschiedene Aspekte. Ich fand, die EMA hat ihre Entscheidung gut kommuniziert und die untersuchten Daten sehr transparent und nachvollziehbar dargelegt.

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Es soll nun eine Extrawarnung vor Hirnvenenthrombosen bei den möglichen Nebenwirkungen aufgenommen werden. Ist das die richtige Reaktion auf die Vorfälle?

Ja, ich finde schon. Der Warnhinweis wird jetzt seitens der EMA in die Fachinformation mit aufgenommen, und es gibt auch eine separate Mitteilung an die Ärzteschaft. Damit kann das medizinische Fachpersonal die Impflinge über Hirnvenenthrombosen als mögliche Nebenwirkungen aufklären. So wird es auch bei anderen Impfstoffen und Medikamenten gehandhabt, die Nebenwirkungen verursachen können.

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Die EMA sagte, es gebe keine Hinweise darauf, dass der Astrazeneca-Impfstoff Hirnvenenthrombosen verursacht, es könne aber auch nicht vollständig ausgeschlossen werden. Was glauben Sie?

Hier muss man wieder sauber trennen. Es gibt keine Hinweise auf eine Erhöhung der allgemeinen Thrombosegefahr durch die Impfung. Allerdings verdichten sich die Hinweise, dass der Astrazeneca-Impfstoff ein Auslöser für extrem seltene Hirnvenenthrombosen sein könnte. Vermutlich hatten die Personen, bei denen diese Komplikation festgestellt wurde, ohnehin eine Veranlagung dafür – und die Impfung war letztlich ein Aktivierungsmechanismus.

Forscher aus Greifswald behaupten, dass die Ursache für die Hirnvenenthrombosen darin liege, dass der Impfstoff die Blutplättchen aktiviert.

Ich halte das für plausibel, habe aber die Daten dazu noch nicht gesehen. Anscheinend hat man bei vier Personen, die eine Sinusvenenthrombose hatten, Antikörper gegen bestimmte Faktoren auf Blutplättchen gefunden. Allerdings heißt das noch nicht, dass sich alle Fälle auf gleiche Weise erklären lassen. Darauf weisen die Kollegen auch hin. Aber die Ergebnisse hören sich vielversprechend an.

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Astrazeneca: Forscher sieht möglichen Grund für Thrombosen
0:57 min
Ein Wissenschaftler hält einen bestimmten Mechanismus für die Ursache der möglichen Thrombosefälle nach einer Astrazeneca-Impfung.  © TNN-Videoservice/dpa

Was überwiegt nach dem Impfstopp: der Schaden für die Impfkampagne oder der Imageschaden von Astrazeneca?

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Leider hatte der Astrazeneca-Impfstoff schon zuvor einen etwas schwierigen Stand. Deshalb war es sehr ungünstig, dass er erneut in den Fokus der Diskussion geriet. Ich glaube, dass sich dieser Imageschaden jetzt womöglich noch einmal verstärken wird. Ob das jetzt eine starke Auswirkung auf die Impfkampagne haben wird, hängt davon ab, wie wir kommunizieren und öffentlich mit dem Impfstoff weiter umgehen. Ich finde, die EMA hat einen wichtigen, ersten Schritt gemacht, indem sie sehr schnell zu einem Ergebnis gekommen ist und dieses sehr klar und transparent kommuniziert hat.

Glauben Sie, dass jetzt mehr Aufklärungsarbeit nötig sein wird, um die Skepsis gegenüber dem Astrazeneca-Impfstoff abzubauen?

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Ich denke schon, dass wir mehr über die Impfung und den Impfstoff informieren müssen. Dazu wird man vielleicht auch Vergleiche heranziehen müssen, um das extrem geringe relative Risiko von Impfkomplikationen besser zu verdeutlichen. Natürlich überwiegt der Nutzen einer Impfung um ein Vielfaches diese extrem seltenen Komplikationen. Ich hatte eigentlich erwartet, dass zu Beginn der Impfkampagne noch mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden müsste, weil damals die Impfskepsis noch größer war. Es war eigentlich abzusehen, dass mit den zu erwartenden Erkrankungen und auch Todesfällen, die im Rahmen einer Massenimpfkampagne immer auch im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung auftreten, öffentliche Diskussionen entstehen. Aber stattdessen lag der Fokus der Diskussion bislang primär auf dem Impfstoffmangel.

Auch bei der Krisenkommunikation besteht Verbesserungsbedarf: Am Wochenende teilte das Paul-Ehrlich-Institut mit, dass der Nutzen des Astrazeneca-Impfstoffes die Risiken überwiegen würde. Am Montag entschied man sich dann doch für einen Impfstopp. Das sorgte bei vielen Bürgern für Verunsicherung.

Für Außenstehende ist die Kommunikation von Anfang an durchaus anspruchsvoll gewesen. Zuerst sorgte die Empfehlung der Ständigen Impfkommission, den Astrazeneca-Impfstoff nur für Personen unter 65 Jahren freizugeben, für Verunsicherung. Diese ist inzwischen aufgrund der nun vorliegenden Daten zurückgenommen worden. Das hatte zwar alles seine Richtigkeit, wurde auch klar benannt, aber das Endergebnis sind eben zwei unterschiedliche Empfehlungen in kurzer Zeit zum selben Impfstoff.

Das setzte sich dann beim temporären Impfstopp fort. Erst hieß es zu Recht: „Der Impfstoff ist sicher, und das Risiko für Thrombosen und Allergien ist nicht erhöht, daher wird die Impfung in Deutschland weiter empfohlen.“ Auch ich habe das so kommuniziert, und das stimmt ja auch. Dann folgte aber wenige Tage später die neue Information: „Es gibt möglicherweise eine Häufung von seltenen Komplikationen, wir müssen die Impfungen pausieren.“ Drei Tage später wird nach entsprechender Prüfung wieder gesagt: „Der Impfstoff ist sicher.“ Ich möchte betonen, dass das alles nachvollziehbare und faktenbasierte Empfehlungen waren. Aber als Außenstehender oder medizinischer Laie ist das nicht alles immer einfach einzuordnen, daher ist der kommunikative Schaden jetzt da.

Also sagen Sie, der Astrazeneca-Impfstopp war richtig?

Ich finde, da gibt es kein Richtig oder Falsch. Es ist eine hochdynamische und komplexe Sachlage. Es gab zwei Möglichkeiten: Die Impfungen fortsetzen und gleichzeitig prüfen oder pausieren. Man hat sich für Letzteres entschieden. Und ich glaube, das war nachvollziehbar. Aber natürlich hätte man sich auch anders entscheiden können und zum Beispiel die Vorfälle parallel zu den Impfungen untersuchen können. Es gibt sehr gute Argumente für beide Vorgehensweisen. Wichtig war die schnelle Prüfung und Einordung durch die EMA und die Wiederaufnahme der Impfung, wie es jetzt auch erfolgt ist.

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