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Bundesliga und Corona: Wissenschaftler warnen vor lautstarkem Fanjubel und Fangesängen

  • Das Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation hat hohe Aerosolwerte bei “Tor!”-Rufen gemessen.
  • Mehrere internationale Studien belegen zudem ein großes Ansteckungsrisiko bei lautem Sprechen und Singen.
  • Mediziner und Politiker kritisieren daher die vorschnelle Öffnung von Fußballstadien für Publikum.
Uwe Herzog
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Köln. Ecke, Kopfball – Tor: Als der FC Bayern München am vergangenen Donnerstag beim Supercupfinale gegen Sevilla in der 104. Minute den entscheidenden Treffer erzielte, verstummte der spanische Fangesang in der Budapester Puskás Arena abrupt. Dafür war der Freudentaumel bei den deutschen Fans umso größer: Denn trotz anhaltender Corona-Pandemie und steigenden Infektionszahlen fieberten bei diesem “Testlauf” 15.500 Zuschauer im Stadion mit den Mannschaften auf dem Rasen – etwa 1000 Fans waren aus Deutschland angereist. Nach Berichten lokaler Medien wurden Abstand und Maskenpflicht dabei nicht immer eingehalten. Zugleich brachten viele Fans ihre Emotionen, wie eh und je, lautstark zum Ausdruck. Kein Zweifel: Das Duell der Europapokalsieger von Budapest gilt als Kick-off für eine großzügige Öffnung auch der hiesigen Stadien durch die Deutsche Fußball Liga (DFL).

“Tor”: Wörter mit harten Konsonanten riskanter

Doch nicht nur den rund 800 deutschen Fans, die ihre Tickets nach einer Reisewarnung des Robert Koch-Instituts noch vor dem Anpfiff zurückgaben, war offenbar nicht ganz wohl bei dieser Premiere. Die eilige Öffnung der Zuschauertribünen macht vor allem Politik und Wissenschaft Sorge. So sieht etwa der Göttinger Physiker Eberhard Bodenschatz den lautstarken Torjubel in Menschenansammlungen skeptisch.

Gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sagte der Direktor der Abteilung für Fluidphysik, Musterbildung und Biokomplexität am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation: “Wir konnten in einer experimentellen Studie nachweisen, dass Menschen, die laut schreien, dabei eine große Menge an Tröpfchen und Aerosolen an ihre Umgebung abgeben. Das gilt besonders dann, wenn sie Wörter mit harten Konsonanten wie zum Beispiel ‘T’ im Wort ‘Tor’ ausrufen.”

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Hundertmal höheres Aerosolaufkommen beim Schreien

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Die Anzahl der Viren in besonders kleinen Atempartikeln, auch Aerosole genannt, sei bei lautem Schreien hundertmal höher als beim normalen Atmen – und immerhin noch zehnmal höher als beim professionellen Singen.

Hintergrund: Viren wie zum Beispiel Sars-CoV-2 befinden sich bei Erkrankten in der Benetzung der Lunge oder auch im Speichel von Mund und Nase. Nach übereinstimmenden Erkenntnissen zahlreicher Wissenschaftler werden die Viren beim Atmen, Sprechen oder Singen in unterschiedlicher Menge an die Umgebung abgegeben – entweder in Form größerer Tröpfchen, die zu Boden fallen, oder als winzige Aerosole, die länger in der Luft schweben. Das damit verbundene Infektionsrisiko steigt vor allem dann, wenn keine Maske getragen wird. Entsprechend unachtsame und zudem lautstark jubelnde Fußballfans, die das Coronavirus in sich tragen, könnten daher womöglich zu “Superspreadern” werden.

Gefahr der Ansteckung erhöht

Die genauen Ergebnisse der derzeit noch laufenden Göttinger Studie sollen in Kürze vorgestellt werden. Doch schon jetzt legen die Erkenntnisse von Professor Bodenschatz und seinem Kollegen Dr. Mohsen Bagheri nahe, dass – neben der Übertragung durch größere Speicheltröpfchen – auch unsichtbare Aerosolwolken mit winzigen Virenpartikeln zum Problem werden könnten: “Es hängt natürlich von zahlreichen Faktoren ab, wie sich Aerosole im Einzelfall verhalten. Aber je größer die Zahl der Partikel und damit das ausgestoßene Volumen ist, desto größer ist auch die Zahl der Viren in der Luft. Mit zunehmender Virenzahl steigt schließlich die Gefahr der Ansteckung”, erläutert Professor Eberhard Bodenschatz.

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Auch im Freien sind Aerosole infektiös

Zwar sind die Messungen in Innenräumen, wie sie vom Max-Planck-Institut durchgeführt wurden, nicht unmittelbar mit den Bedingungen auf den nur teilweise überdachten Stadiontribünen vergleichbar. Doch nach Auffassung von Fachärzten könnte sich der Virenausstoß lautstarker Personen auch unter freiem Himmel infektiös auswirken: “Enger Kontakt ist auch im Freien riskant”, warnt etwa der Genfer Infektiologe Stephan Harbarth. Dies gelte besonders bei lautem Sprechen oder Singen, sagte Harbarth gegenüber der “Süddeutschen Zeitung”.

Eberhard Bodenschatz bestätigt: “Bei wenig Wind halten sich die ausgeatmeten Aerosole entsprechend länger in der Umgebungsluft. Torrufe führen zudem zu einer Vermehrung größerer Tröpfchen, die normalerweise in circa eineinhalb bis zwei Metern auf den Boden sinken, im Freien aber auch vom Wind zur Seite getragen werden können.”

Weitere Studien kamen zu ähnlichen Erkenntnissen

Doch vor allem in geschlossenen Räumen sei das Ansteckungsrisiko über die Atemluft hoch. Damit geraten nun auch Treppenaufgänge, Logen oder Sanitärbereiche der Fußballarenen in den Fokus. Die Erkenntnisse des Göttinger Max-Planck-Instituts decken sich mit weiteren Studien, die sich mit dem Ausstoß winziger Aerosolpartikel beim Sprechen, Schreien oder Singen beschäftigt haben.

Die britische Wissenschaftlerin Dr. Gwenan Knight hat mit ihrem Team an der Londoner Schule für Hygiene und Tropenmedizin zahlreiche Faktoren erfasst, die eine Übertragung des Coronavirus begünstigen. Dabei fiel auf: “Schweres, tiefes, schnelles Atmen und Schreien” ist offenbar ein wesentlicher Risikofaktor für eine weitere Ausbreitung der Pandemie – also Verhaltensmuster, wie sie eben auch aufgeheizte Fußballfans an den Tag legen.

“Supersprechtalente” können rasch auch zu “Superspreadern” werden

Forscher der Abteilung Ergonomie und Aerosoltechnologie an der Universität im südschwedischen Lund fanden heraus, dass die Ansteckungsgefahr auch beim Singen besonders groß ist. Studien mit Covid-19-Erkrankten ergaben: Die Menge der dabei ausgestoßenen Viren nimmt nicht allein mit der Lautstärke des Gesangs zu, sondern hängt auch von der Anzahl harter Konsonanten in den gesungenen Strophen wie zum Beispiel “p”, “t” oder “k” ab. Nach Erkenntnissen der schwedischen Wissenschaftler verringert das Tragen von Masken die Virenverbreitung durch Sänger erheblich.

Auch eine experimentelle Studie der University of California bestätigt die wissenschaftliche Einschätzung, dass impulsives Atmen, Sprechen oder Singen zu einem stark erhöhten Ausstoß von Schwebeteilchen führt. Dabei könnte zugleich ein Vielfaches an Viren in die Umgebungsluft gelangen. Einige Probanden entwickelten bei den Versuchen des kalifornischen Forscherteams ein bis zu zehnmal höheres Partikelpotenzial als andere Studienteilnehmer. Solche “Supersprechtalente” könnten während einer Pandemie folglich rasch auch zu “Superspreadern” werden.

“Falsches Signal”: Stadien nicht zu früh öffnen

Mediziner und Politiker warnen unterdessen vor einer frühzeitigen Öffnung der Fußballstadien für Publikum. So kritisierte der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, die Einladung von Fans zum Supercup in Budapest scharf. Angesichts steigender Infektionsraten sei dies “kontraproduktiv und ein falsches Signal” sagte Montgomery der “Passauer Neuen Presse”.

Zuvor hatte sich der Nürnberger Sportmediziner Frank Sörgel gegen eine voreilige Öffnung der Stadien für Fans gewandt: “Ein Superspreader ist immer möglich, sogar bei großen Abständen”, mahnte der Leiter des Nürnberger Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in einem Interview mit “Spox” und “Goal”. Das Risiko, dass “etwas passiert” sei “statistisch ganz klar da”.

Niederlande: Verbot von Sprechchören und lautem Singen

In den Niederlanden zeigte sich Regierungschef Mark Rutte erst vor wenigen Tagen entsetzt angesichts grölender Fußballanhänger, die im Nachbarland bereits seit Anfang September wieder in die Stadien drängen. In einem Interview mit RTL beschwor Rutte die Fans, alle Auflagen einzuhalten.

Auf Anraten von Wissenschaftlern hatte die Regierung in Den Haag zuvor das Unterlassen von Sprechchören oder lauten Gesängen zur Bedingung für die Teilnahme an den Spielen gemacht. In Deutschland fordern SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und sein Genosse Kevin Kühnert ein Überdenken der Pläne für eine rasche Öffnung der Stadien.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL), die die Interessen der regionalen Bundesliga-Klubs und deren Kapitalgesellschaften vertritt, verwies unterdessen auf ein millionenteures Forschungsprogramm, mit dem die Spiele vor Publikum in Deutschland begleitet werden sollen, um die Infektionsgefahren im Stadion künftig besser einschätzen zu können. Allerdings sei bei keiner der derzeit geplanten Studienprojekte eine Messung von Aerosolen auf den Tribünen vorgesehen.


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