„Könnten noch Ende Januar rote Linie überschreiten“

Blutkonserven in vielen Bundesländern knapp – Operationen können teilweise nicht stattfinden

Blutkonserven werden im Zentrallabor des DRK-Blutspende­dienstes in Hagen für Krankenhäuser und Praxen gefiltert und aufbereitet. Der Vorrat an Blutkonserven für die Krankenhäuser in NRW hat einen Tiefstand erreicht.

Blutkonserven werden im Zentrallabor des DRK-Blutspende­dienstes in Hagen für Krankenhäuser und Praxen gefiltert und aufbereitet. Der Vorrat an Blutkonserven für die Krankenhäuser in NRW hat einen Tiefstand erreicht.

Blutspendedienste und Mediziner in mehreren Bundesländern warnen vor Engpässen bei der Versorgung der Patienten mit Blutkonserven. Aktuell fehlten besonders in Nordrhein-Westfalen durch die vielen Krankheits­fälle in der Bevölkerung jeden Tag Hunderte Spender. Aber auch in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen verschärft sich die Lage.

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„Bei einigen Blutgruppen erhalten die Kliniken im Moment nur noch die Hälfte dessen, was sie bei uns anfordern“, sagt Stephan David Küpper vom DRK-Blutspendedienst West im nordrhein-westfälischen Ratingen. Neben dem aktuellen Engpass macht vor allem ein genereller Rückgang der Spende­bereitschaft den Fachleuten Sorgen.

Nur 3 Prozent der spendefähigen Bevölkerung gehen tatsächlich zur Blutspende

Laut DRK gehen nur 3 Prozent der spendefähigen Bevölkerung auch tatsächlich zur Blutspende. In den Städten sind es noch deutlich weniger als auf dem Land. Das verschärfe die Lage in den nordrhein-westfälischen Ballungsräumen zusätzlich.

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„Wir werden in Zukunft noch wesentlich häufiger solche Mangel­situationen bei Blutprodukten haben“, sagt Peter Horn, Direktor des Instituts für Transfusions­medizin der Universitäts­klinik Essen. Wenn der Mangel einmal zu groß werden sollte, müssten in einem ersten Schritt nicht lebens­notwendige Operationen verschoben werden. Im schlimmsten Fall könne es aber auch dazu kommen, „dass wir bei einer großen Katastrophe nicht mehr versorgungsfähig sind“.

Der DRK-Blutspende­dienst setzt beim Werben um neue Blutspender auch auf die Unterstützung von Politik und Unternehmen. Wenn Beschäftigte für ihre Blutspende eine Zeitgutschrift vom Chef bekämen, wäre das ein Anreiz, sagte DRK-Sprecher Küpper. In den Schulen könnte das Thema im Biologie­unterricht einen festen Platz bekommen.

Auch Thüringen betroffen: „Blutspenden sind wichtiger denn je“

Blutkonserven werden auch in Thüringen knapp. Grund ist die niedrige Zahl an Blutspenden im November und Dezember. In den vergangenen zehn Jahren sei die Spenden­bereitschaft in der Vorweihnachts­zeit noch nie so schlecht gewesen wie Ende 2022, teilte der DRK-Blutspende­dienst Thüringen auf Anfrage mit.

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Im November lag die Zahl der Blutspender um 10 Prozent unter dem sonst in diesem Monat üblichen Niveau, im Dezember sogar um 12 Prozent darunter. In der Vorweihnachtszeit sei die Bereitschaft zur Blutspende normalerweise besonders hoch. In den vergangenen Wochen konnten viele Thüringerinnen und Thüringer aber kein Blut spenden, weil sie an Infekten erkrankt waren.

Hinzu kämen aber auch gesellschaftliche Zwänge, so Silke Rummler, Geschäfts­führerin des Instituts für Klinische Transfusions­medizin am Uniklinikum Jena, im ZDF-„Morgenmagazin“. Denn derzeit gebe es Krieg in Europa; und auch die Inflation mache den Menschen zu schaffen. Stephan David Küpper vom DRK-Blutspendedienst West sieht außerdem den Generationen­wechsel als einen weiteren Grund. Besonders die Generation der „Babyboomer“ sei jahrelang treu zur Blutspende gegangen. „Die fällt jetzt sukzessive weg“, sagte er im ZDF. Nun brauche man junge Spenderinnen und Spender, die noch lange Blut abgeben könnten.

Das Universitäts­klinikum in Jena teilte am Freitag mit, dass beim dortigen Depot normalerweise bis zu 500 Blutkonserven lagern, um Patienten und Patientinnen nach Operationen und nach schweren Unfällen, aber auch Menschen mit Krebserkrankungen zu versorgen. Aktuell seien nur noch 120 Blutkonserven vorrätig – pro Tag werden rund 100 benötigt. Es fehlten Blutkonserven aller Blutgruppen, vor allem jedoch der Gruppen 0 und A. „Blutspenden sind wichtiger denn je“, so Silke Rummler, Geschäftsführerin des Instituts für Klinische Transfusions­medizin am Uniklinikum Jena.

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In den ersten Januarwochen habe sich die Zahl der Spender wieder auf Normalniveau eingependelt, teilte der DRK-Blutspende­dienst mit. Um den hohen Bedarf abdecken zu können, rufen das DRK und das Uniklinikum Jena zu weiteren Blutspenden auf.

Auch Bremen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt warnen

Dazu verschärft sich der Mangel an Blutkonserven auch in Bremen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Es sei noch nicht so schlimm wie in Nordrhein-Westfalen, „aber wir sehen die rote Linie“, sagte ein Sprecher des DRK-Blutspende­dienstes. „Wir leben derzeit von der Hand in den Mund.“ Dabei sei insbesondere im Januar der Bedarf an Blutkonserven groß.

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Jetzt räche sich, dass während der Corona-Pandemie weniger Erstspender gewonnen werden konnten, sagte der Sprecher. Damals seien viele Spende­termine in Betrieben und Schulen ausgefallen. Es fehlten die Menschen, die jetzt als Zweit- oder Drittspender helfen könnten. „Wir müssen das Aufkommen wieder irgendwie steigern, sonst könnten wir noch Ende Januar die rote Linie überschreiten.“

In Hannover habe der Mangel an Blutkonserven bereits konkrete Folgen, denn schon jetzt seien Operationen gefährdet, schreibt die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“. Man komme „seit drei Monaten aus der Mangellage nicht raus“, sagte der Sprecher des DRK-Blutspende­dienstes in Springe dem Blatt. „Nie zuvor ist die Spenden­bereitschaft so massiv zurückgegangen.“ Der zentrale Blutspende­dienst in Springe versorgt mehr als 300 Krankenhäuser in Bremen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Deutschlandweit versorgt das DRK rund 75 Prozent aller Kliniken mit Blut­produkten. Wegen der geringen Spenden­bereitschaft vor Weihnachten konnte das DRK keinen Bestand aufbauen und die Kliniken nur eingeschränkt versorgen. In den Kliniken wiederum nimmt nach den Feiertagen die Zahl der Operationen wieder zu, so dass der Bedarf an Blutkonserven steigt.

RND/dpa/sic

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