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Bildungsexpertin zur Coronakrise: Die mangelnde Hygiene an den Schulen fällt uns auf die Füße

  • An vielen deutschen Schulen herrschen desolate hygienische Zustände.
  • Das spielt dem neuartigen Coronavirus in die Hand, Präventionsmaßnahmen können nur schleppend umgesetzt werden.
  • Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ist alarmiert und sieht die Schulträger in der Pflicht.
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Hygiene ist seit Ausbruch der Coronaepidemie ein entscheidendes Thema – vor allem überall dort, wo große Menschenmengen zusammenkommen, wurden die Hygienevorschriften noch mal drastisch verschärft. Das gilt auch für die Bildungseinrichtungen des Landes.

Gerade erst haben Unicef und WHO ein Präventionspapier herausgegeben, das Schulen als Leitfaden im Umgang mit der Coronakrise dienen soll. Darin enthalten: Checklisten für Schulleiter, Lehrkräfte, Schüler und deren Eltern. So empfehlen WHO und Unicef Schulen, Seifen und Desinfektionsmittel an sämtlichen Waschbecken bereitzustellen, Letzteres auch in Klassenräumen, im Foyer der Schulen und an den Ausgängen. Aber ist das im deutschen Schulalltag überhaupt realistisch?

Thema Hygiene wurde jahrelang vernachlässigt

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Tatsächlich sieht die Realität hierzulande – auch während der Coronakrise – an vielen Schulen gänzlich anders aus: “Das Thema Hygiene wurde jahrelang vernachlässigt, zum Teil ist als Sparmaßnahme das warme Wasser auf den Schultoiletten abgeschaltet worden, zum Teil gibt es keine Seifenspender, von Hygiene auf den Toiletten kann also keine Rede sein”, kritisiert Ilka Hoffmann, Leiterin des Organisationsbereichs Schule bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die Zustände.

Womit man sich allenfalls behelfen könne, so Hoffmann, sei – falls vorhanden – ein Waschbecken im Klassenzimmer, an dem Lehrer Seife und Desinfektionsmittel bereitstellen könnten. “Ich glaube, dass da wirklich eine stiefmütterliche Behandlung von Seiten der Schulträger vorhanden ist”, bemängelt Hoffmann weiter. Gerade die Fürsorgepflicht – auch gegenüber vielen älteren Lehrkräften – müsse ernst genommen werden. Hoffmann: “Jetzt rächt sich all das, was man lange einfach so hat laufen lassen.”

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Es fehlt an Geld und Personal

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Es fehle an Personal und Geld in den Kommunen und im öffentlichen Dienst. Sei es der Schulpsychologe, Schulärzte oder auch die Reinigungskräfte: “Das hat man alles zusammengespart, weil die schwarze Null etwas wichtiger war als die Bildung”, kritisiert Hoffmann. Entsprechend habe man auch jetzt die Leute und das Geld nicht: “Jetzt fällt uns das auf die Füße.” Die Lehrer täten zwar ihr Möglichstes, um Aufklärungsarbeit in Sachen Corona im Unterricht zu leisten, es könne aber nicht sein, dass diese am Ende noch in Apotheken Schlange stehen müssen, um Desinfektionsmittel zu beschaffen, weil der Träger das hat schleifen lassen, so die GEW-Fachfrau.

Ähnlich desolat wie mit der Ausstattung verhält es sich offenbar auch mit den Reinigungsvorschriften sämtlicher Schulräume. Diese müssten während der Epidemie, um diese im Keim zu ersticken, laut WHO deutlich verschärft werden. So empfiehlt die internationale Gesundheitsbehörde, das gesamte Schulgebäude, vor allem aber die sanitären Anlagen und Klassenräume, mindestens einmal am Tag zu reinigen und zu desinfizieren – ganz spezielle Aufmerksamkeit solle dabei Oberflächen gelten, die von vielen Personen berührt werden, wie Tische, Handläufe an Treppen, Sportgeräte und Lernmittel für die Allgemeinheit. Tatsächlich, so Hoffmann, sieht es so aus, dass wohl die Böden täglich gewischt werden: “Für eine gründliche Reinigung und Desinfektion reicht die Zeit der Reinigungskräfte aber häufig gar nicht aus”, merkt Hoffmann weiter an.

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WHO-Empfehlungen können nicht flächendeckend umgesetzt werden

Auch die oft überfüllten Klassenräume, die für Klassengrößen von mitunter mehr als 30 Schülern viel zu eng sind, stehen im starken Kontrast zur WHO-Empfehlung, möglichst viel Abstand zueinander zu halten und sich obendrein möglichst wenig zu berühren. “Es ist nicht gut, dass wir dieses Virus haben, aber es ist gut, dass wir in dieser Krise mal darüber nachdenken, ob das, was wir den Kindern an Schule bieten, wirklich gesundheitsfördernd ist. Dieser schlampige Umgang mit Hygiene und die vollgestopften Klassenzimmer, das muss überdacht werden”, so Hoffmanns Forderung – auch angesichts der Tatsache, dass vielerorts Veranstaltungen mit mehr als 1000 Menschen abgesagt würden. Das träfe auch auf die Größe zahlreicher Gesamtschulen zu: “Da muss man noch mal besonders vorsichtig sein”, warnt Hoffmann. Besorgten Eltern rät sie daher, wie es aktuell auch von den Gesundheitsbehörden empfohlen wird, Kinder mit Atemwegserkrankungen eher mal zu Hause zu lassen.

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Wenngleich regional die Hygienemaßnahmen mutmaßlich sehr unterschiedlich ausfallen, so glaubt Hoffmann nicht, dass im Zuge der aktuellen Coronakrise die WHO-Empfehlungen flächendeckend umgesetzt werden: “Da sind die Wege oft zu lang, da hat sich so viel eingeschliffen an Nachlässigkeit, was das Thema Hygiene an Schulen anbelangt und auch bauliche Mängel an Schultoiletten, das ist ein ganz dunkles Kapitel”, kritisiert Hoffmann. Allerdings sieht sie in der Krise auch eine Chance, das Thema Schulhygiene noch mal flächendeckend zu diskutieren und nachhaltige Lösungen zu finden: “Kinder sind das wichtigste Gut, daran sollte man nicht sparen.”

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