Bericht aus Straßburg: Menschen über 80 werden nicht mehr beatmet

  • Ein Bericht von deutschen Ärzten zeigt, dass das neuartige Coronavirus im französischen Straßburg zu drastischen Maßnahmen in der medizinischen Versorgung geführt hat.
  • So werden dort etwa Menschen, die älter als 80 Jahre sind, nicht weiterhin künstlich beatmet.
  • Die Uniklinik bestreitet, dass das Alter das alleinige Kriterium ist.
Heidi Becker
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In einem Bericht von Katastrophenärzten des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin (DIFKM) wird von drastischen Maßnahmen berichtet, die die französische Universitätsklinik in Straßburg anwendet, um das neuartige Coronavirus zu bekämpfen. Menschen über 80 Jahre etwa werden nicht mehr beatmet, heißt es darin und Ärzte arbeiteten trotz Infizierung mit dem neuartigen Coronavirus weiter.

Experten: Deutschland muss vorbereitet sein

In Frankreich haben sich bislang mehr als 25.000 Menschen mit dem neuartigen Coronavirus infiziert – mehr als 1000 Menschen sind daran gestorben. Um Schlüsse daraus für Deutschland ziehen zu können, haben sich Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin in Straßburg einen Eindruck von der Situation verschafft. In der Universitätsklinik von Straßburg herrschen so alarmierende Zustände, dass die Katastrophenärzte in einem Bericht, der dem “Tagesspiegel” vorliegt, warnen, wie wichtig die richtige Vorbereitung nun für Deutschland ist.

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Straßburg: Patienten über 80 Jahre werden nicht beatmet

Im DIFKM-Dokument berichten die deutschen Ärzte demnach, dass in der Universitätsklinik in Straßburg bereits seit dem 21. März Patienten, die älter als 80 Jahre alt sind, keine Beatmung, sondern stattdessen eine “Sterbebegleitung mit Opiaten und Schlafmitteln” erhalten würden. Auch Menschen in Pflegeheimen, die üblicherweise beatmet werden würden, bekämen nun diese Sterbebegleitung statt einer künstlichen Beatmung. Die dazu einberufene Ethikkommission mache bei diesen Einzelfällen Vorgaben für Ärzte.

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Die Universitätsklinik Straßburg bestreitet, dass das Alter das einzige Kriterium für Intensivmaßnahmen sei. Die an der Universitätsklinik geltenden Praktiken entsprächen den Empfehlungen der gängigen Fachgesellschaften, hieß es in einer Mitteilung. Es würden außerdem neue Kapazitäten im Bereich der Intensivmedizin bereitgestellt, es habe bisher keine Überlastung gegeben.

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Das neuartige Coronavirus hat Deutschland erreicht, doch es gibt viele Möglichkeiten, um sich vor dem Anstecken zu schützen.  © Heidi Becker/RND
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Beatmung: Auch in Deutschland wird über Kriterien beraten

Auch in Deutschland wird sich aktuell mit einem Mangel an Betten beschäftigt. So hat die Deutsche Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) Entscheidungsempfehlungen vorgelegt, welche Patienten beatmet würden und welche nicht, wenn Intensivbetten und Ressourcen knapp würden. Alleine auf das Alter solle es dabei nicht ankommen, teilt sie mit.

Noch sind in Deutschland solche Kriterien aber nicht nötig, da in Deutschland jeder Mensch, der keine dem widersprechende Patientenverfügung hat und künstliche Beatmung benötigt, diese auch erhält. Die Ärzte des DIFKM haben aber in ihrem Bericht unter der Annahme, dass Deutschland eine ähnliche Infizierungsentwicklung wie in Straßburg erfährt, darauf hingewiesen, wie wichtig nun die richtige Vorbereitung sei. Die Ärzte beschreiben, “dass das Nadelöhr die zu beatmenden Patienten sind“ und dem Rettungsdienst und der Intensivmedizin in den Kliniken “die absolute Schlüsselrolle” zukommen würde, wie der “Tagesspiegel” berichtet.

RKI: In Ausnahmefällen kann auch infiziertes Personal arbeiten

Weiter gestattet die französische Regierung nun, dass Ärzte und Pflegepersonal selbst mit einer bestätigten Infizierung weiter arbeiten dürfen. Der DIFKM-Bericht sagt aus, dass in diesen Fällen zwar strengere Schutzmaßnahmen gelten würden, die Arbeit an sich aber nur unterbrochen würde, wenn die infizierte Person unter eigenen Symptomen leide.

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Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) hat die Handlungsoptionen für medizinisches Personal, das mit dem neuartigen Coronavirus infiziert ist, geändert. Wurde bislang vom RKI empfohlen, infiziertes Personal nicht mit der Patientenversorgung zu betrauen, so gilt für dieses Personal nun bei relevantem Personalmangel die Option, Covid-19-Patienten in Ausnahmefällen zu versorgen.

Ärzte warnen davor, Patienten zu vernachlässigen

Die Katastrophenärzte berichten, dass in der Universitätsklinik in Straßburg aufgrund des neuartigen Coronavirus nur noch eine Bypassoperation pro Tag stattfinden, Tumore und Frakturen gar nicht mehr operiert und ambulante Operation abgesagt würden. Der Bericht warnt abschließend davor, wegen der Behandlung von Covid-19-Patienten nicht die anderen Patienten zu vernachlässigen. “Wir dürfen am Ende nicht all diese Patienten verlieren, um dafür alle Covid-19-Patienten gerettet zu haben.”

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