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Australien: Vom Covid-Vorbild zur Infektionshochburg – wie konnte das passieren?

Mitarbeiter des Gesundheitswesens verabreichen COVID-19-Tests in einer Drive-Through-Klinik in Sydney.

„Festung Australien“ – so nannten viele den Inselstaat, der sich in den vergangenen zwei Jahren so sehr abschottete wie kaum ein anderes Land der Welt. Geschlossene Außengrenzen und selbst Reiserestriktionen im Inneren hielten die Covid-Zahlen auf einem moderaten Level. Ausbrüche wurden mit Blitzlockdowns unter Kontrolle gebracht. Der Wunsch nach Zero-Covid – also nach null Corona-Fällen – war lange Zeit so groß, dass die Bürgerinnen und Bürger in den Millionenstädten Melbourne und Sydney selbst extrem lange und strenge Lockdowns weitestgehend ohne Murren hinnahmen. Melbourne gilt gar als eine der Städte, die über die vergangenen zwei Jahre summiert die längste Ausgangssperre weltweit ausgerufen hat. Auch die fünf Millionen Menschen in Sydney verbrachten den gesamten vergangenen Winter auf der Südhalbkugel im Lockdown, insgesamt 15 Wochen am Stück.

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Rekordinfektionszahlen im Zero-Covid-Land

Als das Land im November nach einer letztendlich extrem erfolgreichen Impfkampagne – australienweit sind mehr als 90 Prozent der Bevölkerung ab zwölf Jahren doppelt geimpft – die internationalen Grenzen zumindest für seine eigenen Bürgerinnen und Bürger wieder öffnete und später dann auch bestimmten Gruppen wie Rucksackreisenden und Studierenden wieder Einlass gewährte, erschien dies vielen wie ein Sieg über die Pandemie: „Es ist an der Zeit, den Australiern ihr Leben zurückzugeben“, sagte Australiens Premierminister Scott Morrison damals. Vor Weihnachten lockerten auch die meisten Bundesstaaten ihre internen Einreiseregelungen. Bundesstaaten wie New South Wales, in dem Sydney liegt, schafften fast sämtliche Restriktionen ab.

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Doch die Freude war verfrüht: Seit der Ankunft der Omikron-Variante im Land verzeichnen vor allem die bevölkerungsreichen Bundesstaaten im Osten des Landes Rekordinfektionszahlen – allen voran New South Wales. An Silvester wurden dort 21.151 Neuinfektionen gemeldet, ein massiver Anstieg gegenüber den 12.226 Infektionen am Tag zuvor. Auch am Montag meldete der Staat weit mehr als 20.000 Neuinfektionen – australienweit waren es sogar 37.000 neue Fälle.

Neuausrichtung kommt für viele unvermittelt

In einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche nannte Morrison die Omikron-Variante einen „Game Changer“: „Wir müssen neu definieren, wie wir über die Pandemie denken und wie wir uns selbst und die Dinge, die wir als Regierungen tun müssen, managen.“ Im gleichen Atemzug kündigte er neue Definitionen von „engen Kontakten“ an und lockerte die Parameter dafür, wer getestet werden muss. Denn aufgrund der rasant ansteigenden Fälle sind die Testzentren in Teilen des Landes so überlaufen, dass die Menschen oft stundenlang warten müssen oder ganz abgewiesen werden. Zudem kam es über Weihnachten zu einem folgenschweren Fehler: So gab ein Labor in Sydney rund 1500 positive Tests als negativ heraus – ein menschlicher Irrtum, der der derzeitigen Welle aber nochmals mehr Schub verliehen haben dürfte.

Ein weiterer Faktor, der zu den derzeitigen Rekordzahlen in New South Wales beigetragen hat, ist ein Wechsel in der Regierung des Bundesstaates. So übernahm nach einem politischen Skandal Dominic Perrottet das Ruder, ein konservativer Katholik, der den vorsichtigen Ansatz seiner Vorgängerin ablehnt und eher die Meinung vertritt, dass jeder Einzelne selbst für seine Gesundheit verantwortlich ist. „Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben, und genau das tun wir“, sagte er vor Kurzem. Maßnahmen wie das Maskentragen oder das Einscannen von QR-Codes zur Kontaktverfolgung strich Perrottet daher kurz vor Weihnachten – zu einem Zeitpunkt, als die Fallzahlen gerade wieder anstiegen. Inzwischen ist der Politiker zwar wieder eingeknickt und hat beispielsweise die Maskenpflicht in Innenräumen wieder eingeführt, doch im Wesentlichen hält er an seiner Position fest. Dabei lässt die schiere Menge an positiven Fällen inzwischen auch die Zahl der Einweisungen ins Krankenhaus gefährlich ansteigen. Am Montag wurden in New South Wales 1204 Menschen mit Covid-19 im Krankenhaus behandelt. Das hat das Gesundheitssystem in der derzeitigen Urlaubszeit unter Druck gebracht.

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„Denkweisen ändern sich nicht über Nacht“

Obwohl weltweit die Corona-Fälle ansteigen, ist die derzeitige Entwicklung für viele Australier und Australierinnen ein großer Schock. Zum einen haben viele gehofft, dass die hohe Impfrate die Pandemie unter Kontrolle halten würde, zum anderen muss sich ein Großteil der Bevölkerung nun zum ersten Mal mit der Realität auseinandersetzen, wie es ist, mit der Pandemie zu leben. Für viele Australierinnen und Australier kommt dieser „neue Umgang“ mit der Pandemie – vom Einsiedlerstaat zur Infektionshochburg – zu schnell und zu unvermittelt.

„Denkweisen ändern sich nicht über Nacht“, hieß es beispielsweise am Wochenende in einer Analyse des australischen Senders ABC. „Es ist eine Sache, zu wissen, dass sich die Art und Weise, wie wir Covid sehen, ändert, dass dies für die meisten Menschen möglicherweise eine mildere Variante ist und Massenimpfungen die hohe Rate an Krankenhauseinweisungen und Todesfällen, wie das Ausland sie im letzten Jahr gesehen hat, verhindern sollten.“ Aber die Australierinnen und Australier hätten sich seit Beginn der Pandemie beim leichtesten Schnupfen oder einem Covid-Kontakt testen lassen müssen. Das sei den Menschen in jeder Pressekonferenz, mit jeder Gesundheitswerbung und beim Scannen jedes QR-Codes eingedrillt worden. Ein neues Regelwerk werde solch eine Denkweise nun nicht über Nacht ändern. „Viele machen sich Sorgen – wenn nicht um sich selbst, dann um ihre verletzlicheren Angehörigen“, heißt es.

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