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Erneuter Lockdown: Sydney kapituliert vor der Delta-Variante

  • Die Delta-Variante des Coronavirus zwingt etliche Staaten und Metropolen in die Knie.
  • Nun geht selbst Sydney wieder in einen strengen zweiwöchigen Lockdown.
  • Dabei galt die australische Metropole bisher als Musterschüler in der Pandemie.
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Sydney. Bereits gestern hatte die australische Großstadt eine Ausgangssperre für einzelne Stadtteile ausgesprochen. Am Samstag zwang ein Ausbruch der Delta-Variante nun jedoch die gesamte Stadt und ihre Umgebung in den Lockdown. Nachdem sich ein Limousinenfahrer vermutlich bei einer Flugzeugcrew angesteckt hatte, ist der Covid-Ausbruch innerhalb weniger Tage auf über 80 Infizierte angestiegen. Einige der Infektionen passierten laut Behördenangaben rein beim Vorübergehen – also mit minimalem Kontakt. Die Ministerpräsidentin des zuständigen Bundesstaates New South Wales, Gladys Berejiklian, verkündete am Samstagnachmittag deswegen eine strenge zweiwöchige Ausgangssperre.

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Die neuen Restriktionen erlauben Bürgerinnen und Bürgern, nur aus wenigen Gründen ihr Haus zu verlassen: zur Arbeit oder um in die Schule zu gehen, für Arztbesuche inklusive Covid-Tests und Impfterminen, um anderen Menschen zu helfen oder zum Einkaufen. Auch Sport im Freien ist erlaubt. Das Ziel sei, innerhalb der kommenden Wochen wieder eine Nullübertragung in der Gesellschaft zu erreichen, sagte Berejiklian in einer Pressekonferenz. Der drastische Schritt war laut der Regionalregierung notwendig, da die Kontaktverfolgung nicht mehr alle Virusinfektionen nachvollziehen konnte.

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Wegen Delta-Variante: Zwei Wochen harter Lockdown in Sydney
1:44 min
Grund für die Maßnahmen ist ein Ausbruch der Delta-Variante des Coronavirus mit rund 80 Ansteckungen.  © Reuters
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Drastische Maßnahmen

Sydney ist wie auch Australien im Ganzen bisher verhältnismäßig gut durch die Pandemie gekommen. Mit rund 30.000 Infektionen und 910 Toten hatte der Staat die Viruserkrankung deutlich besser im Griff als der Rest der Welt. Dies verdankt das Land dem recht rigorosen Durchgreifen der Politik. So hat Australiens Regierung gleich zu Beginn der Pandemie mit drastischen Maßnahmen reagiert. Seit dem 20. März 2020 lässt das Land keine ausländischen Besucherinnen und Besucher mehr auf den Kontinent. Und auch im Inland schließen die meisten Bundesstaaten ihre Grenzen je nach Covid-Situation im Land.

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Dies bescherte den Australierinnen und Australiern im Gegenzug ein weitgehend normales Alltagsleben. Die Schattenseite war jedoch, dass zwischenzeitlich bis zu 40.000 Australier und Australierinnen im Ausland feststeckten, nachdem die Fluggesellschaften die Flugangebote reduzierten, Preise explodierten und Flüge immer wieder storniert wurden. Auch die Ausreise ist für australische Bürgerinnen und Bürger und Menschen mit permanenter Aufenthaltsgenehmigung nur über eine Ausnahmegenehmigung möglich. Die Grenzen könnten nach heutigem Stand noch bis Mitte 2022 geschlossen bleiben.

Test-and-Trace-Strategie bisher erfolgreich

Mit Sydney geht bereits die zweite australische Großstadt in Folge in den Lockdown. Auch Melbourne musste in den vergangenen Wochen wegen der Delta-Variante eine Ausgangssperre ausrufen. Sydneys Corona-Modell galt bisher als der Goldstandard Australiens. Die sogenannte Test-and-Trace-Strategie des Bundesstaates New South Wales wird immer wieder auch vom australischen Premierminister Scott Morrison gelobt, der Sydneys Vorgehen in der Vergangenheit bereits als das „nachhaltigste Modell“ bezeichnete.

Das Gesundheitssystem in New South Wales ist im Vergleich besser ausgerichtet, auf Covid-Ausbrüche zu reagieren, als viele andere Regionen in Australien. So sind die öffentlichen Gesundheitseinheiten in die einzelnen örtlichen Bezirke eingebettet. Dieses dezentrale Gesundheitssystem mit lokalen Distrikten erlaubt ein besseres Management des Virus. Beispielsweise kann die Kommunikation an die jeweilige Gemeinde angepasst werden und Informationen in Gegenden mit einem hohen Anteil nicht englischsprachiger Bürgerinnen und Bürger auch in anderen Sprachen bereitgestellt werden. In der Vergangenheit waren teilweise 300 Personen in den Kontaktverfolgungsteams angestellt. Bis ins kleinste Detail versuchen diese dann nachzuvollziehen, wo eine infizierte Person sich aufgehalten hat und welche anderen Menschen potenziell exponiert gewesen sein könnten. Dazu werden beispielsweise Daten, die über eine App gesammelt werden, herangezogen. So müssen Bewohnerinnen und Bewohner von Sydney einen QR-Code scannen, bevor sie in Geschäfte, Restaurants oder öffentliche Einrichtungen gehen. Die Teams durchforsten aber auch gemeinsam mit Infizierten deren Terminkalender, Handyfotos oder Quittungen von Einkäufen, um ihr Erinnerungsvermögen aufzufrischen.

Impfkampagne läuft schleppend

Der aktuelle Covid-Ausbruch in Sydney ist auch eine Folge der schleppenden Impfkampagne Australiens. Nur rund sieben Millionen Impfdosen wurden bisher ausgegeben, knapp über 4 Prozent der Gesamtbevölkerung sind vollständig geimpft. Viele der rund 25 Millionen Australierinnen und Australier fühlen die Dringlichkeit einer Impfung nicht im Vergleich zu Menschen aus Ländern, in denen die Pandemie wütete. Ein Großteil ist zudem skeptisch gegenüber der Impfung eingestellt. Laut einer Modellierung des Burnet Institutes in Melbourne könnte diese Impfskepsis gepaart mit neuen Covid-Varianten dazu führen, dass Australien längerfristig Ausgangssperren und Restriktionen wie aktuell in Sydney brauchen werde.

Ich denke, auf absehbare Zeit müssen wir lernen, mit Covid zu leben.

Margie Danchin ist Impfstoff­forscherin am Murdoch Children’s Research Institute.
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Mehrere Fachleute haben in den vergangenen Wochen deswegen angemahnt, dass dem Land eine Exit-Strategie fehlt. „Teile der Community wollen nach wie vor null Covid-Fälle, aber andere Leute kommen an den Punkt, an dem sie bereit sind, ein paar Fälle in der Community zu akzeptieren“, sagte Margie Danchin, eine Impfstoff­forscherin am Murdoch Children’s Research Institute, vor Kurzem im Interview mit dem australischen Sender ABC. „Ich denke, auf absehbare Zeit müssen wir lernen, mit Covid zu leben“, sagte die Wissenschaftlerin.

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