Trotz Lockdown: Delta-Variante breitet sich in Australien weiter aus

  • Trotz Abschottung breitet sich die Delta-Variante auch in Australien aus.
  • Am Samstag ging Brisbane nach einem bisher unerklärten Ausbruch in einen Blitzlockdown.
  • Die Zero-Covid-Strategie, die dem Land über Monate ein normales Leben bescherte, scheint gescheitert.
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Sydney. Am berühmten Manly Beach in Sydney steht ein Polizeiwagen. Offiziell ist Sydney seit fünf Wochen im Lockdown. Nur einkaufen, impfen, ein Arztbesuch oder Sport im Freien sind erlaubt. Doch direkt vor den Polizisten unterhalten sich ein Fahrradfahrer und eine Frau mit Kaffee in der Hand. Auch ein Kanufahrer zwängt sich noch schnell durch in Richtung Meer. Viele scheinen nach wie vor nicht zu wissen, wie sie mit dem neuen Corona-Ausbruch in ihrer Heimat umgehen sollen.

Denn lange Zeit ging es den Sydneysidern vielleicht zu gut. Nach einem Lockdown im April und Mai vergangenen Jahres war aufgrund der geschlossenen Grenzen bereits wieder Normalität eingekehrt. Kleinere Covid-Cluster lösten die Behörden mit Kontaktverfolgung über eine App mit QR-Codes oder lokalen Sperren – bis ein Limousinenfahrer die Delta-Variante ins Land brachte.

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Vermutlich hat er sich bei einer Flugzeugcrew infiziert, die er transportierte. Plötzlich funktionierten die bisher erprobten Strategien kaum noch. Das Virus breite sich so schnell aus, „wie wir es noch nie zuvor gesehen haben”, sagte die Ministerpräsidentin des Bundesstaates New South Wales, Gladys Berejiklian, in einer ihrer täglichen Pressekonferenzen. Die Menschen würden sich nicht nur am Arbeitsplatz, sondern selbst im Supermarkt oder in der Apotheke anstecken.

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Wird Anti-Lockdown-Protest zum Superspreader-Event?

Trotz Lockdown geht die tägliche Zahl der Neuinfektionen nach wie vor nicht zurück. Am Sonntag registrierte der Großraum Sydney 239 lokale Fälle. Insgesamt sind im Bundesstaat New South Wales, in dem Sydney liegt, damit über 3000 aktive Fälle. 14 Menschen sind durch den neuen Ausbruch bereits gestorben, darunter eine Studentin in ihren 30ern.

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Die aktuellen Virus-Hotspots liegen vor allem im Westen der Stadt, doch die lokalen Behörden fürchten, dass die Delta-Variante sich in der Fünf-Millionen-Stadt noch weiter ausbreiten könnte. Vor allem ein in Teilen gewaltsamer Anti-Lockdown-Protest vor einer Woche könnte zu einem Superspreader-Event werden – ein erster Demonstrant wurde bereits positiv getestet. Eine weitere geplante Protestaktion am Samstag wurde verhindert, nachdem 1300 Polizisten im Einsatz waren und Passanten und Autofahrer auf dem Weg in die Stadt aufhielten.

Corona-Hotspots: Polizei und Militär patrouillieren in Straßen

Auch in den Virus-Hotspots soll härter durchgegriffen werden. Ab Montag werden Tausende Polizistinnen und Polizisten die betroffenen Stadtteile gemeinsam mit rund 300 Soldatinnen und Soldaten patrouillieren und darauf achten, dass es zu keinen Menschansammlungen kommt und Passanten eine Maske tragen. Auch die Strafen wurden noch einmal erhöht. Wer in diesen Bezirken ohne Maske angetroffen wird, muss mit einer Strafe von 500 Australischen Dollar rechnen, umgerechnet rund 310 Euro.

Obwohl einige Organisationen wie der Aboriginal Legal Service Kritik übten, da in den betroffenen Bezirken ein hoher Anteil an Flüchtlingen und indigenen Menschen lebt, der eher auf Sozialarbeitende als Soldatinnen und Soldaten ansprechen würde, unterstützen viele Australierinnen und Australier die drakonischen Maßnahmen aber. „Da die Covid-Fallzahlen nicht sinken, kann es meiner Meinung nach nicht schaden, das Militär zu Hilfe zu holen”, sagte die Australierin Dianne Essey beispielsweise. Es gebe ja eindeutig Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich nicht an die Regeln halten würden und die Polizei alleine könne den Lockdown nicht mehr überwachen.

„Insel der Seligen“ in der Krise

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Doch wie konnte die Situation so eskalieren? Monatelang schien Australien eine „Insel der Seligen“ zu sein. Geschlossene Grenzen, strikte Quarantäneregeln, eine ausgeklügelte Kontaktverfolgung und im Notfall Blitzlockdowns, bei denen Millionenmetropolen wie jetzt auch Brisbane wieder für drei bis fünf Tage dichtgemacht wurden, hatten das Coronavirus fast völlig eliminiert. Nur Melbourne durchlebte im vergangenen Winter – ähnlich wie Sydney jetzt – einen längeren Lockdown, nachdem ein Cluster außer Kontrolle geraten war. Doch mit der Delta-Variante, die bisher ansteckendste Mutante, die deutlich infektiöser als das ursprüngliche Virus aus Wuhan ist, funktioniert die bisher so erfolgreiche Strategie des Landes nicht mehr identisch gut.

Grund dafür ist laut Raina MacIntyre, einer Epidemiologin der Universität von New South Wales, dass die Virusmenge, die im Falle der Delta-Variante von infizierten Menschen ausgeschieden wird, über 1000-mal höher als die des ursprünglichen in Wuhan identifizierten Stamms sei, wie die Forscherin in einem Fachartikel für das akademische Magazin „The Conversation” schrieb. „Delta macht die Arbeit so viel schwieriger.”

Die Expertin zitierte eine Studie, die zeigte, dass die durchschnittliche Zeit von der Exposition bis zur Infektion im Jahr 2020 sechs Tage betrug, bei Delta jedoch nur noch vier Tage. „Dies macht es schwieriger, Kontakte zu identifizieren, bevor sie infiziert werden”, sagte sie.

In Australien sind erst 15 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen Covid-19 geimpft

Laut der Gesundheitsbehörden im Bundesstaat New South Wales, in dem Sydney liegt, sind im Falle der Delta-Variante beispielsweise fast 100 Prozent der Haushaltsmitglieder bereits infiziert, wenn sie mit der Kontaktverfolgung beginnen, verglichen mit etwa 30 Prozent im vergangenen Jahr. Aus Südaustralien berichteten die Behörden sogar, dass sich Menschen innerhalb von 24 Stunden nach der Exposition bereits infiziert hatten und auch ansteckend waren. Selbst über Infektionen im Freien wurde bereits berichtet.

Damit scheint die Zero-Covid-Strategie des Landes mehr oder weniger gescheitert. Laut MacIntyre führt der Weg aus der Krise nun nur noch über Impfungen. Im Falle von Australien sind aber erst 15 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, nachdem das Land nicht ausreichend unterschiedliche Impfstoffe geordert und zudem eine eher verwirrende Kommunikation betrieben hat. Deswegen fürchten einige Expertinnen und Experten, dass die Restriktionen für Sydney noch deutlich länger anhalten müssen als bis Ende August, wie es bisher anvisiert ist.

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