Ausreisesperren: Virologen befürworten Fokus auf lokale Corona-Cluster

  • Nach dem flächendeckenden Lockdown fährt Deutschland eine neue Strategie.
  • Lokale Coronavirus-Ausbrüche sollen mittels Ausreisesperren und Cluster-Identifizierung eingedämmt werden.
  • Virologen in Deutschland erachten das als sinnvoll - und verweisen auf Erfahrungen aus Japan.
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Wie mit möglichen und plötzlich neu auftauchenden Infektionsherden in Deutschland umgehen? Bund und Länder haben entschieden. Sie wollen künftig zielgenauer auf lokale Ausbrüche der Corona-Pandemie reagieren. Auf lokaler Ebene soll es Ein- und Ausreisesperren bei steigenden Infektionszahlen geben können.Ein besonderes Augenmerk soll auf das jeweilige Cluster gelegt werden. Also beispielsweise ein Unternehmen wie die Fleischproduktion Tönnies in Gütersloh, eine Kirchengemeinde oder eine einzelne Familie.

Die Virologin Ulrike Protzer von der Technischen Universität München begrüßt ein Vorgehen auf lokaler Ebene. “Ich glaube, das ist eine sehr vernünftige Maßnahme”, sagte sie am Mittwoch in einem Radiointerview mit dem Bayerischen Rundfunk. Auch Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover ist überzeugt. “Es gilt: je kleinteiliger und rascher die Isolation, desto besser. Das ist ein oberstes Prinzip in der Pandemiekontrolle!”, betont der Infektiologe.

Was ist ein Cluster?

Unter einem Cluster verstehen Epidemiologen eine Häufung einzelner unerwarteter Erkrankungsfälle, die plötzlich zu einem Zeitpunkt an einem bestimmten Ort beobachtet werden und noch unklar ist, ob sie in einem Zusammenhang stehen. Stellt sich nach Untersuchung des Clusters raus, dass die Fälle zusammenhängen, sprechen Experten von einem Ausbruch.

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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND

Länder wie Japan hätten das Virus durch den Fokus auf solche Cluster sehr gut in den Griff bekommen, sagte Virologin Protzer. Wenn es irgendwo einen lokalen Ausbruch gab, habe Japan sehr schnell eine lokale Quarantäne verhängt, alle getestet und dann entschieden, wer in Quarantäne bleiben muss. “Damit ist man schneller als wenn man zuerst testet, auf das Ergebnis wartet, in der Zwischenzeit haben sich vielleicht neue angesteckt - und dann immer hinterherläuft”, erklärte Protzer gegenüber dem “BR”.

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Auch Christian Drosten, der auf Coronaviren spezialisierte Virologe der Berliner Charité, fand lobende Worte für Japans Cluster-Strategie. “Was wir wirklich einüben müssen, ist das frühe Erkennen von Clustern und das sofortige Isolieren der Cluster-Mitglieder”, sagte er bereits im Juni im NDR-Podcast.

Studie aus Japan: Junge Menschen lösen häufiger Infektionscluster aus

Epidemiologen aus Japan sind überzeugt, dass das aktive Finden von Fällen, deren Untersuchen und die Kombination mit Quarantänemaßnahmen enger Kontakte der Schlüssel dazu sind, weitere Ansteckungen zu identifizieren. In einer Mitte Juni erschienenen und von der US-Gesundheitsbehörde CDC veröffentlichten Studie haben Forscher 61 Infektionscluster im Land im Zeitraum zwischen Januar und April untersucht.

Das Ergebnis: Vor allem Gesundheitseinrichtungen, Pflegeeinrichtungen, Kindertagesstätten, Restaurants und Bars, Arbeitsplätze, Musikkonzerte, Chorproben, Karaoke-Parties, Turnhallen und religiöse Zeremonien seien potenzielle Orte, an denen sich Cluster bilden. Was bei ihrer Untersuchung von 3000 bestätigten Corona-Infizierten ins Auge fiel: Die größte Gefahr ging in den Infektionsclustern von jüngeren Menschen ohne für das Coronavirus offensichtlichen Symptomen aus. Sprich: Diejenigen, die andere bei Superspreading-Events anstecken, sind oft unter 30 Jahre alt und unwissentlich ansteckend.

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Um eine zweite Ansteckungswelle in Deutschland zu vermeiden, sind einige Verhaltens- und Hygieneregeln zu beachten.  © RND

Allerdings sei unklar, ob soziale, biologische oder beide Faktoren eine Rolle bei den Übertragungsmustern spielen, räumen die Forscher ein. Vielleicht tummelt sich diese Altersgruppe auch nur an Orten, die günstig für schnelle Übertragungen sind? Mit Blick auf die zuletzt aufgetretenen größeren Infektionsgeschehen in Gottesdiensten, Restaurants und Schlachtbetrieben in Deutschland hatte der Infektiologe Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover das steigende Ausbruchsrisiko so zusammengefasst: “Viele Menschen zusammen, für längere Zeit, in abgeschlossenen Räumen mit wenig Luftaustausch.”

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Kommt es dann auf lokaler Ebene zu einem Infektionsgeschehen, empfiehlt Stoll: “Am besten bleibt jeder zu Hause und außerdem: keiner verlässt Stadt oder Landkreis. Ausnahmen nur streng reglementiert zur unmittelbaren Versorgung der Bevölkerung und Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung.”

Steigende Fallzahlen in Tokio: Problemzone Nachtclub

Gerade Japan ist derzeit wieder in Sorge wegen unbemerkt aufgetretener, gehäufter Infektionen. Seit kurzem steigen dort wieder die Zahlen - und damit auch die Gefahr einer zweiten, nicht mehr kontrollierbaren Infektionswelle. Japans Hauptstadt Tokio hat am Donnerstag einen Rekord an Corona-Neuinfektionen verzeichnet. Die Stadtregierung bestätigte 286 neue Infektionsfälle binnen 24 Stunden, wie der japanische Fernsehsender NHK berichtete.

Als Problemzonen wurden unter anderem Tokios Nachtclubs identifiziert. Auch gibt es Berichte über Cluster in Theatern, Büros und Pflegeeinrichtungen. Es gibt die Sorge, dass die Infektionen von Tokio aus auch auf andere Regionen übergreifen könnten.

In Deutschland gelten als Corona-Risikogebiete Regionen oder Orte, in denen die Zahl der Neuinfektionen 50 pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen übersteigt oder große Unsicherheit über die tatsächliche Ausbreitung herrscht. Für die Benennung solcher Gebiete ist das Robert Koch-Institut (RKI) zuständig. Infektiologe Stoll hofft, dass es hierzulande nirgends zu Ausreiseverboten kommen muss. “Wir haben unser Schicksal in dieser Frage selbst in der Hand”, sagt der Experte. Mit Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen sei die Wahrscheinlichkeit viel geringer, dass es im Herbst starke Anstiege der Infektionszahlen geben werde.

mit dpa

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