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Bildliches Vorstellungsvermögen fehlt

Auf dem inneren Auge blind: Was ist Afantasie?

Manche Menschen können sich Dinge nicht visuell vorstellen.

Manche Menschen können sich Dinge nicht visuell vorstellen.

17 Jahre ist es her, da machte der britische Neurologe Adam Zeman bei einem seiner Patienten eine erstaunliche Beobachtung. Nach einer Operation am Herzen, bei der er wahrscheinlich einen Schlaganfall erlitten hatte, war der Mann nicht mehr dazu fähig, sich etwas bildhaft vorzustellen. Zeman veröffentlichte einen Artikel über den Fall, der im Wissenschaftsjournal „Neuropsychologia“ erschien. Und wurde daraufhin von weiteren Menschen kontaktiert, denen es ähnlich ging: Die meisten waren sogar noch nie dazu in der Lage gewesen, in ihrer Fantasie Bilder entstehen zu lassen.

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Zeman begann, das Phänomen zu erforschen und gab ihm dem Namen „Aphantasia“. Im deutschen Sprachraum hat sich der Begriff „Afantasie“ durchgesetzt.

Merlin Monzel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie der Universität Bonn und hat sich ebenfalls auf die Erforschung der Afantasie spezialisiert. Seine Master- und Doktorarbeit sind dem Thema gewidmet. „Ich bin selbst betroffen, daher hat es mich gleich interessiert, als ich von den Arbeiten Zemans gehört habe“, sagt Monzel. Für Wissenschaftler wie Monzel war es zunächst wichtig zu überprüfen, ob sich eine Afantasie objektiv feststellen lässt – und die Betroffenen nicht nur subjektiv glauben, an mangelnder Vorstellungskraft zu leiden.

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Afantasisten haben ein schlechteres autobiografisches Gedächtnis

In Versuchen hat Monzel Probanden und Probandinnen gebeten, sich ein Ding visuell vorzustellen. Später sollten sie das Objekt, das sie sich vorgestellt hatten, auf einem Bild wiederfinden. Versuchsteilnehmende mit visuellem Vorstellungsvermögen gelang das deutlich schneller, weil ihr Gehirn bereits auf den Anblick des Objekts „vorbereitet“ war. Afantasisten und Afantasistinnen schnitten hingegen deutlich schlechter ab. Ein Beleg dafür, dass Afantasie auch objektiv existiert und das bildliche Vorstellungsvermögen bei einigen Menschen wirklich nicht vorhanden oder stark eingeschränkt ist.

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Allmählich wird auch immer mehr darüber bekannt, wie sich die Afantasie auswirkt. „Es lässt sich zum Beispiel sehr gut belegen, dass Afantasisten ein schlechteres autobiografisches Gedächtnis haben“, sagt Monzel. Selbst an wichtige Ereignisse wie etwa den Tag der eigenen Hochzeit könnten sich diese schlechter erinnern. Was Untersuchungen ebenfalls gezeigt hätten sei, dass das Empathievermögen bei Afantasisten und Afantasistinnen eingeschränkt ist, das gelte aber nur für erzählte Geschichten.

Monzel erklärt es so: „Wenn man einem Afantasisten erzählt, dass jemand eine Treppe hinuntergestürzt wird, empfindet dieser weniger Empathie. Das liegt daran, dass er sich das Ganze nicht bildlich vorstellen kann, Emotionen werden aber in Bildern transportiert.“ Wenn Menschen mit Afantasie dieselbe Situation selbst miterlebten, würden sie hingegen eine normale Empathie zeigen.

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Zwei Theorien zur Entstehung

In einem anderen Experiment seien Versuchsteilnehmenden Horrorgeschichten vorgelesen worden. „Menschen mit visuellem Vorstellungsvermögen begannen bei der Schilderung eines Haiangriffs zu schwitzen, empfanden also Stress“, erzählt Monzel. Bei Menschen, denen dieses fehlte, blieb eine solche Reaktion hingegen aus. Weil ihr Gehirn keine entsprechenden Bilder produzierte, machte ihnen die Geschichte weniger Angst.

Menschen mit Afantasie fehlt das innere Auge

Menschen mit Afantasie fehlt das innere Auge

Aber wie eingeschränkt sind Menschen mit Afantasie im Alltag? Können sie zum Beispiel andere Personen überhaupt wiedererkennen? Hier sei zwischen dem „Abruf“ von Gesichtern aus dem Gedächtnis und dem Wiedererkennen zu unterscheiden, sagt Monzel. Nur weil sich jemand das Gesicht eines anderen in deren Abwesenheit schlecht vorstellen könne, heiße das nicht, dass er diesen nicht wiederkennt. Tatsächlich deuten Studien zwar darauf hin, dass bei Afantasie auch die Gesichtserkennung beeinträchtigt ist. Allerdings lasse sich das im Alltag oft ausgleichen: Wer mit einer bekannten Person verabredet sei, wisse, wo er ihn findet, und sei nicht auf die Gesichtserkennung angewiesen.

Ursachen der Afantasie sind noch nicht geklärt

Die Ursachen der Afantasie sind noch nicht genau geklärt. In den meisten Fällen ist sie offenbar angeboren. „Die Häufigkeit, mit der Afantasie in der Bevölkerung vorkommt, liegt bei etwa 4 Prozent. Allerdings träte sie in bestimmten Familien deutlich häufiger auf. Es gibt also wohl eine erbliche Komponente“, sagt Monzel. Bisher existieren zwei Theorien dazu, warum einige Menschen mit Afantasie geboren werden. Ein Modell geht von einer Kommunikationsstörung zwischen dem Frontallappen im vorderen Teil des Gehirns zum Occipitallappen im hinteren Teil des Gehirns aus.

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Im Frontallappen würde der Wunsch entstehen, sich einen Apfel vorzustellen. Das Bild, wenn man einen echten Apfel sieht, entstehe aber im Occipitallappen, erklärt Monzel. Nur im Zusammenwirken der beiden Hirnregionen könne die visuelle Vorstellung funktionieren und dieses könnte bei Afantasie durch eine Verbindungsschwäche gestört sein. Bisher ist diese Theorie aber noch nicht abschließend belegt.

Afantasie nicht immer als Nachteil empfunden

Ein zweiter Erklärungsansatz sei eine ständige Überaktivierung im Occipitallappen. Auf den ersten Blick erscheint das widersprüchlich, schließlich entstehen genau dort Bilder im Kopf. Die hohe Aktivität könne aber andere Signale überdecken. Das heißt: Allein der Wunsch, sich etwas visuell vorzustellen, würde als Hirnsignal nicht ausreichen, um die restliche Aktivität der Hirnregion zu übertönen. Monzel vergleicht es mit einem Gespräch in einer lauten Disco: Wenn die Musik zu stark aufgedreht ist, dringt man mit seiner Stimme nicht durch. In einigen Fällen wird die Afantasie auch erworben, tritt also erst im Laufe des Lebens auf. Die Ursache kann eine Operation oder eine Hirnverletzung sein. „Sie kann auch psychogen verursacht sein und nach einem Trauma auftreten. Es handelt sich dann um einen Schutzmechanismus, um der bildhaften Erinnerung an die traumatische Erfahrung nicht ausgesetzt zu sein“, sagt Monzel.

Für manche ist Afantasie ein Vorteil

Die Grundlagenforschung zur Afantasie helfe dabei, besser zu verstehen, wie das Vorstellungsvermögen normalerweise funktioniert. Auch in der Praxis könnte die Forschung eines Tages von Nutzen sein. „Wenn man zum Beispiel weiß, dass Menschen mit Afantasie ein schlechteres Erinnerungsvermögen haben, könnte das bei Zeugenaussagen vor Gericht berücksichtigt werden“, so Monzel. Zu klären sei auch, ob Menschen mit Afantasie durch ihr schwächeres Gedächtnis beim Lernen beeinträchtigt sind und dadurch in der Schule Nachteile hätten.

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Das müsse dann ähnlich wie eine Legasthenie berücksichtigt werden. Wahrscheinlich sei die Beeinträchtigung aber nicht groß genug, um von einer Lernschwäche auszugehen, glaubt Monzel. Ein weiterer Nutzen der Forschung: „Manche Betroffene leiden ziemlich unter ihrer Afantasie. Und wenn man die Ursachen noch besser versteht, könnten eines Tage vielleicht Medikamente dagegen entwickelt werden.“

Es soll aber auch Betroffene geben, die ihre fehlende bildliche Vorstellungskraft als nichts Unangenehmes empfinden. „Manche sehen es als Vorteil und erzählen mir, dass es dabei hilft, mehr im Hier und Jetzt zu sein“, sagt Monzel. Schließlich hätten die Betroffenen nicht nur weniger lebhafte Erinnerungen, sondern könnten sich auch weniger bildhaft ausmalen, wie etwas schieflaufen könnte. Sie könnten sich zukünftige Entwicklungen nicht vor dem inneren Auge als Katastrophe ausmalen und empfänden diese als weniger bedrohlich: „Das kann vielleicht in einigen Punkten sogar zu einer höheren Lebenszufriedenheit beitragen.“

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