Astrazeneca-Stopp in mehreren Ländern Europas: Welche Länder halten noch an dem Impfstoff fest?

  • Die Diskussion um den Astrazeneca-Impfstoff nimmt kein Ende.
  • In einigen Ländern, etwa Italien, Deutschland und Frankreich, wurde das Spritzen des Vakzins wegen Bedenken über Nebenwirkungen gestoppt.
  • Andere Länder in Europa setzen weiterhin auf das Mittel des britisch-schwedischen Unternehmens. Eine Übersicht.
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Fast eine Woche ist es her, dass das Nachbarland Dänemark die Corona-Impfungen des britisch-schwedischen Unternehmens Astrazeneca ausgesetzt hat. Der Grund: die Sorge vor möglichen Nebenwirkungen des Vakzins. Mittlerweile hat auch Deutschland die Notbremse gezogen und die Verbreitung des Präparats vorerst gestoppt. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach am Montag von einer „reinen Vorsichtsmaßnahme“, das Risiko sei noch immer sehr gering. Den vorläufigen Stopp hatte zuvor das zuständige Paul-Ehrlich-Institut empfohlen: Bei der Analyse neuer Daten sehe man eine auffällige Häufung einer speziellen Form von sehr seltenen Thrombosen in Hirnvenen in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) und Blutungen in zeitlicher Nähe zu Impfungen mit Astrazeneca, so das Institut. Nun prüft die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) das Vakzin erneut.

Wie Europa mit dieser Situation umgeht, unterscheidet sich von Land zu Land: Während die einen überzeugt weiterimpfen, setzen andere auf Zurückhaltung.

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Europäische Länder im Vergleich: Hier sind die Astrazeneca-Impfungen ausgesetzt

Das Nachbarland Dänemark machte den Anfang in Sachen Astrazeneca-Stopp. Die Impfungen wurden vergangene Woche für zunächst zwei Wochen gestoppt. Hintergrund waren mehrere Fälle von Blutgerinnseln bei geimpften Personen, darunter ein Todesfall. Regierungschefin Mette Frederiksen bezeichnete das als ärgerlich, da man unheimlich abhängig davon sei, dass alle geimpft würden. Gesundheitsminister Magnus Heunicke sprach ebenso wie die Gesundheitsverwaltung von einer Vorsichtsmaßnahme. Ziel sei, die Vorfälle gründlich zu untersuchen, schrieb er auf Twitter. Bisher haben in dem EU-Land etwa 142.000 Menschen ihren ersten Stich mit dem Astrazeneca-Stoff bekommen.

Auch Norwegen setzte die Astrazeneca-Spritzen aus. Das Land hatte zuvor vier Fälle von Erwachsenen gemeldet, bei denen es nach einer Impfung mit dem Vakzin zu Blutgerinnseln kann. Das bewegte auch Island und Bulgarien zu der Vorsichtsmaßnahme.

Am frühen Sonntagmorgen war zudem eine 57 Jahre alte Person in der norditalienischen Region Piemont gestorben, kurz nachdem sie am Vorabend das Mittel erhalten hatte. Eine Autopsie ist – sowohl für diesen Fall als auch für andere Todesfälle in der vergangenen Woche – angeordnet worden. Am Sonntag zogen daher auch Gesundheitsexperten aus Italien und Irland die Notbremse.

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Die Niederlande setzten die Impfungen ebenfalls aus. Gesundheitsminister Hugo de Jonge teilte am Sonntag mit: „Wir müssen immer auf Nummer sicher gehen.“ Auch Frankreich vollzog einen vorläufigen Stopp bis zur erwarteten EMA-Einschätzung – auch hier eine reine „Vorsichtsmaßnahme“, wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sagte.

Am Montagabend gab auch die spanische Gesundheitsministerin Carolina Darias bekannt: Mindestens zwei Wochen lang wird kein Astrazeneca-Impfstoff mehr verabreicht. Bereits mehrere der 17 Regionen in Spanien haben die Verabreichung des Astrazeneca-Impfstoffs gestoppt, obwohl die Bundesregierung in Madrid bisher betont hatte, dass es keinen Grund zu einer Änderung der Impfpolitik gebe. Fast zeitgleich gaben am Montag auch Luxemburg, Portugal, Slowenien und Deutschland bekannt, den Bericht der EMA für weitere Impfungen abzuwarten.

Am Dienstag entschieden sich letztlich auch Lettland, Schweden und Zypern für einen temporären Impfstopp. Der EU-Inselstaat plant stattdessen einen Kauf des russischen Präparats Sputnik V: Ist das Vakzin von der europäischen Gesundheitsbehörde genehmigt, kauft das Land rund 50.000 Dosen, sagte Regierungssprecher Kyriakos Koushios am Dienstag im Staatsrundfunk (RIK).

Astrazeneca-Impfstopp: Einige EU-Länder setzen nur eine Charge aus

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Während die einen den Impfstoff vorsichtshalber gänzlich aussetzen, versuchen die anderen, einzelne Chargen aus dem Verkehr zu ziehen – und zwar die, die in der Vergangenheit am auffälligsten wirkten. So hat beispielsweise Österreich die Restbestände der Charge ABV 5300 eingezogen: Mit ihr wurden zwei Krankenschwestern geimpft, von denen eine gestorben ist. Auch andere damit belieferte Länder wie Estland und Litauen legten die Charge vorsorglich auf Eis, Rumänien stoppte die Nutzung einer anderen Produkteinheit. Nach Deutschland war die Charge nicht geliefert worden.

Trotz Bedenken über Nebenwirkungen: Diese Länder stoppen die Astrazeneca-Impfungen nicht

Europa hat den Luxus, auf mehrere Impfstoffe zurückgreifen zu können. Dennoch ist eine Entscheidung zur Aussetzung von Impfungen nicht leicht zu treffen. Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt und die Impfkampagne in der EU hat bereits einen Stolperstart hingelegt. Einige Länder halten deshalb an dem Vakzin fest. Zu ihnen zählen Belgien, Finnland, Griechenland, Kroatien, Malta, Polen, Slowakei, Tschechien und Ungarn. Sie argumentieren, den Impfstoff nicht zu nutzen richte mehr Schaden an als die nun so hitzig debattierten Nebenwirkungen. Diese Meinung vertritt neben einigen Medizinern auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach – obwohl er die nach den Impfungen aufgetretenen Thrombosen „mit großer Wahrscheinlichkeit“ auf den Astrazeneca-Impfstoff zurückführt. Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA sieht nach aktuellem Stand „keine Hinweise“ darauf, dass Impfungen mit dem Mittel Blutgerinnsel verursachen.

Das britisch-schwedische Pharmaunternehmen veröffentlichte am Sonntag eine Mitteilung, in der erneut die Sicherheit des Vakzins „basierend auf klaren wissenschaftlichen Beweisen“ betont wurde. Es gebe weniger Berichte über Thrombosefälle unter den Geimpften als in der Bevölkerung allgemein, erklärte Astrazeneca.

RND

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