• Startseite
  • Gesundheit
  • Astrazeneca-Impfungen gestoppt: Angstforscher erklärt, warum die Entscheidung ein fatales Signal ist

Angstforscher zum Astrazeneca-Stopp: „Schnellschuss und falsches Signal“

  • Deutschland hat die Impfungen mit dem Präparat von Astrazeneca vorübergehend ausgesetzt.
  • Es gibt den Verdacht, dass der Impfstoff zu schweren Thrombose-Fällen führt. Doch ob ein Zusammenhang besteht, ist nach wie vor fraglich.
  • Angstexperte Borwin Bandelow kritisiert den Impfstopp. Damit würden falsche Signale an die Bevölkerung gesendet werden.
Katrin Schreiter
|
Anzeige
Anzeige

Hannover. Nachdem bereits etliche andere europäische Länder, darunter Dänemark, Norwegen und die Niederlande, die Impfungen mit dem Vakzin von Astrazeneca ausgesetzt hatten, hat auch Deutschland am vergangenen Montag die Reißleine gezogen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) folgte damit einer Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts. Auch Italien und Frankreich haben sich mittlerweile dieser Entscheidung angeschlossen.

Schaden nicht mehr zu reparieren

Aus Sicht von Angstforscher Prof. Dr. Borwin Bandelow ist die Entscheidung, die Impfungen mit Astrazeneca zu stoppen, ein falsches Signal. Der Arzt für Neurologie und Psychiatrie spricht von „fatalen Folgen, die durch den Imageschaden bereits entstanden sind“. Das Misstrauen gegenüber Astrazeneca werde zu zahlreichen Todesfällen durch Corona führen, prognostiziert Bandelow im Gespräch mit dem RND. Der Schaden sei nicht mehr zu reparieren.

Anzeige
Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

„Schaden, der entsteht, nur weil Behörden mit vorauseilender Vorsicht das Impfen gestoppt haben“, sagt Angstforscher Bandelow und hinterfragt die Verhältnismäßigkeit. „Wenn bei 17 Millionen Astrazeneca-Geimpften eine gewisse Zahl von Thrombosen festgestellt werden, muss man das mit 17 Millionen Nichtgeimpften vergleichen, bei denen ja auch Thrombose-Fälle auftreten. Nach dem, was bekannt ist, gibt es da keine großen Unterschiede“, sagt der Mediziner. „Allerdings wird die Europäische Arzneimittelagentur erst am 18. März ihre endgültige Einschätzung abgeben.“

Bandelow verweist auf die Risikoabwägung: „Im Vergleich zu den Impfstoffen haben die meisten Medikamente, die in Deutschland regelmäßig eingenommen werden, deutlich mehr Nebenwirkungen – das reicht von Blutdruck- bis Rheumatabletten.“ Aber das werde oft wenig thematisiert.

Anzeige

Falsche Risikobewertung

Der Wissenschaftler nennt ein weiteres Beispiel für eine falsche Einschätzungen im Alltag: „Wer mit dem Auto zum Flughafen gefahren ist, hat den gefährlichsten Teil schon überstanden. Verglichen mit dem Flug.“ Dabei würden die meisten überzeugt sein, dass das Fliegen das Gefährliche wäre, erklärt Bandelow und kommt zu Astrazeneca zurück: „Das eventuelle Thrombose-Risiko durch die Impfung ist so viel kleiner als das Risiko für viele Menschen, an Corona zu sterben, wenn sie nicht geimpft werden.“ Der Impfstoffstopp würde nun den Panikmachern in die Hände spielen, kritisiert der Arzt für Neurologie und Psychiatrie.

Die Angst vor dem Impfen im Allgemeinen und vor dem Astrazeneca-Vakzin im Besonderen erklärt der Mediziner wie folgt: „Jeder Mensch hat ein Angst- und ein Vernunftgehirn. Wenn eine Gefahr droht, die neu und unbeherrschbar erscheint, schaltet sich automatisch das Angstgehirn ein – ein uraltes System, das überlebenswichtig ist.“ Das Risiko durch die neue Gefahr werde überhöht eingeschätzt, während man bekannte Gefahren unterschätze. Auch, wenn die Zahlen anderes belegen würden: „Angst ist kein guter Statistiker.“

Erst Angst vor dem Virus, nun vor der Impfung

Auch das Corona-Virus habe anfänglich vor allem Angst hervorgerufen. „Doch nachdem wir Corona in die lange Liste der bekannten Gefahren eingereiht haben und das Risiko realistischer einschätzen, erscheint manchen Menschen nun die Impfung als neue und unbeherrschbare Gefahr“, erklärt Bandelow. „Zuerst war es der Biontech-Impfstoff, der Angst gemacht hat, weil das mRNA-Prinzip gerade erst entwickelt worden war. Nun gilt der Vektorimpfstoff Astrazeneca als neue Gefahr.“

Was tun gegen Ängste vor Nebenwirkungen?

Anzeige

„Wir sollten dafür sorgen, dass wir mit seriösen Informationen das Vernunftgehirn stärker machen als das Angstgehirn“, rät Angstforscher Bandelow. „Da hilft es auch nicht, wenn man denkt: ‚Ich habe noch kein Corona gekriegt, dann krieg ich es auch nicht mehr!’“, weiß der Arzt für Neurologie und Psychiatrie. „Die Wahrscheinlichkeit, dass man sich damit ansteckt, steigt von Tag zu Tag.”

Bandelow rät dazu, sich bei verlässlichen Quellen zu informieren – nicht über Facebook-Einträge oder private Meinungen. „Wer konkrete Fragen hat, kann sich auch an seinen Hausarzt oder seine Hausärztin wenden.” Außerdem gebe es seriöse und umfassende Informationen beim Robert-Koch-Institut.

EMA vom Nutzen „zutiefst überzeugt“

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat sich erneut hinter den Impfstoff von Astrazeneca gestellt. Man habe bisher keine Hinweise darauf, dass der Impfstoff eine Blutgerinnung verursacht. Die Zahl der aufgetretenen Fälle sei nicht höher als in der Gesamtbevölkerung. Man sei vom Nutzen des Vakzins nach wie vor „zutiefst überzeugt“, sagt EMA-Chefin Emer Cooke. Eine Entscheidung über das weitere Vorgehen wird für Donnerstagnachmittag erwartet.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen