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Hin und Her bei Astrazeneca: Die wichtigsten Fragen und Antworten rund um die Impfung

  • Deutschland drückt bei Astrazeneca-Impfungen vorsorglich auf die Bremse.
  • In Deutschland wird das Vakzin ab sofort nur noch Menschen über 60 Jahren verabreicht.
  • Warum kam es zu dieser Entscheidung und wie geht es nun weiter mit Astrazeneca?
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Berlin. Eigentlich sollten die Corona-Impfungen mit dem Präparat von Astrazeneca endlich Fahrt aufnehmen – aber nun kommt erst mal eine vorsorgliche Bremse. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern beschlossen am Dienstag, dass das Präparat in der Regel nur noch Menschen ab 60 gespritzt werden soll – außer, jüngere wollen es nach Klärung mit dem Arzt auf eigenes Risiko.

Dabei gab es mit dem Mittel des britisch-schwedischen Herstellers schon einiges Hin und Her: zugelassen, dann eingeschränkt, wieder erweitert, ausgesetzt, wiederaufgenommen. Die Impfkampagne wird nun nicht einfacher.

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Was ist das Problem?

Wieder geht es um Auffälligkeiten mit Fällen von Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen in zeitlichem Zusammenhang zu Impfungen, die vor allem bei jüngeren Frauen gemeldet wurden. Erst Mitte März hatte die Bundesregierung alle Astrazeneca-Impfungen nach einer Empfehlung des zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) ausgesetzt – wie mehrere andere Länder auch. Nach erneuten Prüfungen der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) gaben Bund und Länder nach vier Tagen Pause dann wieder grünes Licht – aber verbunden mit neuen Warnhinweisen für Ärzte und Patienten auf das Thromboserisiko.

Worum geht es genau?

Es gibt Verdachtsfälle für eine spezielle Form von sehr seltenen Hirnvenenthrombosen (Sinusvenenthrombosen) in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie). Das Paul-Ehrlich-Institut, das solche Meldungen sammelt, konstatiert in seinem Sicherheitsbericht „eine auffällige Häufung“ in zeitlicher Nähe zu Impfungen mit Astrazeneca.

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Wie viele Verdachtsfälle gibt es bislang?

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Dem Institut wurden bis Montagmittag 31 Verdachtsfälle einer Sinusvenenthrombose nach Impfung mit dem Corona-Impfstoff von Astrazeneca gemeldet. In 19 Fällen wurde zusätzlich eine Thrombozytopenie gemeldet. In neun Fällen war der Ausgang tödlich.

Was weiß man über diese Verdachtsfälle?

Mit Ausnahme zweier Fälle betrafen alle Meldungen Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren. Die beiden Männer waren 36 und 57 Jahre alt. Laut Impfquotenmonitoring des Robert-Koch-Instituts (RKI) wurden bis einschließlich Montag 2,7 Millionen Erstdosen und 767 Zweitdosen von Astrazeneca verimpft.

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Die Fälle traten ja vor allem bei Frauen auf, warum sollen dann auch Männer unter 60 nicht mehr mit Astrazeneca geimpft werden?

Zwei der 31 gemeldeten Fälle betrafen auch Männer im Alter von 36 und 57 Jahren. In einem Beschlussentwurf der Stiko, der am Dienstag vor der neuen Impfempfehlung durchgesickert war, hatte es geheißen: „Obwohl deutlich mehr Frauen betroffen waren, schränkt die Stiko vorsorglich ihre Empfehlung für beide Geschlechter ein.“

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Wie häufig ist diese Komplikation?

Gemeldet wurde dem Paul-Ehrlich-Institut etwa ein Fall pro 100.000 Astrazeneca-Impfungen (Stand 19. März). Das ist wenig, aber dennoch häufiger, als zu erwarten wäre, denn in der Normalbevölkerung ist es noch seltener: „Diese sehr seltene Gerinnungsstörung trat unter den Geimpften häufiger auf, als es zahlenmäßig aufgrund der Seltenheit dieser Gerinnungsstörung ohne Impfung zu erwarten wäre.“

Wie entstehen solche Thrombosen?

Andreas Greinacher von der Universitätsmedizin Greifswald zufolge könnten in seltenen Einzelfällen über die Immunantwort des Körpers die Blutplättchen aktiviert werden. Auch andere Forscher vermuten, dass die Bildung der Gerinnsel über eine starke Immunantwort und dabei entstehende Antikörper, die an die Blutplättchen andocken und diese aktivieren, laufen könnte.

Ist die Impfung die Ursache?

„Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist nicht klar, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen der Impfung und den Berichten über Immunthrombozytopenie gibt“, heißt es beim PEI. Bisher gebe es keinen Nachweis, dass das Auftreten dieser Gerinnungsstörungen durch den Impfstoff verursacht wurde. Es würden aber weitere Untersuchungen durchgeführt, um das aufzuklären.

Was passiert mit meiner Zweitimpfung?

Über 60-Jährige können auch die zweite Dosis von Astrazeneca bekommen, heißt es vom Bundesgesundheitsministerium. Auch Jüngere, die schon die erste Dosis bekommen haben, können das nach Rücksprache mit dem impfenden Arzt „und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung“ tun. Die zweite Möglichkeit: Warten auf eine Expertenempfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut.

Da die Astra-Impfung in Deutschland im Februar begonnen hat und zwölf Wochen Abstand zur zweiten Dosis empfohlen werden, steht für die meisten der zweite Piks erst ab Mai im Kalender. Die Stiko will vorher eine Stellungnahme zur Zweitimpfung vorlegen, auch ob es eventuell möglich ist, für die Zweitimpfung ein anderes Präparat zu verwenden.

Kann man für die Zweitimpfung einen anderen Impfstoff nehmen?

Es gibt schon länger Überlegungen, für einen besseren Schutz etwa gegen neue Virusvarianten verschiedene Impfstoffe zu kombinieren. Also zum Beispiel auf eine erste Dosis Astrazeneca eine zweite von Biontech/Pfizer zu spritzen. „Rein immunologisch ist das unproblematisch, denn sie beruhen letztlich auf dem gleichen Impfantigen“, hatte der Erlanger Infektionsimmunologe Christian Bogdan als Mitglied der Stiko gesagt. Die Wirksamkeit von Kombinationen werde derzeit in Studien untersucht.

Das britische National Institute for Health Research prüft beispielsweise, ob die zweite Dosis auch mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer verabreicht werden könnte. Aussagekräftige Daten der Studie liegen aber noch nicht vor.

Wie haben die Behörden die Sache bislang beurteilt?

Für die europäische Behörde EMA sind die Vorteile des Vakzins deutlich größer als die Risiken. Es wurde aber beschlossen, zu diesen sehr seltenen Ereignissen einen Warnhinweis in die Fach- und Gebrauchsinformationen aufzunehmen.

Wie ist es in Großbritannien, wo viel Astrazeneca eingesetzt wird?

In Großbritannien sind laut Aufsichtsbehörde für Arzneimittel (MHRA) bis Mitte März vier Fälle von Hirnvenenthrombosen aufgetreten, keine davon soll tödlich verlaufen sein. Insgesamt sind bereits Millionen Menschen mit dem Impfstoff geimpft worden. Mehr als 30 Millionen Menschen in Großbritannien haben mittlerweile eine erste Dosis erhalten – entweder Biontech oder Astrazeneca.

Da die Impfkampagne schon weit vorangeschritten ist, werden zurzeit 50- bis 59-Jährige geimpft. Großbritannien hatte zu keinem Zeitpunkt die Impfungen mit Astrazeneca pausiert. Angesichts der großen Zahl verabreichter Dosen und der Häufigkeit, mit der Blutgerinnsel auf natürliche Weise aufträten, gebe es keinen Anlass für einen Stopp, so die MHRA.

Welche Rolle spielt die Altersgruppe?

Bei den Altersempfehlungen für Astrazeneca gab es schon Änderungen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) hatte das Mittel zuerst nur für Menschen unter 65 empfohlen – wegen mangelnder Studiendaten für Ältere. Etwas später wurde dies aber aufgehoben und die Impfung für alle ab 18 empfohlen.

Im Licht der jüngsten Fälle entschied das Gremium nun, das Mittel erst ab 60 Jahren zu empfehlen – und die Gesundheitsminister folgten dem. Wegen der Stiko-Empfehlung bekamen Ältere bisher eher Biontech/Pfizer, Jüngere eher Astrazeneca – darunter Pflegekräfte, Lehrkräfte und Erzieherinnen.

Kommen über 60-Jährige durch die neuen Regeln denn jetzt automatisch früher zum Zug?

Wie schnell es geht, kommt auf das Bundesland an. Momentan sind in der Impfreihenfolge nach den über 80-Jährigen eigentlich erst einmal die über 70-Jährigen an der Reihe. Die Bundesländer können bei Astrazeneca nun aber davon abweichen und auch schon für Menschen ab 60 aktuelle Impftermine vergeben. Das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen macht das ab Samstag. Laut Statistischem Bundesamt gibt es in Deutschland rund 10,5 Millionen Menschen im Alter zwischen 60 und 70 Jahren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist 66. Lässt Sie sich jetzt mit Astrazeneca impfen?

Über 60-Jährige sollten das Impfangebot auch wahrnehmen und könnten Vorbild sein, hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Dienstag gesagt und damit indirekt auch eine Aufforderung an die Kanzlerin ausgesprochen. Dazu gefragt, verwies sie anschließend auf frühere Aussagen. Sie habe gesagt, wenn sie dran sei, lasse sie sich impfen, „auch mit Astrazeneca“. „Die Möglichkeit, sich impfen zu lassen, ist für mich nähergerückt. Das ist richtig“, fügte Merkel hinzu. Eine öffentlichkeitswirksame Impfaktion wie bei hochrangigen Politikern in anderen Ländern ist in Deutschland bisher nicht angekündigt.

Wie geht es weiter?

Die Auswirkungen für den Fortschritt der Corona-Impfungen und das Vertrauen sind noch unklar. Astrazeneca spielt eine wichtige Rolle, auch für die nach Ostern angestrebte stärkere Einbeziehung der Arztpraxen. Die Länder sollen nun aber auch schon 60- bis 69-Jährige zu Astrazeneca-Impfungen einladen können. Generell sind derzeit – bezogen auf das Alter – erst noch die über 70-Jährigen an der Reihe.

Im ganzen Jahr werden mehr als 56 Millionen Dosen erwartet. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, forderte: „Damit die Impfkampagne endlich Fahrt aufnehmen kann, müssen Impfwillige die Wahlfreiheit bei den Seren erhalten.“ Doch damit dürfe nicht die ethische Reihenfolge beim Impfangebot aufgegeben werden. „Sonst kommen immobile, schwerstkranke und pflegebedürftige Menschen unter die Räder.“

RND/dpa

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