Arzt im Interview: „Ein einziger Satz kann ein Trauma verursachen“

  • Eckard Krüger benutzt im Gespräch mit Patienten eine spezielle Form der Kommunikation: die Idiolektik.
  • Der Arzt achtet dabei nicht nur darauf, was ein Patient sagt, sondern auch, wie er es tut.
  • Im RND-Interview erzählt er, wie nur wenige Minuten für ein gutes Gespräch genügen können.
Sandra Arens
|
Anzeige
Anzeige

Der Krankenhausalltag in Deutschland ist vor allem eins: streng durchgetaktet. Ärzte haben pro Patient gerade mal ein paar Minuten Zeit, dann geht es weiter ans nächste Krankenbett. Wie dennoch ein gutes Gespräch entstehen kann und warum es wichtig ist, statt über EKG und Blutdruck einfach mal über ein Faltboot zu reden, erklärt Eckard Krüger, Chefarzt der Akutgeriatrie und Frührehabilitation der Klinik Naila in Oberfranken. Er nutzt eine besondere Form der Kommunikation: die Idiolektik.

Einen persönlichen Zugang zum Patienten finden

Herr Dr. Krüger: Was verbirgt sich hinter dem Begriff Idiolektik?

Jeder Mensch hat eine individuelle, eigentümliche Art zu kommunizieren. Sie ist so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck. Mit der Idiolektik lasse ich mich auf genau diese Eigensprache meines Gegenübers ein. Ich höre nicht nur auf das, was mir ein Patient sagt, sondern auch darauf, wie er es sagt. Spricht er einen Dialekt? Erzählt er mir von einem besonderen Hobby? Besitzt er eine spezielle Art von Humor? All das nehme ich auf und versuche, darüber einen persönlichen Zugang zum Patienten zu bekommen.

Das heißt, nicht Sie als Arzt führen das Gespräch, sondern der Patient?

Anzeige

In gewisser Weise ja. Ich nehme mich zurück und lasse mich von ihm leiten. Ich sehe, wie er mich anblickt, wie er atmet, welchen Tonfall er benutzt, und orientiere mich konsequent daran. Ich lasse mich auf seine Lebenswelt ein und versuche darüber, Anknüpfungspunkte für ein gutes, persönliches Gespräch zu finden.

Eckard Krüger, Facharzt für Allgemeinmedizin, Geriatrie und Naturheilverfahren und Chefarzt der Abteilung für Akutgeriatrie & Frührehabilitation an den Kliniken Hochfranken, Naila in Oberfranken. © Quelle: Eckard Krüger
Anzeige

Das klingt lang und aufwendig. Woher nehmen Sie die Zeit?

Das ist keine Frage der Zeit, ein paar Minuten reichen dafür aus. Wenn ich mich in dieser kurzen Zeit ganz auf den Patienten einlasse, zeige ich, dass ich Interesse an ihm als Menschen habe und nicht nur in meinen Unterlagen ein Häkchen mache, wenn ich mit ihm gesprochen habe.


Gespräche effizient gestalten – mit Idiolektik

Wenn Sie ein Gespräch mit einem Patienten führen, haben Sie aber auch einen Auftrag. Sie müssen Diagnosen stellen und Behandlungsentscheidungen treffen.

Klar darf ich diesen Auftrag nicht aus den Augen verlieren. Mit der Idiolektik geht das für mich aber sogar noch einfacher. Wenn ein Patient merkt, dass ich mich für ihn interessiere, öffnet er sich mir gegenüber schneller. Ich muss also nicht gegen einen Widerstand ankämpfen und kann so ein effizientes und sogar zeitsparendes Gespräch führen.

Anzeige

Wie sieht das konkret in Ihrem Alltag aus?

Auf meiner Station lag eine 88-jährige Patientin, die sehr unruhig war und verbal und körperlich aggressiv reagierte. Pflegekräfte beschrieben sie als schwierig und schlecht führbar. Bei meiner Visite fiel mir ihr rheinländischer Akzent auf. Ich setzte mich zu ihr, nahm ihre Hand und fragte sie, was denn eine Rheinländerin in Oberfranken mache. Die Frau suchte Blickkontakt und antwortete: „Wegen der Liebe bin ich hier.“ Auch das war nur ein minutenlanges Gespräch, aber wir hatten eine Ebene gefunden und eine kleine Beziehung aufgebaut. Allein das war schon heilsam. Meine Frage war wie eine Art Türöffner. Im Verlauf konnten wir die Medikamente der Patientin reduzieren. Sie arbeitete motiviert mit, um schnell wieder nach Hause zu können. Ein anderer Patient war wegen Gedächtnisproblemen und Blutdruckschwankungen auf der Station. Er hatte Schwierigkeiten, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden, und war verwirrt. Aber er sprach mit mir über seine Kinder und dass er früher einmal Metzgermeister war – und ostdeutscher Rudermeister. Wir redeten noch kurz über Faltboote, und nach und nach kam ich durch zu ihm. Auch hier dauerte es wieder nur ein paar Minuten, bis der Patient verstand, wo er war und wie er dorthin gekommen ist. Er fasste Vertrauen zu mir.

Ist die Begegnung gut, kann auch die Behandlung gelingen

Aber braucht man zum Blutdruckeinstellen eine enge Beziehung zum Patienten?

Blutdruck einstellen –– das ist eine eigensprachliche Redewendung, die ich jeden Tag höre. Ich sage dann immer, dass ich mich freuen würde, wenn wir über das veterinärmedizinische Niveau hinauskämen. Menschen sind weder Tiere noch Maschinen. Wir können Menschen nicht einstellen; weder den Blutdruck noch die Psyche. Wir sollten uns unsere eigenen Sprechgewohnheiten bewusst machen und hinterfragen, ob wir Patienten wirklich als Mensch ansprechen. Ein einziger unbedachter Satz, beispielsweise bei der Mitteilung einer Diagnose, kann ein Trauma verursachen

Anzeige

Dieser achtsame Umgang mit jedem einzelnen Wort – ist das nicht zu viel verlangt von Ärzten, die ein volles Tagespensum haben?

Mir ist bewusst, unter welch unvorstellbarem Effizienzdruck Ärzte stehen. Dennoch lohnt es, sich Gedanken über die eigene Kommunikation zu machen. Meine Erfahrung ist: Wenn eine Begegnung gut ist, gelingt auch eine effiziente Behandlung.

Kann man Idiolektik trainieren?

Auf jeden Fall! Eine gute Übung ist es, jemanden auf der Straße nach dem Weg zu fragen und sich selbst und den anderen dabei zu beobachten. Den meisten Menschen passiert es, dass sie nach der Beschreibung den Weg immer noch nicht kennen, weil wir eben nicht nur auf das Gesagte hören, sondern das Gegenüber auch ganz stark beobachten. Das ist häufig noch spannender als der Inhalt. Und genau das macht sich die Idiolektik zunutze. Wir nehmen den Menschen als Ganzes wahr und ziehen daraus Schlüsse über die Person. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch mit einer feinen Sensorik ausgestattet ist und die Eigensprache einer Person deuten kann. Viele ignorieren oder übergehen das einfach nur.

Patienten fühlen sich den Ärzten häufig ausgeliefert

Darunter sind auch viele Ärzte …

Ja, so ist es. In meinem Studium ist Kommunikation überhaupt nicht aufgetaucht. Mein Wunsch ist, dass jedes Semester Gelegenheit bietet, Kommunikationsstrategien zu erlernen und zu trainieren. Das sollte ein wichtiger Baustein sein und auch im Berufsleben immer eine Rolle spielen. Kommunikation ist nichts, das man irgendwann ausgelernt hat.

Was raten Sie Patienten, die sich in einem Arztgespräch unwohl fühlen?

Das ist schwierig. Leider gibt es häufig immer noch ein klares Machtverhältnis zwischen Arzt und Patient. Man fühlt sich oft ausgeliefert. Selbst ich als Arzt und Kommunikationstrainer habe schon solche Situationen erlebt und konnte mich auch nicht daraus befreien. Da brauchte es zwei Tage, bis ich mich von dem Gespräch erholt hatte. Ich rate Patienten, unbequem zu sein. Sie dürfen sich trauen, zu sagen, wenn ihnen eine Aussage noch nicht reicht oder sie das Gefühl haben, nicht genügend zu Wort gekommen zu sein. Ich weiß aber auch, dass das sehr viel verlangt ist, und ich ziehe meinen Hut vor jedem Patienten, der es schafft. Ansonsten bleibt nichts anderes übrig, als den Arzt zu wechseln.

Kommunikation ist durch die Pandemie noch wichtiger geworden

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf die Arzt-Patienten-Kommunikation ausgewirkt?

Durch die Pandemie ist Kommunikation noch bedeutender geworden. Wir müssen andere Wege finden, miteinander zu sprechen. Wenn es eine Zeit gibt, in der wir wie die Weltmeister kommunizieren müssen, dann jetzt.

Kann man die Idiolektik denn auch in einer Videosprechstunde anwenden?

Das kann man sehr gut. Natürlich geht auch etwas verloren, weil die körperliche Präsenz fehlt, aber digitale Unterhaltungen haben wiederum den Vorteil, dass Patienten sich in ihrer eigenen Umgebung befinden. Dort fühlen sie sich sicher und können sich ganz anders öffnen. Das gibt mir als Arzt die Möglichkeit, mich auf ihre Lebenswelt einzulassen – und das ist es ja, was die Idiolektik macht.

Zur Person: Dr. med. Eckard Krüger ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Geriatrie und Naturheilverfahren und Chefarzt der Abteilung für Akutgeriatrie & Frührehabilitation an den Kliniken Hochfranken, Naila in Oberfranken. Seit über 20 Jahren ist er Ausbilder und Seminarleiter bei der Gesellschaft für Idiolektik und Gesprächsführung. Er ist Mitautor des Buches „Schlüsselworte – Idiolektische Gesprächsführung in Therapie, Beratung und Coaching“.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen