Zu wenig neue Antibiotika

Rasanter Anstieg von multiresistenten Keimen: Ist die „stille Pandemie“ noch abzuwenden, Herr Hömke?

Ein Labormitarbeiter hält eine Indikatorkulturplatte zum Nachweis von resistenten Bakterien in der Hand.

„Stille Pandemie“: Durch multiresistente Keime sterben jährlich in der WHO-Region Europa mehr als eine halbe Million Menschen. An neuen Antibiotika wird zwar geforscht, doch es müsste mehr geschehen. Und die Anreize für Unternehmen, sich einzubringen, sind nicht so hoch.

Bis in die 1990er-Jahre entwickelten fast alle großen Pharmahäuser Antibiotika. Immer wieder aber war zuletzt von großen Konzernen zu hören, die sich aus der Forschung und Entwicklung neuer Antibiotika zurückzogen – denn die Medikamente versprechen keine großen Gewinne, weil sie zwecks längerer Wirksamkeit in Reserve gehalten werden. Dabei ist die Gefahr klar: „Multiresistente Bakterien stellen weltweit eine immer größere Gefahr für Menschen dar. Selbst bislang leicht zu behandelnde bakterielle Infektionen können so lebensgefährlich werden, da viele Antibiotika gegen solche Erre­ger nicht mehr wirken“, erklärte erst im Oktober Bundesforschungs­ministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP). Was tatsächlich derzeit noch an Forschung geschieht, und ob es ausreicht, die Gefahr zu bannen, darüber befragte das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) den Biochemiker Rolf Hömke vom Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa).

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Herr Hömke, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet den rasanten Anstieg an multiresistenten Keimen auf der Welt als „stille Pandemie“. Gleichzeitig hörte man in letzter Zeit, dass immer mehr große Pharmaunternehmen aus der Entwicklungsarbeit für neue Antibiotika aussteigen. Wird denn derzeit überhaupt noch an neuen Antibiotika geforscht?

Ja, Forschungsinstitute und Unternehmen forschen durchaus weiter an neuen Antibiotika – insbesondere an solchen, die Resistenzen überwinden und dann eingesetzt werden können, wenn gewöhnliche Antibiotika nicht wirken. Viele Unternehmen arbeiten daran eigenständig, andere in öffentlich-privaten Entwicklungspartnerschaften wie beispielsweise CARB-X (Combating Antibiotic Resistant Bacteria Biopharmaceutical Accelerator) – einem globalen gemeinnützigen Zusammenschluss, der sich auf die Unterstützung der antibakteriellen Forschung konzentriert.

Wo passiert das?

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Die meisten uns bekannten Unternehmen, die in diesem Feld tätig sind, haben ihren Sitz in den USA, doch einige befinden sich auch in Europa – beispielsweise AiCuris und Lysando mit Labors in Deutschland, Evotec mit Labors in Frankreich – in Partnerschaft mit Boehringer Ingelheim. Oder Biontech und Roche, die beide Labors in der Schweiz haben.

Ein zweiter Wirkstoff setzt den Resistenzmechanismus außer Kraft

Was sind die wichtigsten Ansätze?

Die Unternehmen verfolgen mehrere Strategien, um resistenzbrechende Antibiotika zu entwickeln. Eine besteht darin, von Resistenzen bedrohte Antibiotika wieder einsatzfähig zu machen. Das geschieht, indem ein beigepackter zweiter Wirkstoff den Resistenzmechanismus der Bakterien außer Kraft setzt. Seit 2015 kamen drei solcher Kombinationsantibiotika heraus – und weitere dürften folgen.

Gibt es auch ganz neue Mittel?

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Ja – eine andere Strategie besteht darin, antibakterielle Stoffe in der Natur zu finden oder im Labor zu erfinden, die auf andere Weise als bisher Bakterien bekämpfen. Zwei Antibiotika dieser Art haben Unternehmen zuletzt 2014 gegen Tuberkulose herausgebracht; einige weitere sind in Erprobung. Mehr als früher wird auch an antibakteriellen Stoffen gearbeitet, die schädliche Bakterien bekämpfen, aber die nützlichen Bakterien des Menschen weitgehend unbehelligt lassen. Mit diesen Strategien zusammengenommen kommen pro Jahr ein bis zwei neue, resistenzbrechende Antibiotika auf den Markt.

Mit Antibiotika lässt sich nur wenig Umsatz erzielen

Das mutet erst mal gar nicht schlecht an.

Es ist aber zu wenig, um auf Dauer dem wachsenden Resistenzproblem zu begegnen. Dafür müsste es ein Mehrfaches sein.

Und was ist das Problem, weshalb nicht – dem Bedarf entsprechend – ein Mehrfaches getan wird?

Die Gesundheitssysteme der Industrienationen wollen zwar im Bedarfsfall auf resistenzbrechende Antibiotika zurückgreifen können, sie tragen aber finanziell zu dieser „Resistenzbereitschaft“ bislang kaum bei. Und mit Antibiotika, die aus guten Gründen nur im Notfall eingesetzt und sonst zurückgehalten werden, lässt sich nur wenig Umsatz erzielen. Der aber müsste die Entwicklung refinanzieren.

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Klingt nach einem Dilemma.

Ja. Der derzeitige Umfang der Antibiotikaentwicklung lässt sich kaum steigern, wenn sich nicht auch die Erstattungs- und Anreizbedingungen für neue Antibiotika verbessern.

Müssen die Regierungen helfen, um die Gesundheit der Bevölkerung ihrer Länder sicherzustellen?

Die Pharmabranche selbst ist aktiv geworden, um ihren Teil zur Lösung beizutragen: Mehr als 20 größere Pharmaunternehmen haben 2020 den AMR Action Fund gegründet. Der investiert Geld in kleinere Unternehmen, die an antibakteriellen Medikamenten arbeiten. Der Fonds soll so bis Ende des Jahrzehnts zwei bis vier zusätzlichen Antibiotika zur Zulassung verhelfen.

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Das klingt allerdings auch noch nicht nach dem benötigten „Mehrfachen“.

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Stimmt, aber eine weitere Steigerung ist nur durch bessere Bedingungen für die Markteinführung neuer Antibiotika zu erzielen. Teil davon sollten Möglichkeiten sein, die Markteinführung neuer Reserveantibiotika auch absatzunabhängig zu honorieren.

Ist das realistisch?

Ohne so etwas wird es nicht funktionieren. Eine Entscheidung zugunsten einer solchen Honorierung ist auch nicht unrealistisch, denn es wird ja auch andernorts für Notfallbereitschaft bezahlt – etwa für freie Intensivbetten oder die nationale Erdölreserve. Wie man das für Antibiotika sinnvoll ausgestalten kann, wird momentan noch auf EU-Ebene und andernorts diskutiert.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat – als Unterstützung der in der Schweiz ansässigen Non-Profit-Organisation Global Antibiotic Research & Development Partnership (GARDP) zur Erforschung und Entwicklung neuer Antibiotika – 50 Millionen Euro versprochen. Nur zur Einordnung: Ist das ein dicker Batzen Geld oder nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Mit 50 Millionen Euro kann man für ein Antibiotikum teilweise die Kosten für seine Erprobung in Studien decken. Das ist keine Kleinigkeit, aber für sich allein nicht zureichend für die Entwicklung auch nur eines neuen Medikaments. Es ist ja auch nicht gesagt, dass die Studien positive Resultate erbringen – viele Projekte scheitern auch noch in der letzten Studienphase.

Ein neues Medikament kostet eine bis mehrere Milliarden Euro

Gibt es Richtwerte, was die Erforschung und Entwicklung eines einzigen neuen Antibiotikums kostet? Welche Summen müssten tatsächlich in die Hand genommen werden?

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Spezielle Werte für Antibiotika kenne ich nicht. Aber generell gilt: Wenn man die Fehlschläge einrechnet, braucht man durchschnittlich eine bis mehrere Milliarden Euro pro zulassungsfähigem Medikament.

Wenn man auf „die andere Seite“ blickt: Gibt es etwas, das getan werden müsste, damit nur noch wenige oder bestenfalls keine neuen multiresistenten Keime mehr entstehen? Sind da Maßnahmen möglich, oder ist das eine Sisyphusarbeit?

Resistenzbildung ist Evolution, und die lässt sich nicht komplett abschalten. Aber sie lässt sich erheblich verlangsamen: beispielsweise durch konsequente Hygiene in Kliniken, durch rationalen Antibiotikaeinsatz, durch weltweiten Verzicht auf Antibiotika als Masthilfe und durch umweltgerechte Antibiotikaherstellung. Und dadurch, dass sich möglichst viele Menschen vor den bakteriellen Infektionen schützen, die sich durch Impfungen vermeiden lassen.

Eine Apothekerin erzählte mir von einer gut wirksamen Fünftagestherapie gegen multiresistente Keime – deren Übernahme durch die Krankenkassen allerdings nicht geklärt ist. Ist Ihnen eine solche bekannt und – wenn ja – ist sie Ihrer Meinung nach eine Alternative zu neuen Antibiotika?

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Vermutlich meint sie damit eine Behandlung mit Bakterienviren, also Bakteriophagen. Ja, diese natürlichen Gegenspieler der Bakterien lassen sich wahrscheinlich in vielen Fällen gezielt einsetzen. Mehrere Phagenspezies werden derzeit in Studien mit Freiwilligen erprobt. Aber: Die Erprobung einer einzelnen Phagenspezies im Labor und in Studien ist ebenfalls teuer. Und einsetzbar ist sie dann jeweils nur gegen eine einzige Bakterienart oder sogar nur gegen einen bestimmten Stamm dieser Bakterienart. Auch diesen Projekten würde es also sehr aufhelfen, wenn ihre Refinanzierung nicht allein vom Absatz abhängt.

Das „postantibiotische Zeitalter“ kann noch abgewendet werden

Schon jetzt werden in der WHO-Region Europa jährlich mehr als eine halbe Million Todesfälle durch Antibiotikaresistenzen registriert. Es gibt Prognosen, denen zufolge es in nicht allzu ferner Zukunft mehr Todesfälle dadurch geben wird als durch Krebs. Ist Ihrer Meinung nach die „stille Pandemie“ noch zu besiegen, oder bewegen wir uns auf das „postantibiotische Zeitalter“ zu, das Mark Brönstrup, Leiter der Abteilung für chemische Biologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionskrankheiten, kommen sieht?

Dies ist leider ein mögliches Szenario, aber mit den vereinten Kräften von akademischer Forschung und industrieller Entwicklung kann es abgewendet werden. Das allerdings erfordert politische Entscheidungen und – wie gesagt – die Bereitschaft, Geld dafür aufzubringen.

„Bessere Bedingungen für die Markteinführung neuer Antibiotika sind nötig“, sagt vfa-Forschungssprecher Rolf Hömke.

„Bessere Bedingungen für die Markteinführung neuer Antibiotika sind nötig“, sagt vfa-Forschungssprecher Rolf Hömke.

Rolf Hömke (58) ist seit 2002 Forschungssprecher des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa). Zuvor war er im Pharmaunternehmen Aventis tätig. Hömke wurde an der Universität Tübingen in Biochemie promoviert, mit einer Doktorarbeit über den Schlafkrankheitserreger.

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