Darum müssen Sie keine Angst vor dem Alter haben

  • Wir leben gesünder und länger als alle Generationen vor uns.
  • Doch die Furcht vor dem Altwerden mindert das nicht.
  • Dabei gibt es wenig Anlass zur Sorge: Pläne schmieden und sich soziale Netzwerke schaffen helfen gegen Einsamkeit.
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Irgendwann erwischt es jeden. Der eine fühlt sich alt, wenn er die ersten grauen Haare entdeckt. Die andere, wenn man ihr zum ersten Mal einen Sitzplatz im Bus anbietet. Beim Dritten ist es der Besuch der Kinder und Enkel, auf den man sich zwar freut, der aber viel zu anstrengend ist. Und schon lange, bevor die meisten tatsächlich ein hohes Alter erreicht haben, sorgen sich viele davor. Mehr als jeder zweite Deutsche, so das Ergebnis des Meinungsforschungsinstituts Ipsos, hat Angst vor dem Älterwerden. Manchmal packt die Furcht schon und gerade Menschen um die 40, 45, wenn die Kinder gerade aus dem Gröbsten heraus sind und die Eltern langsam etwas Unterstützung brauchen.

Wann ist man wirklich alt?

„Es ist schon irgendwie nachvollziehbar, dass dasg Alter einem Furcht einflößen kann, denn es ist eine Lebensphase, die stark mit Stereotypen von Krankheit, Einsamkeit und Autonomieverlust behaftet ist, insbesondere die Phase des Lebensendes“, sagt Anna Kornadt, Altersforscherin an der Universität Bielefeld. Dabei gibt es heutzutage gar nicht mehr „das Alter“ – dafür sind Lebensentwürfe und Biografien zu vielfältig. Selbst der Beginn des Rentnerdaseins, meint der Heidelberger Altersforscher Hans-Werner Wahl markiere eine „künstliche Grenze“. „Mit 65 oder 66 Jahren oder gar noch früher wird doch heute niemand mehr als alt angesehen“, sagt er. Alt sei eher derjenige, der sich selbst so bezeichnet. Das ist laut Wahl bei Menschen jenseits der 80 der Fall.

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Zumindest Menschen in westlichen Wohlstandsgesellschaften leben heute so gesund und lange wie keine Generation zuvor. In Deutschland werden Frauen im Durchschnitt 84 und Männer 80 Jahre alt, Tendenz steigend. Wir leben rund 30 Jahre länger als die Menschen vor 100 Jahren. Das bedeutet, wenn man an die Belastung des Renten- und des Gesundheitssystems denkt, eine gesellschaftliche Herausforderung. Doch die persönliche Furcht vor diesem Lebensabschnitt sei nur kontraproduktiv, meint Kornadt: „Menschen mit negativen Vorstellungen vom Alter altern weniger gut als Menschen, die eine positive Sicht auf das Alter haben.“ Zumal bestimmte Vorstellungen wie die von der großen Einsamkeit der alten Menschen nicht den Tatsachen entsprächen. Kornadt: „Es gibt also erst mal keinen Grund, sich vor dem Alter zu fürchten.“

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Vorausdenken schützt vor Einsamkeit

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Das bedeute aber nicht, dass man das Thema ignorieren sollte, meint Wahl, Autor des Buches „Die neue Psychologie des Alterns: Überraschende Erkenntnisse über unsere längste Lebensphase“. „Ich denke, es ist gut, überhaupt auch einmal vorauszudenken: Was wird mich später erwarten? Was kann ich durch mein jetziges Handeln vermeiden?“ Damit meint der Heidelberger Professor vor allem das, was die Gesundheit schädigt wie Rauchen, ungesunde Ernährung oder Bewegungsmangel. Zumal die Auswirkungen dieser Risikofaktoren im Alter erkennbar seien – „denn sie erhöhen allesamt die Wahrscheinlichkeit von Demenz und Pflegebedürftigkeit“.

Vorausdenken meint aber auch, sich grundsätzlich zu fragen, was man in den Jahren und Jahrzehnten nach der Berufstätigkeit machen möchte. Enkel hüten? Reisen? Sich ehrenamtlich betätigen? Faulenzen? „Menschen, die auch fürs Alter noch Pläne und Ziele haben und sich viele Dinge vorstellen können, verwirklichen diese auch eher als Menschen, die denken, dass man im Alter sowieso zu nichts mehr fähig ist und alles nur noch schlechter wird“, sagt Kornadt. Wichtig ist vor allem, sich auch in späteren Jahren nicht zurückzuziehen, sondern Beziehungen zu pflegen – zu der eigenen Familie oder zu Freunden. Gute soziale Kontakte, das belegen verschiedene neue Studien, machen Menschen glücklich und halten sie gesund. Wer sich einsam fühlt, leidet oft auch unter Depressionen oder trinkt zu viel.

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Hier sind ältere Frauen im Vorteil: Sie sind zwar stärker von Altersarmut betroffen als Männer und verbringen, schlicht weil sie im Durchschnitt länger leben, ihre letzten Jahre oft allein. Doch: „Sie haben die tragfähigeren sozialen Netze, und sie tun sich insgesamt leichter als Männer, mit den widrigen Seiten des Älterwerdens gut klarzukommen“, schildert Wahl.

Im Alter wächst die Zufriedenheit

Denn, natürlich, gibt es diese Seiten auch. Das Bild von den „Golden Agern“, die Kinder und Enkel kaum noch zu Gesicht bekommen, weil sie fröhlich und solvent durch die Welt reisen, ist quasi die Kehrseite des Bildes von der verarmten Rentnerin. Altersarmut existiert ebenso wie ein soziales Ungleichgewicht, das sich im Alter fortsetzt. „Gut Gebildete können sich viel mehr an Förderungen und Chancen abholen als bildungsfernere Ältere“, sagt Wahl. Etwa auch, weil sie doppelt so häufig online (und damit informierter) sind als ihre Altersgenossen aus bildungsferneren Schichten.

Alter ist eine komplexe Lebensphase: weder nur schön noch nur schrecklich. „Altern ist kein demografischer Tsunami – solche Bilder sind Quatsch, wenn nicht gefährlich irreführend und Ängste schürend“, betont Wahl. Und seine Kollegin Kornadt meint: „Zudem ist die Angst auch nicht unbedingt begründet, die meisten Menschen sind tatsächlich bis kurz vorm Lebensende genauso zufrieden wie in den Jahren vorher, auch wenn es objektiv Einschränkungen und Veränderungen gibt.“

Und mehr noch: Die 70- bis 85-Jährigen sind sogar zufriedener als jene zwischen 40 und 69. Das ist doch mal eine ermutigende Perspektive.

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Arbeiten im Ruhestand

Die Zahl erwerbstätiger Rentner in Deutschland ist weiter gestiegen. Sie erreichte 2018 rund 1,445 Millionen, wie das Bundesarbeitsministerium mitteilte. „Die im Alter steigende Erwerbsbeteiligung kann als Ausdruck veränderter Lebensentwürfe gewertet werden“, hieß es zur Erklärung. Neben finanziellen Gründen gebe es immaterielle wie Freude an der Arbeit und Kontakt zu anderen Menschen. 8 Prozent der Rentner sind erwerbstätig – im Jahr 2000 waren es 3 Prozent

Bei Pflegefragen: Diese Anlaufstellen gibt es

  • Bürgertelefon: Der Service des Bundesgesundheitsministeriums beantwortet Fragen zur Kranken- oder Pflegeversicherung. Wichtig: In Einzelfällen entscheiden dürfen die dortigen Mitarbeiter nicht, denn dafür sind die jeweiligen Kassen zuständig.
  • Pflegetelefon: Welche Pflegeeinrichtungen gibt es? Wie sieht es mit den Kosten aus? Das Angebot des Bundesfamilienministeriums beantwortet solche Fragen und dient als Lotse zu den Pflegeangeboten vor Ort. Es arbeitet zudem nach eigenen Angaben unter anderem mit der Telefonseelsorge und dem Alzheimer-Telefon zusammen.
  • Pflegestützpunkte: Kranken- und Pflegekassen richten Pflegestützpunkte auf Initiative eines Bundeslandes ein. Dort erhalten Pflegebedürftige und deren Angehörige wichtige Informationen, Unterlagen und Rat. Die Pflegeberater der Pflegekassen stehen dort ebenfalls für Gespräche zur Verfügung.
  • Verbraucherzentrale: Betroffene können einen persönlichen Termin bei einer der Beratungsstellen vereinbaren. Alternativ bieten die Verbraucherzentralen einiger Bundesländer eine telefonische Fachberatung zu Themen wie Gesundheitsdienstleistungen an. Dieser Service ist allerdings kostenpflichtig.
  • Patiententelefon: Wer Fragen etwa zu Krankheiten, Kassenleistungen und entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen hat, kann sich auch an den Service der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) wenden. Das Angebot ist für Anrufende gebührenfrei und gibt es auch auf Russisch, Türkisch und Arabisch.

Martina Sulner/RND/dpa

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