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Wie Angst entsteht und was gegen sie hilft

Psychotherapeut: „Menschen sollten nach Fakten suchen, die der eigenen Angst widersprechen“

Wer Angst hat, sollte Fakten sammeln, sagt Psychotherapeut Benedikt Waldherr. Und zwar solche Informationen, die der eigenen Furcht widersprechen (Symbolbild).

Berlin. Bilder von Soldaten und zerstörten Häusern dominieren aktuell die Medien. Vielen Menschen machen sie Angst. Auch während seiner Therapiesitzungen mit Patientinnen und Patienten ist der Redebedarf über den Krieg in der Ukraine aktuell groß, sagt Psychotherapeut Benedikt Waldherr. Der Vorsitzende des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten (bvvp) spürt zudem in seinem eigenen Alltag, wie merkwürdig es sich anfühlt, im Warmen zu sitzen, während knapp 2000 Kilometer entfernt Menschen aus ihrer Heimat flüchten.

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Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt Waldherr, wie sich reale Ängste und irrationale Ängste unterscheiden. Außerdem rät er, innerlich Abstand zu nehmen, um sich nicht von der eigenen Emotionalität dominieren zu lassen – und spricht über den Effekt, warum Menschen dazu neigen, bei Autounfällen oder Kriegsbildern ganz besonders genau hinzugucken.

Herr Waldherr, der Krieg mitten in Europa ängstigt viele Menschen. Wie geht man mit dieser Angst um?

Den Krieg in der Ukraine sprechen meine Patienten auch in den Therapiesitzungen an. Sie fühlen sich verunsichert und fragen sich, wie weit Putin gehen wird. Es ist eine Sicherheit, eine Verlässlichkeit, weggebrochen. Im Kopf der Menschen ist plötzlich alles möglich. Die Fantasie schreitet voran – befeuert dadurch, dass es keine einheitliche Faktenlage gibt, geben kann in so einem Krieg.

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Wir Menschen versuchen generell, was wir nicht wissen, durch Kombinatorik zu erklären. Unser Gehirn versucht uns ständig die Welt so zu erklären, damit wir uns in ihr sicher orientieren können. Das hängt aber von dem Zugriff auf echte Fakten und Informationen ab. Sind diese unsicher oder nicht greifbar, wird ergänzt und kombiniert. Das kann dazu führen, dass wir Sachverhalte falsch verstehen oder übertreiben. Zum Teil entstehen irrationale Ängste oder gar Panik.

Was ist der Unterschied zwischen einer realen und einer irrationalen Angst?

Real sind sicherlich die Ängste, die sich auf die Ukraine beziehen. Dort sterben viele Menschen. Unschuldige werden dem Krieg zum Opfer fallen. Die Angst um Angehörige, Freunde oder Bekannte, das ist Realität. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, wie wir rationale und irrationale Ängste in der Psychotherapie unterscheiden: Wenn wir auf die Straße gehen, sind Autos eine reale Gefahrenquelle. In uns allen gibt es eine Hemmung, auf die Fahrbahn zu laufen und wir passen auf, wenn wir die Straße überqueren. Wenn jemand aber Angst vor Autos generell hat, selbst wenn sie parken, weil man vielleicht einmal mit dem Auto eine angstvolle Erfahrung gemacht hat, dann hat sich aus einer realen Furcht eine irrationale Angst entwickelt. Alles, was über den realen Krieg in der Ukraine hinausgeht, bekommt dann diese Qualität einer beginnenden Irrationalität – wobei die Übergänge fließend sind.

Was hilft im Alltag gegen die Sorgen rund um den Krieg in der Ukraine?

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Unsere Wahrnehmung ist selektiv. Das, was die Angst bestätigt, nehmen wir stärker wahr als alles, was die Angst entkräften würde.

Auf jeden Fall sollte man Fakten sammeln. Und: Menschen sollten auch nach Fakten suchen, die der eigenen Angst widersprechen. Das tun die meisten Menschen nämlich nicht, wenn sie Angst haben. Unsere Wahrnehmung ist selektiv. Das, was die Angst bestätigt, nehmen wir stärker wahr als alles, was die Angst entkräften würde.

Benedikt Waldherr ist Psychologischer Psychotherapeut und Vorsitzender des Bundesverbandes der Vertragspsychotherapeuten (bvvp).

Benedikt Waldherr ist Psychologischer Psychotherapeut und Vorsitzender des Bundesverbandes der Vertragspsychotherapeuten (bvvp).

Warum ist das so?

Der zentrale Punkt ist, dass man meist vor Schreck mit der breiten Wahrnehmung aufhört und sich auf das Bedrohliche fokussiert. Wenn die Angst am größten ist, reduziert sich die Wahrnehmung auf die Rettung und das Rettende. Ein Beispiel ist die Prüfungsangst. Die Angstfantasie geht in der Regel bis zu dem Moment, in dem man vor dem Prüfer steht und dann ein Blackout kriegt.

Natürlich kann man in einer Prüfung durchfallen. Menschen mit Prüfungsangst denken in der Regel nicht weiter als bis zur Katastrophe. Dass etwa nach einem Hänger durch freundliche Nachfrage der Prüfenden das Blackout auch wieder verschwinden könnte, wird nicht mehr bedacht. Stattdessen hören Betroffene an der angstvollsten Stelle auf und beginnen mit Vermeidungsverhalten, sagen etwa die Prüfung ab. Sie reagieren also viel zu früh, und vor allem, bevor sie eine realistische Antizipation der Situation vorgenommen haben.

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Also hilft es gegen Angst, die Vogelperspektive einzunehmen?

Ist unser Angstsystem aber erst einmal angeschaltet, fällt uns das klare Denken schwer.

Ja, zum Beispiel. Abstand zu nehmen und sich nicht so von der eigenen Emotionalität dominieren zu lassen. Für den Probanden mit der Prüfungsangst ist das Scheitern in der Prüfung sozusagen gleichbedeutend mit seinem Tod – was natürlich nicht der Realität entspricht. Ist unser Angstsystem aber erst einmal angeschaltet, fällt uns das klare Denken schwer. Unter Panik schalten bestimmte kognitive Fähigkeiten ab. Das hat man wissenschaftlich nachgewiesen.

Das Paniksystem, wenn es hochläuft, reduziert in der Regel alle langfristigen Prozesse im Körper: etwa die Immunabwehr, den Geschlechtstrieb und das planerische Vorausdenken. In der Panik muss schließlich kurzfristig und schnell eine Lösung her. Der Körper sagt sich: Wenn ich eh gleich tot bin, muss ich mich jetzt nicht fortpflanzen. Die Gedanken konzentrieren sich auf das, was Angst macht, und drehen sich im Kreis.

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Das passiert jetzt beim Krieg, und bei den Bildern, die wir zu sehen kriegen, auch. Statt nur sachliche Informationen zu suchen, schauen viele Menschen auch nach den Bildern. Und je schlimmer die sind, desto eher ist man geneigt, hinzugucken. Unsere Affekte werden durch Bilder getriggert und die Affekte steuern dann zentral unsere Entscheidungen.

Das erinnert an das Phänomen, dass viele Menschen bei einem Autounfall einfach hingucken müssen: Woher kommt dieser Effekt?

Wenn man hinguckt, ist der Hintergrund, dass man sich selbst schützen will. Mein Gehirn will aus der Situation lernen. Ich will selbst nicht in diese Situation geraten und alles dafür tun, mich zu schützen. Dafür muss ich wissen, wie es zu dem Unfall kam – und hingucken. Mache ich das, sehe ich vielleicht, wie jemand schwer verletzt ist. Plötzlich kommt dieser Effekt, dass man denkt: Mein Gott, wie sieht das denn aus? Und dann kriegt man Angst und Affekte nehmen überhand.

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Was bedeutet das bezogen auf den Krieg in der Ukraine?

Wenn man sich informiert, sollte man darauf verzichten, die ganz schrecklichen Bilder aus dem Kriegsgebiet zu suchen. Das schürt sonst die eigene Panik.

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Und abseits des Medienkonsums, was kann man sonst noch machen, um die eigene Psyche zu stabilisieren?

Wir leben alle erst einmal unser Leben weiter. Was sollte man auch sonst tun?

Es fühlt sich ganz merkwürdig an. Mir geht es ja selbst so, ich arbeite weiter wie immer und denke: Da drüben kämpfen die Menschen teilweise um ihr Leben oder müssen flüchten. Ich dagegen bin in meinem warmen Haus, kann etwas essen und schaue gemütlich aus dem Fenster heraus, weil das Wetter schön ist. Das hat mich auch immer an Reportagen über den Beginn des Ersten oder Zweiten Weltkriegs fasziniert: Der Krieg startete und die Leute gingen am Nachmittag zum Baden. Meine Vorstellung wäre gewesen, wenn der Krieg losgeht, müssen alle dabei sein. Das ist aber nicht so. Wir leben alle erst einmal unser Leben weiter. Was sollte man auch sonst tun? Soll ich heute aufhören zu arbeiten?

Wir halten uns an Strukturen fest, die wir haben. Das vermittelt Sicherheit. Wenn ich meine Arbeit mache, bin ich der, der ich bin. Das kenne ich. Und das Bedrohliche, was ich nicht gut kenne, hat erst einmal nicht die Chance, von mir Besitz zu ergreifen. Wenn ich mich hinsetzen und nur noch Nachrichten gucken würde, wäre die Gefahr groß, dass ich meine irrationale Angst verstärke. Es hilft, den Alltag weiter so zu gestalten und zu strukturieren, wie man ihn gewohnt ist. Das machen die meisten Leute sowieso intuitiv.

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