Alltag in der Sperrzone: Auch das Bügeln fällt dem Coronavirus zum Opfer – ein italienisches Paar berichtet

  • Die beiden Italiener Eva Pigliapoco und Ivan Sciapeconi leben mittlerweile die vierte Woche in der Isolation.
  • Die Erfahrungen des italienischen Lehrerehepaares aus der Sperrzone in Modena sind gemischt.
  • Zwischen die langsam aufkeimende Hoffnung auf ein Ende der Isolation mischt sich die Sirene der Krankenwagen.
Joachim Zießler
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Vor knapp zwei Wochen warfen wir zum ersten Mal einen Blick in die “Rote Zone” in Italien, das vom Coronavirus am stärksten betroffene Gebiete im Norden des Landes. Damals wurde Modena, die Heimat von Eva Pigliapoco (51) und Ivan Sciapeconi (51) zur Sperrzone. Als das Lehrerehepaar versuchte, den Kontakt zu seinen Erstklässlern mit Videobotschaften zu halten. Was die beiden heute aus der Emilia Romagna berichten, kann in zwei Wochen auch den deutschen Alltag prägen. Eva Pigliapoco und Ivan Sciapeconi leben mittlerweile die vierte Woche in der Isolation. Wie sind ihre Erfahrungen?

So sieht es mittlerweile auch vor manchen Geschäften in Deutschland aus: Italiener stehen in Modena vor dem Supermarkt an - mit Abstand. © Quelle: Eva Pigliapoco / Ivan Sciapeconi


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Ausgangssperre: Tai-Chi im Internet statt im Fitnessstudio

Für kurze Zeit infizierte das Virus sogar das Bügeleisen. “Im Hause eingeschlossen zu sein, schien adrettes Aussehen unwichtig werden zu lassen”, erinnert sich die Lehrerin. “Später sagten wir uns, dass das falsch ist. Wer sich gehen lässt, verroht.” Also gehört auch zu dem neuen Alltag in der Isolation der Griff zum Rasierer und zur Parfümflasche. Neues kommt hinzu: “Da das Fitnessstudio tabu ist, folgen wir einem Tai-Chi-Lernprogramm auf Youtube”, sagt Ivan Sciapeconi und lacht: “Das ist zumindest für uns sehr kompliziert, aber sich hohe Ziele zu setzen, ist ein Weg, dem Sog des Sofas zu widerstehen.”

Die Sirenen der Krankenwagen zerren an den Nerven

Das Nachrichtenfieber der ersten Tage ist geblieben. Das Paar saugt die Nachrichten im Fernsehen, sozialen Medien und Onlinezeitungen auf. “Aber das ärztliche Tagesbulletin liefern uns ohnehin die Sirenen der Krankenwagen.” Sie klingen unnatürlich laut. Weil Modena, eine sonst pulsierende, laute Stadt, zur Zeit gespenstisch still ist. “Noch bevor Experten erklärten, dass bei den meisten Infizierten die Krankheit abends ausbricht, wussten wir das.” Das so häufig ertönende Martinshorn zerrt an den Nerven. “Und jedes Mal, wenn man es hört, denkt man an das Schicksal des Betroffenen”, sagt Eva Pigliapoco.

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Das neuartige Coronavirus hält sich auf unterschiedlichen Oberflächen unterschiedlich lange. Eine wirkliche Gefahr einer Übertragung besteht allerdings nicht.  © Joachim Zießler/RND

Niemand will zurzeit in eine Klinik gehen

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Um ein Haar hätte auch ihr Mann eingeliefert werden müssen. Beim Anheben eines Bücherkartons zog er sich einen Hexenschuss zu. “Der Schreck war groß. Das ist nicht die Zeit, um in die Klinik zu gehen.” Zum Glück verschwand der Schmerz.

Ängste, wie sie in den Städten der Po-Ebene, die als industrielles und kommerzielles Herz Italiens am stärksten betroffen sind, von allen geteilt werden. Aber schon wenige Kilometer südlich, in Mittelitalien, hatten viele Bürger geglaubt, die Pandemie aus den TV-Nachrichten würde sie nicht erreichen. Ein Irrtum. “In den abgeschiedenen Bergregionen herrscht entsetztes Staunen”, sagt Ivan Sciapeconi. “Wie vernetzt unsere Welt ist, scheint manchen nicht klar zu sein.”

So wenig nach draußen wie möglich

Das Paar staunt auch: “Das Virus hat ganz eindeutig unser Verhältnis zum Kühlschrank verändert.” Vorher habe man sich dem Diktat des halbleeren Kühlschranks unterworfen, das da lautete: Kauft ein! “Jetzt, wo wir so selten aus dem Haus sollen wie möglich, zählen wir die Mahlzeiten und wägen die Portionen ab. Aber irgendwo finden sich immer noch getrocknete Erbsen oder Dosen-Thunfisch.” Ein Gedanke beschäftigt sie schon jetzt, “da wir viel mehr Zeit zum Nachdenken haben: Kaufen wir weiter so rational ein, wenn das Virus Geschichte ist? Oder kommen die Impulseinkäufe wieder?”

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Lebensmittellieferungen dauern Wochen

Die Stilllegung des öffentlichen Lebens fordert die Versorgungskanäle aufs Äußerste. Dauerte es anfangs nur zwei Tage, bis die im Internet georderten Lebensmittel geliefert wurden, so dauert es jetzt 20 Tage. Dafür gibt es als Extra auch mal unverhofften sozialen Kontakt. “Letztes Mal klingelte der Bote Sturm”, erzählt Eva Pigliapoco. “Ich sagte: Ist ja gut, ich weiß, das Paket ist da. Darauf er: ‘Nein, nein, bitte lassen Sie mich rein. Ich muss dringend auf Toilette.’” Da sämtliche Cafés und Restaurants geschlossen sind, können Lieferanten nach Stunden schon in Nöte kommen.

Der Corona-Notstand zeigt, wer die wahren Freunde sind

Der Notstand “wirft auch ein neues Licht auf Beziehungen”, sind sich beide einig. “Menschen, zu denen wir nie einen engen Kontakt hatten oder von denen wir glaubten, ihn verloren zu haben, zeigen uns in diesen schwierigen Momenten ihre Nähe. Vermeintliche Freunde zeigen sich dagegen abgelenkt.” Die Krise als Stresstest für Freundschaften.

Corona: Ein Stresstest für die italienische Gesellschaft

Die italienische Gesellschaft werde den Stresstest bestehen, meinen die Pädagogen. “Der Hausarrest ist ein unnatürlicher Zwang. Das Gegenmittel sind Kartenspielabende via Skype und Flashmobs”, wie Eva berichtet: “Vor ein paar Tagen haben wir uns in Modena verabredet, als Zeichen des Widerstands eine Kerze oder ein Licht auf dem Balkon anzuzünden. Als wir unsere Handy-Lichter anschalteten, schrien Kinder aus benachbarten Fenstern: ‘andrà tutto bene’ (Alles wird gut). Eine ältere Dame erwiderte: ‘Hoffentlich.’ Daraufhin ein junges Mädchen: ‘Aber ja, machen Sie sich keine Sorgen, es wird alles gut!’ Nun schrien wir alle: ‘andrà tutto bene!’ Das war extrem berührend. Es steht für den Einheitsgeist, den man an diesen Tagen in Italien atmet. Und der ist bei unserer Kultur nicht selbstverständlich.”

“Wenn alles vorbei ist, fahren wir nach Bamberg”

Aber auch Zuspruch von außen wird registriert. So haben vor einigen Tagen die Bewohner einer Straße im bayerischen Bamberg den Flashmob-Kult aus Italien aufgenommen und auf ihren Balkonen und vor den Türen “Bella Ciao” angestimmt, das italienische Freiheitslied schlechthin. Das Video ist in Italien ein Renner. “Das war berührend”, sagt Ivan Sciapeconi. “Wenn alles vorbei ist, muss Bamberg mit einem Ansturm italienischer Touristen rechnen. Und wir sind dabei.”

“Bella ciao” - Bamberg singt für Italien

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