40 Jahre Aids – Wie eine Krankheit unser Land veränderte

  • Vor 40 Jahren berichteten erstmals die US-Gesundheitsbehörden über eine geheimnisvolle Krankheit, die später unter dem Namen Aids bekannt werden sollte.
  • Die Infektion mit dem HI-Virus sorgte nicht nur für viel Leid bei den unmittelbar Betroffenen, sondern veränderte auch das Klima im Land.
  • Eine Erinnerung.
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Die Achtzigerjahre waren eigentlich eine relativ sorglose Zeit, um erwachsen zu werden. Bis plötzlich das HI-Virus alles veränderte. Die neue Krankheit veränderte die Gesellschaft – und das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Ein persönlicher Rückblick.

Nein, früher, da war nicht alles besser. Denn in den 1980er-Jahren gab es den Kalten Krieg mit dem Streit um die Atomraketen und viel Zoff um Atomkraft und deren Endlagerung. Aber ansonsten war das Klima unpolitischer als in den zwei Jahrzehnten zuvor. Es lebte sich recht unbeschwert in den Jahren zwischen Abitur und Unibesuch. Herüber geweht aus den 1970er-Jahren war der ungezwungene Umgang mit Sexualität. Was sich mochte, das paarte sich – häufig auch ohne tiefere Gefühle oder Anspruch auf Wiederholung. Kontaktaufnahmen fanden noch am Tresen statt, Internet gab es noch nicht – und Fußball lief bis 1986 ausschließlich bei ARD und ZDF.

Aids: Eine Krankheit aus dem Nichts

Mitten hinein in das juvenile Glück brach eine Seuche, die 1981 erstmals von US-Behörden erwähnt worden war. Zunächst noch unbemerkt von der Mehrheitsgesellschaft, erkrankten – und starben – beinahe ausschließlich homosexuelle Männer an dieser Immunschwäche, die die unterschiedlichsten Krankheitsbilder entwickeln konnten. Sie holten sich die Infektion, die ausschließlich über Blut, also auch über Mikroverletzungen, wie sie beim Sex entstehen können, übertragen wurde – ohne etwas zu ahnen. Um dann manchmal Jahre später wie aus dem Nichts zu erkranken.

Die LGBTQ-Szene, die damals noch nicht so hieß, wurde von Aids getroffen wie von einem Blitz. Und kaum war annähernd entschlüsselt, wie die Übertragung zustande kam, hatte der Volksmund schon eine Definition parat: „die Lustseuche“. Emsig assistiert vom rechten Rand aus Politik und Kirche, die HIV und Aids als gerechte göttliche Strafe für die Sünde der Homosexualität und deren vorgeblich unmoralisches promiskes Verhalten ansah, entstand im Lande eine Stimmung, die teilweise an die Vorstufe von Pogromen erinnerte. „Die Schwulen sind doch selbst schuld“ war noch eine der harmloseren Äußerungen einer Empathielosigkeit und Kaltherzigkeit, die die Bevölkerung nach dem St.-Florians-Prinzip erfasste: „Heiliger St. Florian, verschon mein Haus, zünd andere an!“

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Um Aids-Kranke zu identifizieren, gab es Zwangstests für neue Beamte

Neue Begriffe entstanden – genau wie in heutigen Corona-Zeiten. Ein politischer Totschlagbegriff waren die „Ansteckungsverdächtigen“. Schnell hatte man nämlich erkannt, dass sich neben Schwulen auch noch Prostituierte und „Fixer“, also Drogenabhängige, die sich ihren Stoff spritzten, zur Aids-Risikogruppe gehörten. Also alles Randständige, deren Leben sowieso moralisch verachtenswert schien. Um diese „Ansteckungsverdächtigen“ kreisten jahrelang die krudesten politischen Ideen, damals meist artikuliert von der CSU.

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Der „Spiegel“ zitierte einen jungen Politiker namens Horst Seehofer, der Aids-Kranke „in speziellen Heimen“ unterbringen und „konzentrieren“ wollte. Der damalige bayerische Kultusminister Hans Zehetmaier soll im Kontext mit Homosexualität die Formulierung „Randbereich der Entartung“ fallen gelassen haben, was er später bestritt, da das nicht sein Vokabular sei. Die bizarrste Maßnahme war wohl der Zwangstest für neue Beamte, der erst 1995 abgeschafft wurde. 80.000 Staatsdiener wurden über die Jahre getestet – vier waren positiv.

Aids als Strafe fürs Anderssein, als Strafe für Unmoral im Blickwinkel der Mehrheitsgesellschaft – das Stigma traf die Schwulen – und damit auch einen großen Teil der deutschen Kulturszene hart. Neben den Überlebenskampf der Erkrankten trat der Kulturkampf gegen die (noch) Gesunden, deren Treiben die Seuche über das deutsche Volk zu bringen drohte. Kein Wort damals über die vielen Opfer verunreinigter Blutkonserven, die bei Transfusionen in Krankenhäusern angesteckt wurden, wie man später erst herausfand.

Der erste deutsche Künstler, der an Aids erkrankte, war der begnadete Countertenor Klaus Nomi, bürgerlich Klaus Sperber aus Immenstadt im Allgäu. Er war 1973 nach New York gegangen und wurde dort zu einem Star der alternativen Musikszene. 1978 wurde David Bowie auf ihn aufmerksam und holte ihn als Backgroundsänger für einen Auftritt in der legendären NBC-Show „Saturday Night Live“. Nomi war danach häufiger im deutschen Fernsehen zu Gast, unter anderem 1982 bei Thomas Gottschalks erster „Na sowas!“-Sendung, und auf Tournee in Deutschland. Am 6. August 1983 starb er – sein Tod wurde in den USA mehr betrauert als hierzulande. Er war einer der ersten einer ganzen Riege von Kreativen, die Opfer des Virus wurden.

Kahlschlag unter Kreativen: Diese berühmten Persönlichkeiten waren HIV-positiv

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National wie international forderte das Virus bei etlichen Künstlerinnen und Künstlern sowie Kulturgrößen seinen tödlichen Tribut. Hier nur eine kleine Auswahl: Michel Foucault (Philosoph, 1984), Rock Hudson (Schauspieler, 1985), Liberace (Entertainer, 1987), Kurt Raab (Schauspieler, 1988), Bernard-Marie Koltès (Dramatiker, 1989), Bruce Chatwin (Schriftsteller, 1989), Alvin Ailey (Choreograph und Tänzer, 1989), Keith Haring (Künstler, 1990), Toni Holiday (Schlagersänger, 1990), Horst Bienek (Schriftsteller, 1990), Freddy Mercury (Musiker, „Queen“, 1991), Klaus Schwarzkopf (Schauspieler, „Tatort“, 1991), Rudolf Nurejew (Ballettstar, 1993), Harold Brodkey (Schriftsteller, 1996), Ofra Haza (Sängerin, 2000).

Bis sich in Deutschland die Erkenntnis durchsetzte, dass Aids als Krankheit jeden treffen konnte, vergingen einige Jahre. Aber sie veränderten alles. Die Unbefangenheit beim Sex war verflogen, die Angst vor Begegnungen mit fremden Menschen groß, das Misstrauen ebenso. Und politisch war das Klima der „geistig-moralischen Wende“ weiter vergiftet, wenn es um die von Aids Heimgesuchten ging. Das änderte sich erst im Jahr 1985, als die Wissenschaftlerin Rita Süssmuth (CDU) Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit wurde. Sie gab die Parole aus: „Wir bekämpfen die Krankheit, nicht die Betroffenen“ und setzte Aufklärungskampagnen gegen die Politik des damaligen bayerischen Innenministers Peter Gauweiler, die sich um „Kenntlichmachen“ von Aids-Kranken, Zwangstests und die Drohung, sie „wegzusperren“, drehte.

Allmählich beruhigte sich das Land wieder, die Diskriminierungen nahmen ab, je mehr über die Krankheit bekannt wurde. Die schlichte Wahrheit, dass Menschen nicht Schuld daran haben können, an einem Virus zu erkranken, verfestigte sich allerdings nicht so recht.

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