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  • Aids und Corona: Mythen und Maßnahmen - soziale Ähnlichkeiten zwei völlig verschiedener Pandemien

Mythen, Maßnahmen, Pandemietreiber: Was die Anfänge von Aids mit Corona gemein haben

  • Vor 40 Jahren tauchten die ersten Fälle der mysteriösen Krankheit Aids auf.
  • Es ist eine Pandemie, die ohne Impfstoff und Heilmittel bis heute anhält.
  • Eine Spurensuche in der Vergangenheit zeigt: Es gibt auffallend viele Ähnlichkeiten zur heutigen Corona-Krise, vor allem in sozialer Hinsicht.
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Das Virus kommt schleichend. Zunächst infizieren sich fünf gesunde Männer um die 30 mit einer seltenen Lungenerkrankung, die normalerweise nur Menschen mit einem schwachen Immunsystem befällt. Dann werden es mehr und mehr. Viele der Kranken – überwiegend „homosexuell aktive Männer“, wie es in einem ersten medizinischen Bericht heißt – überleben das Virus nicht. Auch von den fünf frühen Patienten sterben zwei in kalifornischen Krankenhäusern.

Sie leiden – und das ist ähnlich wie zu Beginn der Corona-Pandemie – an einer seltenen Lungenentzündung. Mehr als 32 Millionen weitere Menschen werden weltweit Opfer des Virus. Am 5. Juni 1981 berichteten erstmals die US-Gesundheitsbehörden über die mysteriöse neue Krankheit. Die Aidsepidemie nimmt ihren Lauf. Bis heute.

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Dauerthema Corona, vergessene Pandemie Aids

Wenn es um Ansteckungen geht, haben Sars-CoV-2 und das HI-Virus nur wenig miteinander gemein. So ist HIV im Alltag nur sehr schwer übertragbar. Küssen, anhusten, sprechen – das reicht diesem Erreger nicht aus. Es braucht den direkten Blut-zu-Blut-Kontakt. In 90 Prozent der Fälle passiert das beim Sex. Ganz anders verhält es sich bei dem Coronavirus. Schon beim Atmen ausgestoßene Tröpfchen oder Aerosole reichen aus, und der Erreger springt auf den Menschen über.

Trotz dieses Unterschieds haben beide Viren weltweite Krisen ausgelöst, Panik und Angst mit eingeschlossen. Doch während Corona kurz nach dem Ausbruch zum globalen Dauerthema wird, bleibt Aids lange Zeit eine Krankheit der sogenannten Risikogruppen. Was aber beide eint: Egal, ob HIV oder Sars-CoV-2, wenn es um Infektionen geht, werden Schuldige gesucht, Menschen diskriminiert. Ganz besonders im Fall von HIV.

40 Jahre HIV – Heilmittel und Impfstoffe fehlen

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40 Jahre nach der Entdeckung ist das Virus noch immer da und unbesiegt. In Expertenkreisen spricht man von einer Pandemie, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt es eine „globale Epidemie“. Es dauerte nur wenige Monate, bis die Krankheit im Dezember 1981 ihren Namen erhält: „acquired immune deficiency syndrome“, die Langform für Aids.

Doch während zu Beginn der Corona-Pandemie schnell klar wird, welcher Erreger die „mysteriöse Lungenkrankheit“ im chinesischen Wuhan ausgelöst hat, entdecken der französische Virologe Luc Montagnier und die Virologin Françoise Barré-Sinoussi erst zwei Jahre nach den ersten Fällen, dass Aids durch eine oft unbemerkt stattfindende Infektion ausgelöst wird. Also von HIV, dem humanen Immundefizienzvirus.

Erst mit dieser Erkenntnis wird fieberhaft nach Impfstoffen und Heilmitteln gesucht. Im Fall von Aids sogar bis heute. Das HI-Virus zieht weiter über alle Kontinente, einen Impfstoff dagegen gibt es nicht. Allein 2019 sind rund 690.000 Menschen an den Folgen von Aids gestorben. Am weltweit stärksten betroffen ist das südliche Afrika. Auch in Osteuropa und Zentralasien ist die Zahl der Infektionen in den letzten Jahren wieder stark gestiegen.

HIV-Infektionen finden weltweit statt. © Quelle: RND

In Deutschland scheint es manchmal so, als sei die Krankheit aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Dabei leben hierzulande laut Robert Koch-Institut gegenwärtig knapp 100.000 Menschen mit dem HI-Virus. Rund 11.000 davon wissen Schätzungen zufolge nicht, welches gefährliche Virus sie in sich tragen. Etwa ein Drittel der Diagnosen erfolgt laut Deutscher Aidshilfe erst, wenn bereits eine schwere Erkrankung auftritt. Pro Jahr erkranken 1100 Menschen hierzulande an Aids oder erleiden einen schweren Immundefekt, obwohl es vermeidbar gewesen wäre. Statt Maske gegen Corona ist bei dieser Krise das Kondom Symbol schlechthin für präventiven Schutz.

Der Studie „Positive Stimmen 2.0″ zufolge, beauftragt von der Deutschen Aidshilfe, erlebt auch heutzutage rund die Hälfte der HIV-Positiven immer noch Diskriminierung und fühlt sich dadurch beeinträchtigt. 59 Prozent der Befragten erlebte im vergangenen Jahr Diskriminierung im Gesundheitswesen, jeder vierten Person wurde eine Leistung verweigert, etwa beim Zahnarzt. 24 Prozent der Studienteilnehmenden empfinden HIV als Strafe für ihr Handeln. 73 Prozent geben an, in vielen Bereichen nicht offen über ihre HIV-Infektion zu sprechen.

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„Menschen, die mit HIV leben, sind jeden Tag mit diesem Problem konfrontiert: ‚Sag ich‘s dem Arbeitgeber, den Freunden, verstecke ich die Medikamente vor den Kindern? Was, wenn ich jemand kennenlerne, soll ich es sofort sagen?‘“, weiß Annette Haberl von der Deutschen Aids-Gesellschaft. Auch im medizinischen Bereich gebe es nach wie vor Vorurteile. „Die Suche nach einem Zahnarzt, der HIV-Positive behandelt, kann schwierig sein.“ Und es gebe immer die Angst vor Ablehnung, die infizierte Menschen tagtäglich begleitet.

Anfänge von HIV/Aids- und Corona-Pandemie ähneln sich

„Ich entdecke da schon gewisse Ähnlichkeiten zwischen der Corona-Pandemie und den Anfängen der HIV/Aids-Pandemie“, sagt die Sexualwissenschaftlerin Franziska Hartung, die am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena zu HIV-bezogener Diskriminierung und Stigmatisierung forscht. Man habe auf Aids in den 1980er-Jahren, wie auch heute bei Covid, mit kollektiver Verunsicherung und Angst reagiert.

Franziska Hartung befragt in Kooperation mit der Deutschen Aids-Hilfe Betroffene zu HIV-bezogener Stigmatisierung und Diskriminierung. Sie ist auch Lehrbeauftragte an der Hochschule Merseburg und Referentin für sexuelle Bildung. © Quelle: IDZ Jena

„Man wusste zu Beginn nur, dass Aids tödlich ist und es vor allem schwule Männer trifft“, sagt sie. Das sei auch der Startschuss für die „Suche nach Sündenböcken“ gewesen. Zu den Risikogruppen zählten nicht nur schwule Männer, sondern auch Sexarbeitende, Dro­gen­kon­su­men­tinnen und -konsumenten. „Diese Gruppen werden nicht als besonders schützenswert angesehen, sondern als Gefahrengruppen für die Allgemeinheit“, erklärt Hartung.

Die „Treiber der Pandemie“: Kollektive Schuldzuweisungen helfen nicht

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Es ist ein Mechanismus, der auch heute bei Corona greift. Asiatisch aussehende Menschen, marginalisierte Gruppen wie Sinti und Roma, türkische Großfamilien, Menschen aus Osteuropa, die in Fleischfabriken arbeiten, Sexarbeitende: „Das sind Gruppen, die immer wieder als Treiber der Pandemie benannt wurden“, erklärt die Wissenschaftlerin.

Solche Schuldzuweisungen sind kontraproduktiv. Studien, unter anderem des Robert Koch-Instituts, zeigen zwar, dass marginalisierte Gruppen besonders häufig von Covid-19 betroffen sind. „Aber das liegt eben nicht an ihrem persönlichen Verhalten, sondern an schlechteren Voraussetzungen, sich zu schützen, an der schlechteren sozialen Positionierung“, betont Hartung. Armut und soziale Ungleichheit seien in der Corona- wie der HIV/Aids-Pandemie die entscheidenden Risikofaktoren.

Aidsanfänge: auch repressive Maßnahmen in Deutschland

Dabei spielt die Politik eine entscheidende Rolle. In Bayern wurden Ende der 1980er-Jahre, als das Virus weltweit besonders schlimm wütete, besonders repressive Maßnahmen diskutiert, teilweise umgesetzt. Schwulensaunen wurden geschlossen, es war eine Zwangsquarantäne für HIV-Positive vorgesehen, das Wort vom „Lager“ machte in CSU-Kreisen die Runde. „HIV-Verdächtige“ wie Sexarbeitende und Drogenkonsumierende sollten zu Tests verpflichtet werden. „Es ging darum, schnelle Entscheidungen auf Kosten der Grundrechte von Minderheiten zu treffen und damit auch eine repressive Sexualmoral durchzusetzen“, erklärt Hartung.

Die Art und Weise der Aufklärung zu HIV hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Die Präventionskampagne  Gib Aids keine Chance“ entstand in Deutschland Ende der 80er-Jahre. © Quelle: picture alliance / imageBROKER

Gekippt wurde diese Art der Pandemiebekämpfung durch die damalige Bundesgesundheitsministerin und spätere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, die 1988 deutlich machte: „Es gibt keinen Gesundheitsschutz, ohne wirklich mit den Betroffenen erster Stelle zu arbeiten.“ Es lohne viel mehr, bei HIV und Aids auf Aufklärung, Beratung, Freiwilligkeit und Solidarität zu setzen.

Verschwörungen und Mythen: Wo liegt der Ursprung der Pandemien?

Doch damit ist es oft nicht weit her: Auch heute ist etwa die Frage, wo und wie die Corona-Pandemie ihren Ursprung genommen hat, ein Sammelbecken für krude Ideologien. Ursprungs- und Verschwörungsmythen hat es auch in Aidsanfangszeiten reichlich gegeben – und sie wirken bis heute nach. Mittlerweile gilt als gesichert, dass HIV Anfang des 20. Jahrhunderts in Afrika von Primaten auf den Menschen übertragen wurde und um 1970 von den belgischen Kolonien in der Karibik aus in die Vereinigten Staaten gelangte.

Im Aidsursprungsmythos findet sich aber beispielsweise die Erzählung von einem vermeintlich ersten Aidspatienten, „Patient Zero“, ein schwuler promiskuitiver Jetsetter, der bei seinen Reisen das Virus durch die Welt getragen haben soll. Im Kalten Krieg kursiert auch die Verschwörung, der russische Geheimdienst KGB habe das Virus als biologische Kriegswaffe erschaffen – oder vielleicht waren es auch die anderen, der US-Dienst CIA.

Aids als „Schwulenkrankheit“, Corona als „Virus der Armen“?

Das Narrativ von Aids als „Schwulenkrankheit“ habe sich aber bis heute gehalten, sagt Wissenschaftlerin Hartung. Betroffenen werde auch weiterhin vermittelt, selbst schuld an der Infektion zu sein. „Es gibt auch immer noch eine große Zahl an Menschen, die nichts von ihrer HIV-Infektion wissen und die denken, ein Test sei nicht nötig, zum Beispiel weil sie sich nicht zur sogenannten Risikogruppe zählen“, berichtet die Expertin. Dahinter stehe oft die Angst vor sozialer Ausgrenzung.

Bei Corona gibt es ein ähnliches Phänomen, zusammengefasst unter dem Begriff „Corona-Shaming“. Darunter fallen Erfahrungen, bei denen manche positiv aus Sars-CoV-2 Getestete angefeindet und persönlich für die Infektion verantwortlich gemacht und ausgeschlossen werden. Und während Ansteckungen im Freizeitbereich etwa als moralisch verwerflich gelten, würden sie im beruflichen Kontext oft toleriert, sagt Hartung.

Die Prognose der Expertin fällt ernüchternd aus: „Ich befürchte, dass Corona weltweit zum Virus der Armen wird.“ Ein Signal dafür sei bereits jetzt die unfaire Verteilung der Impfstoffe gegen Covid-19 in der Welt. Ähnlich verhält es sich mit den Aidsmedikamenten. Mit ihnen können Betroffene bei frühzeitiger Behandlung meist gut weiterleben. Aber dafür braucht es auch den Zugang zu den Arzneien. Und den haben laut aktuellstem UNAIDS-Bericht aber nur 26 der gegenwärtig etwa 38 Millionen HIV-Positiven auf der Welt.

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