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Affenpockenausbruch in Europa

Sind die Affenpocken noch ein Problem? Acht Fragen zur aktuellen Situation

Affenpocken gab es bis vor Kurzem noch nicht in Deutschland.

Affenpocken gab es bis vor Kurzem noch nicht in Deutschland.

In diesem Sommer stecken sich Menschen nicht nur vermehrt mit dem Coronavirus an. Erkältungs- und Grippeviren sind ebenfalls stärker als in den Vorjahren unterwegs. Und noch ein weiterer, neuer Erreger setzt sich hierzulande gerade fest: die Affenpocken. Von einem „internationalen Ausbruchsgeschehen“ ist seit Mai die Rede. Nun ist Anfang Juli. Wie viele Fälle gibt es inzwischen, wo sind Hotspots – und wen trifft das Virus? Acht Fragen und Antworten.

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1. Wie viele Affenpockenfälle gibt es inzwischen?

Neu ist das Virus nicht. Seit den 1970ern springen die Affenpocken ab und an von Mensch auf Mensch über – allerdings hauptsächlich in West- und Zentralafrika. Ab und an kursierte es auch unter Reisenden. Seit Mai stecken sich allerdings weltweit immer mehr Menschen an. Insgesamt sind der Weltgesundheitsorganisation inzwischen weltweit 6027 Fälle in diesem Jahr bekannt. Die meisten gibt es momentan in Europa – mit inzwischen fast 6000 in 33 Ländern und Regionen (Stand: 5. Juli). Das sind mehr als 80 Prozent. Auch Deutschland ist stärker betroffen. Dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge sind bis Anfang Juli 1490 Affenpockenfälle übermittelt worden. Weitere Fälle sind zu erwarten.

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2. Wer ist betroffen?

Das Virus trifft derzeit insbesondere jüngere Männer. Rund die Hälfte der Infizierten ist zwischen 31 und 40 Jahren alt. Die Übertragungen erfolgen den europäischen Gesundheitsbehörden zufolge momentan vor allem im Rahmen von sexuellen Aktivitäten – insbesondere bei Männern, die sexuelle Kontakte mit anderen Männern haben. Übertragungen in anderen Kontaktnetzwerken wurden in Europa bislang kaum festgestellt. In Deutschland war vor allem Berlin ein Hotspot. Eine detaillierte Untersuchung ergab, dass einige Erkrankte während der Inkubationszeit häufig Clubs, Bars oder Privatveranstaltungen besucht hatten. „Bei sexuellen Kontakten ist die Wahrscheinlichkeit der Übertragung von Affenpocken deutlich erhöht“, schreibt das RKI. Das heißt aber nicht, dass sich nicht grundsätzlich auch andere Personengruppen anstecken können. In Deutschland ist bereits eine Affenpockeninfektion bei einer Frau übermittelt worden. Bei Kindern sind bislang keine Fälle bekannt geworden.

3. Ist der Affenpockenausbruch eine internationale Notlage?

Die Weltgesundheitsorganisation hat den Ausbruch bislang nicht als „Notlage von internationaler Tragweite“ bewertet. Die höchste Alarmstufe, wie bei Corona, gilt also nicht. Das Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung stuft die Behörde aktuell weltweit als „moderat“ ein, in Europa als „hoch“. Die WHO will die Lage aber rasch neu bewerten, falls die Zahl der Ansteckungen oder der betroffenen Länder stark ansteigt, falls gehäuft Fälle unter vulnerablen Gruppen auftreten oder falls sich das Virus verändert. Die WHO folgte der Empfehlung eines speziell eingerichteten Notfallausschusses. Internationale Affenpockenexperten und Affenpockenexpertinnen haben darin einen „Notfallcharakter der Situation“ festgestellt. Die Kriterien für eine internationale Gesundheitsnotlage seien momentan aber nicht erfüllt. In manchen Ländern hätten die Fallzahlen ein Plateau erreicht oder fielen bereits wieder. Außerdem gebe es noch offene Fragen zum Virus, zu seinen Infektionswegen und der Bandbreite von Symptomen.

4. Sind die Affenpocken trotzdem gefährlich?

Eine Affenpockenerkrankung stellt ein Gesundheitsrisiko dar. Symptome können innerhalb von fünf bis 21 Tagen nach einer Ansteckung auftreten. Kürzere Inkubationszeiten von zwei bis vier Tagen scheinen in Einzelfällen möglich zu sein. Betroffene klagen zu Beginn der Infektion oft über Fieber, Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen, geschwollene Lymphknoten, Frösteln oder Abgeschlagenheit. Manche haben aber auch gar keine Symptome. Im Verlauf können sich am ganzen Körper Hautveränderungen, Ausschlag und Wunden entwickeln – vom Fleck bis zur Pustel. Das kann sehr schmerzhaft sein. Irgendwann verkrusten die Pocken und fallen ab. Die Infektionen verlaufen damit überwiegend mild, Betroffene kurieren sich hauptsächlich zu Hause in Isolation aus und nicht im Krankenhaus. In den meisten Fällen verschwinden die Symptome von Affenpocken innerhalb weniger Wochen von selbst.

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Stiko empfiehlt Affenpockenimpfung für Risikogruppen

Die Ständige Impfkommission empfiehlt bestimmten Menschen eine Impfung gegen Affenpocken. Unterdessen steigen die Fallzahlen in Deutschland weiter.

Besorgt ist die WHO aber trotzdem. Zum einen kann die Erkrankung nach bisherigen Erkenntnissen in Einzelfällen auch schwer bis tödlich verlaufen. Komplikationen können etwa Hautinfektionen, Lungenentzündungen und Augeninfektionen mit Sehverlust sein. Drei Todesfälle wurden während des aktuellen Ausbruchs bemerkt, unter anderem in Nigeria. Bislang ist in Europa noch kein Todesfall registriert worden. Das Virus könnte sich auch auf weitere Personengruppen ausbreiten, die ein erhöhtes Krankheitsrisiko haben. Insbesondere Neugeborene, Kinder, Schwangere, alte Menschen und Menschen mit zugrundeliegenden Immunschwächen können dem RKI zufolge schwer an den Affenpocken erkranken. Im Gesundheitswesen arbeitendes Personal ist einem höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt, weil es eher in Kontakt mit dem Virus kommt.

5. Wie kann man sich anstecken?

Jeder, der oder die engen körperlichen Kontakt mit einer ansteckenden Person hat, kann sich infizieren. Forschende vermuten, dass sich das Virus neuerdings auch über Blut, Sperma und Vaginalsekret übertragen könnte. Möglich scheint es, der Verdacht ist aber noch nicht abschließend geklärt. Das Risiko, sich mit Affenpocken zu infizieren, ist aber nicht auf sexuell aktive Menschen oder Männer, die Sex mit Männern haben, beschränkt. Bewiesen ist, dass Eintrittspforten für das Virus vor allem kleinste Hautverletzungen und Schleimhäute sind – am Auge, am Mund, an der Nase, den Genitalien und am Anus. Bei einem Gespräch, dicht an dicht stehend, könnten dort beispielsweise infektiöse Tröpfchen landen. Ebenso, wenn man intimer miteinander wird. Aber auch beim Anfassen von Kleidung, Bettwäsche, Handtüchern, Essgeschirr – also Gegenständen, die mit Affenpocken kontaminiert wurden. Unwahrscheinlich ist es nach derzeitigem Wissensstand, sich über Aerosole in der Luft anstecken zu können, wie es bei Corona der Fall ist.

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6. Wie kann man sich schützen?

Im Alltag kann man das Ansteckungsrisiko verringern. Das RKI schreibt: „Berühren Sie keine Ausschläge oder Wunden und minimieren Sie Hautkontakt.“ Im Detail kann das auch heißen: Man kann die Zahl der Sexpartner und Partnerinnen reduzieren. Kondome schützen vor HIV, jedoch nicht gegen Affenpocken, da die Ausschläge an allen Stellen des Körpers vorkommen können. Ist man selbst oder der Partner oder die Partnerin an Affenpocken erkrankt, sollte man auf Sex, Berührungen und Küsse verzichten – oral, anal, vaginal. Nach einer Erkrankung sollte man nach Abheilen aller Ausschläge und Abfallen des Schorfs acht Wochen lang beim Sex ein Kondom benutzen, da das Virus noch in der Samenflüssigkeit vorhanden sein könnte. Erhöhtes Ansteckungsrisiko gibt es auch in Orten wie Darkrooms, Saunen oder Sexclubs, in denen nur wenig oder gar keine Kleidung getragen wird. Festivals, Partys, Veranstaltungen oder Clubs – überall, wo wenig Kleidung getragen wird und es häufig zu direktem Hautkontakt kommt, bergen ebenfalls ein erhöhtes Risiko.

Auch eine Impfung gegen Affenpocken mit Imnavex kann im Einzelfall helfen. In der EU ist ein Pockenimpfstoff zugelassen, der auch zum Schutz vor Affenpocken eingesetzt werden kann. Die Impfung schützt am besten, wenn sie vorbeugend gegeben wird. Auch nach dem Kontakt mit einer affenpockeninfizierten Person kann eine rasche Impfung das Erkrankungsrisiko verringern. Diese sogenannte postexpositionelle Impfung sollte möglichst innerhalb von vier Tagen nach dem Kontakt erfolgen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Impfung gegen Affenpocken momentan aber nur bestimmten Personengruppen: etwa Menschen, die engen Kontakt zu Infizierten hatten, und über 18-jährigen Männern, die Sex mit Männern haben und dabei häufig die Partner wechseln. In Aussicht steht inzwischen auch ein antivirales Medikament: Tecorivimat. Das hat inzwischen eine behördliche Zulassung der Europäischen Arzneimittelagentur, auch für Affenpocken. Hausarzt oder Hausärztin können bei Interesse beraten.

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7. Was wird derzeit gegen die Affenpocken unternommen?

„Es wird bis zum Spätsommer oder Frühherbst dauern, bis wir sehen, ob die Bemühungen, den Ausbruch einzugrenzen, erfolgreich waren“, sagte RKI-Vizepräsident Lars Schaade den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Ein Abflachen der Kurve erwarte er erst in einigen Wochen. Grund dafür sei unter anderem die lange Inkubationszeit von bis zu 21 Tagen. Impfungen sind in den meisten Bundesländern angelaufen, ebenso werden Infektionen nachverfolgt und Isolationsmaßnahmen mit Betroffenen durch die Gesundheitsämter organisiert.

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Dazu rät auch die WHO. Um den Ausbruch einzudämmen, müssten Maßnahmen wie Überwachung, Risikokommunikation, Kontaktverfolgung, Isolation, Behandlung und Impfungen verstärkt werden. Die Mitgliedsstaaten müssten wachsam bleiben, um eine Ausbreitung zu verhindern. Dazu zähle auch eine faire Impfstoffverteilung. Noch gibt es Spielraum, betont auch das RKI. Eine weitere Verbreitung der Affenpocken sollte jetzt „so gut wie möglich“ verhindert werden – um Erkrankungen und auch schwere Verläufe zu vermeiden und um zu verhindern, dass sich Affenpocken als Infektionskrankheit in Deutschland etabliert. Sollte dies passieren, wäre mittelfristig auch mit Fällen in besonders gefährdeten Gruppen zu rechnen – also etwa Schwangere, Kinder, Immunsupprimierte, ältere Menschen. Außerdem besteht immer ein gewisses Risiko, dass sich das Virus verändert und möglicherweise auch krankmachender werden könnte – wie bei Corona beobachtet.

8. Was tun bei einem Affenpockenverdacht?

Wer sich krank fühlt, sollte auf Wunden oder Ausschläge am Körper achten, einschließlich der Genitalien und des Anus. Bis zu einer Diagnose sollten Treffen mit anderen Menschen möglichst vermieden werden, vor allem, wenn es dabei zu engem Hautkontakt kommt. Erste Ansprechpartner können Hausarzt oder Hausärztin, eine HIV-Schwerpunktpraxis, Hautarztpraxis oder eine HIV-Beratungsstelle der Gesundheitsämter sein. Man sollte vorher in der Praxis anrufen. Wer sich nachgewiesenermaßen angesteckt hat, sollte sich die Hände regelmäßig mit Seife und Wasser waschen. Es sollten alle Menschen informiert werden, mit denen man ab Symptombeginn engen Körperkontakt hatte. Außerdem sollte man sich häuslich isolieren, bis Schorf und Krusten vollständig abheilen – also mindestens für 21 Tage. Auch der Kontakt zu Haustieren sollte vermieden werden. Sie können sich womöglich auch mit Affenpocken anstecken.

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