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„Adipositas ist kein Lifestyleproblem“

Darum ist die Versorgungssituation für dicke Menschen so schlecht

Bewegungsmangel und Ernährung im Überfluss zu jeder Tages- und Nachtzeit sind die entscheidenden Faktoren für das hohe Gewicht.

Bewegungsmangel und Ernährung im Überfluss zu jeder Tages- und Nachtzeit sind die entscheidenden Faktoren für das hohe Gewicht.

Die Menschen in Deutschland werden immer dicker, aber kaum jemand erhält eine angemessene Therapie. Das haben Forschende bei der Eröffnung des Adipositas-Kongresses 2022 der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) in München kritisiert. Schätzungsweise 17 Millionen Menschen seien in Deutschland von starkem Mehrgewicht betroffen, Tendenz steigend, die Versorgungssituation sei allerdings unzureichend.

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Dabei gilt Adipositas, also starkes Mehrgewicht, als eine der gefährlichsten chronischen Krankheiten. Durch das hohe Gewicht steigt das Risiko für Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und Krebs immens an. Therapiemöglichkeiten gibt es, genutzt werden sie allerdings noch viel zu wenig.

Jasmin Mairhofer (@real_better_me)

Schau mich an: So kämpfen Dicke gegen Diskriminierung

Kein Job, kein Sitzplatz, keine Behandlung: Vorurteile über dicke Menschen können fatale Folgen haben. Jasmin Mairhofer ist dick und kämpft auf Instagram für mehr Diversität. Über einen Alltag mit Hürden – und eine Gesellschaft, die daran wenig ändern möchte.

Kaum Finanzierung für Therapien

Das liegt auch daran, dass sich nicht jeder oder jede eine Therapie leisten kann. Lediglich die Anwendung digitaler Gesundheitsanwendungen, sogenannte Digas, wird von den Krankenkassen zumindest für die ersten 90 Tage vollständig übernommen. Ob andere Therapieformen, wie chirurgische Eingriffe oder medikamentöse Behandlung, übernommen werden, wird nach Einzelfall entschieden. Im Zweifel müssen die Betroffenen ihre Behandlung also selbst bezahlen.

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„Adipositas ist kein Lifestyleproblem, sondern eine chronische Erkrankung“, kritisiert Christina Holzapfel, Forschungsgruppenleiterin am Institut für Ernährungsmedizin der Technischen Universität München. „Die Versorgungssituation ist defizitär. Und wenn die Therapien nicht besser finanziert werden, dann wird sich auch die Versorgungssituation nicht ändern.“

Denn auch wenn die Kosten für eine Ernährungstherapie anteilig von der Krankenkasse übernommen werden, müssen Betroffene noch kräftig draufzahlen. „Da können schnell mal ein paar Hundert Euro allein für eine Ernährungstherapie auf einen zukommen“, erklärt Michael Wirtz, Vorstandsmitglied der Adipositas-Hilfe Deutschland e. V. Die medikamentöse Therapie sei für viele eine wertvolle Option, aber auch sie werde nicht finanziert.

Die Umwelt ist entscheidend

Der Grund dafür ist, dass das Arzneimittel, bei deren Anwendung eine „Erhöhung der Lebensqualität im Vordergrund steht“, nicht von den Krankenkassen übernommen werden darf. Das regelt Paragraf 34, Absatz 1, im Sozialgesetzbuch V. „Der Lifestyleparagraf verbietet die Finanzierung solcher Medikamente“, sagt Wirtz. „Also, es gibt Therapieoptionen, -möglichkeiten – sie werden nur nicht finanziert.“

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Dabei ist es zentral für Betroffene, dass ihnen das gesamte Spektrum an Therapieangeboten offensteht. „Eine wirksame Therapie muss möglichst individuell gestaltet werden“, sagt Holzapfel. Zentraler Hebel, um abzu­nehmen, ist ganz klassisch – eine negative Energiebilanz. Also mehr Kalorien verbrauchen, als zu essen.

Aber das ist gar nicht so einfach, denn die Umwelt macht es Menschen heutzutage nicht leicht. „Die gene­tische Veranlagung spielt eine große Rolle, aber entscheidend ist letztlich die Umwelt“, sagt Hans Hauner, Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München. „Wir leben in einer bequemen Welt mit Bewegungsmangel und Ernährung im Überfluss zu jeder Tages- und Nachtzeit. Das sind die wirklich entscheidenden Faktoren für das hohe Gewicht.“ Dazu sei der menschliche Stoffwechsel eher für Hungerzeiten ausgelegt und kämpfe daher mit biologischen Prozessen gegen Gewichts­verlust.

Hauner plädiert daher in erster Linie für politische Rahmenbedingungen, die es dem Menschen leichter machen, einen gesunden Lebensstil zu verfolgen. „Adipositas ist nicht nur ein medizinisches, sondern vor allem ein gesellschaftliches Problem“, sagt er. „Wir brauchen mehr Transparenz bei Lebensmitteln durch eine bessere Kennzeichnung und eine Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel – insbesondere für Kinder.“ Diese Maßnahmen seien kostengünstig und einfach umzusetzen, und man sehe in Ländern, die Zucker besteuern würden, welche positiven Effekte das hätte.

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