ADHS: Immer mehr Verhaltensstörungen bei Erwachsenen

  • Bei 52.000 Versicherten der AOK wurde 2018 ADHS diagnostiziert – also bei 39.000 Menschen mehr als 2009.
  • Die Erkennung der Erkrankung bei Erwachsenen ist relativ kompliziert.
  • Anteil der ADHS-Kinder und Jugendliche mit Medikation ist gesunken, weil Arzneimittel nur noch von Spezialisten für Verhaltensstörungen aufgeschrieben werden dürfen.
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Berlin. Ärzte in Deutschland diagnostizieren zunehmend Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) bei Erwachsenen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Erhebung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK. Lag der Anteil der 20 bis unter 55-Jährigen mit ADHS 2009 noch bei 13.000, waren es 2018 bereits 52.000 Versicherte der Krankenkasse. Genaue Analysen bei den Kindern und Jugendlichen zeigen zudem, dass der Anteil der ADHS-Diagnosen von 2006 bis 2014 angestiegen und ab 2015 wieder rückläufig ist.


Der Anteil der Kinder und Jugendliche mit ADHS-Diagnosen ist nach einem leichten, jährlichen Anstieg wieder rückläufig. © Quelle: Wissenschaftliches Institut der AOK
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Einen Anstieg von ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen hatte zuerst die AOK Niedersachsen mitgeteilt. Die Krankenkasse hatte ihre Diagnose- und Abrechnungsdaten ausgewertet. Erwachsene wiesen die Erkrankung zwar insgesamt seltener auf. Dennoch seien die Diagnosen im Erwachsenenalter von 20 bis 55 Jahren überproportional angestiegen. Im Jahr 2018 sei bei 26.000 Versicherten in Niedersachsen ADHS festgestellt worden, hieß es. Im Vergleich der Jahre 2009 bis 2018 entspreche das einem relativen Anstieg von 45 Prozent.


"Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung galt lange Zeit als eine ausschließlich im Kindes- und Jugendalter auftretende Erkrankung", so die Bundesärztekammer. Die Erkennung der Erkrankung bei Erwachsenen sei zudem aus mehreren Gründen relativ kompliziert:

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  1. Die Krankheitssymptome von ADHS seien im Erwachsenenalter in der Bevölkerung weit verbreitet, ohne einen Krankheitswert zu haben.
  2. ADHS trete in der Regel im Zusammenhang mit weiteren psychiatrischen Störungen auf und werde meist erst diagnostiziert, wenn diese erkannt werden.
  3. Symptome müssten in mindestens zwei Lebensbereichen zu Beeinträchtigungen führen.
  4. Für die Diagnose werde ein Nachweis des ADHS-Beginns in der Kindheit gefordert.
  5. Es gebe keinen zuverlässigen Nachweis-Test.
Bei Kindern und Jugendlichen lässt sich ADHS leichter diagnostizieren als bei Erwachsenen.
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Behandelt werde die Erkrankung meist mit speziellen Medikamenten. Bei den Erwachsenen ist der Anteil von Patienten mit ADHS-Medikation um knapp zehn Prozent gestiegen. Bei den Kindern und Jugendlichen ist der Medikationsanteil hingegen um rund 14 Prozent gesunken. Experten führen diese Abnahme auf die Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses von 2009 und 2010 zurück. Denn seitdem dürfen Medikamente nur noch von Spezialisten für Verhaltensstörungen wie zum Beispiel Fachärzten für Kinder- und Jugendmedizin verordnet werden.

Ein Überblick über die Zahlen zu ADHS und der entsprechenden Medikation. © Quelle: Wissenschaftliches Institut der AOK

Laura Beigel mit epd

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