• Startseite
  • Gesundheit
  • Abstand in Corona-Zeiten: Wie die Pandemie unsere Wahrnehmung von Körperkontakt verändert

Ein ganzes Jahr auf Abstand: Wie die Pandemie unsere Wahrnehmung von Körperkontakt verändert

  • Seit rund einem Jahr sind Berührungen wegen des Coronavirus weitestgehend tabu.
  • Dabei spielt der Körperkontakt auch in Zeiten der Pandemie eine große Rolle.
  • Experten bezeichnen körperliche Nähe sogar als lebensnotwendig.
|
Anzeige
Anzeige

Hannover. Wir feiern nicht mehr, wir kuscheln nicht mehr, wir geben uns nicht mal mehr die Hand: Seit rund einem Jahr halten Menschen weltweit Abstand, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Auf der Straße machen sie einen großen Bogen umeinander, winken sich allenfalls. In der Pandemie ist Nähe zur Bedrohung geworden. Das Bedürfnis nach Körperkontakt bleibt aber – biologisch und kulturell.

„Berührungen sind wichtig in der Kommunikation, um Nähe herzustellen und um Beziehungen zu stärken“, erklärt Rebecca Böhme, Neurowissenschaftlerin am Zentrum für soziale und affektive Neurowissenschaften im schwedischen Linköping und Autorin des Buches „Human Touch – Warum körperliche Nähe so wichtig ist“ (2019). „Wenn das wegfällt, sind verschiedene Bereiche des Alltags betroffen: von einfachen Begrüßungsritualen, über das nonverbale Vermitteln von Mitgefühl in einer Freundschaft, bis hin zur partnerschaftlichen Bindung. In allen zwischenmenschlichen Beziehungen entstehen so Unklarheiten und mehr Distanz.“

Rebecca Böhme ist Neurowissenschaftlerin am Zentrum für soziale und affektive Neurowissenschaften in Linköping, Schweden. © Quelle: Thor Balkhed
Anzeige

Mangel an Körperkontakt: Was ändert sich durch die Krise?

Wie sich der Mangel an Körperkontakt auf einen Menschen auswirkt, hängt von seinem Bedarf ab. Individuelle Unterschiede gibt es schon im Kindesalter: Obwohl Berührungen Studien zufolge wichtig für die Entwicklung des Gehirns sind, bleiben manche Kinder lieber für sich, während andere viel Nähe, beispielsweise in Form von Umarmungen, brauchen. Das wirkt sich auf unser Verhalten in Pandemiezeiten aus. „Nicht jeder vermisst den Handschlag und die Umarmung zur Begrüßung, es gibt auch viele, die froh sind, diese Rituale jetzt vermeiden zu können“, erklärt Böhme.

Dennoch: Die große Mehrheit, sagt Martin Grunwald, fühlt sich wegen der Corona-Schutzmaßnahmen in Sachen Körperkontakt eingeschränkt. Er leitet das Haptik-Forschungslabor am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung an der Universität Leipzig und ist Autor des Buches „Homo Hapticus: Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können“ (2017) und erklärt: Das Kontrollieren und Hinterfragen der eigenen kommunikativen Alltagshandlungen stellt die Menschen vor Herausforderungen. „Die fehlende Ungezwungenheit erzeugt Stress. Der kann irgendwann in andere Gefühle umschlagen, zum Beispiel Gleichgültigkeit, Hoffnungslosigkeit oder Wut.“

Martin Grunwald ist Leiter des Haptikforschungslabors an der Universität Leipzig. © Quelle: Martin Grunwald
Anzeige

Bei vielen scheint dieser Zeitpunkt erreicht. Das zeigen etwa die regelmäßigen und repräsentativen Umfragen für das „Deutschland Barometer Depression“: Nach der jüngsten Sondererhebung, die am Dienstag veröffentlicht wurde, sind bedrückende Gefühle in der Gesamtbevölkerung deutlich höher als im Frühjahr 2020. Besonders hart trifft es demnach all jene, die bereits depressiv erkrankt sind: Es gebe eine bedenkliche Zahl von Suizidversuchen, heißt es in der Studie.

Diese Emotionen, dahingehend sind sich die Experten einig, zeigen auf, welchen Stellenwert Berührungen wie kleine Gesten im Arbeitsalltag grundsätzlich haben. Viele Menschen beschäftigen sich erstmalig damit, wie viel Bedarf an Körperkontakt sie haben. Das birgt möglicherweise Chancen: Die Menschen hätten jetzt die Gelegenheit, alte Rituale sowie unsensible Umgangsformen mit Körperkontakt zu überdenken, so Böhme.

Anzeige

Den Bedarf an Körperkontakt in Corona-Zeiten kompensieren

Wer nicht alleine lebt, hat laut Grunwald mehr Möglichkeiten, die ausbleibenden Berührungen im Alltag zu kompensieren. Einen Ersatz für die körperlichen Gesten, mit denen auch Emotionen kommuniziert werden, gibt es den Experten nach aber nicht. „Ein Beispiel: Wenn ein Fußballer ein Tor schießt, teilen die Spieler das Glück körperlich und bilden teilweise sogar einen Haufen“, erklärt der Haptikforscher. Ein weiteres Beispiel seien etwa Beerdigungen. „Da sprechen die Angehörigen auch nicht pausenlos miteinander, sondern umarmen sich.“ Der Grund: Die Berührung vermittelt nicht nur das kognitive Konzept von „Liebe“ oder „Mitgefühl“, sondern lässt uns diese direkt leiblich spüren.

Der Tastsinn bildet sich vor allen anderen Sinnen schon ab der siebten Schwangerschaftswoche aus. Bis zu 900 Millionen Rezeptoren gehören nach Schätzungen von Grunwald zum Tastsinnessystem. Einige Millionen davon lassen uns Berührungen wahrnehmen. Zum Vergleich: Seh- und Geruchssinn benötigen nur ein Zehntel, der Geschmackssinn sogar nur 20.000 Rezeptoren.

Wie unsere Vorfahren, die Affen, nutzen auch Menschen Berührungen, um Beziehungen herzustellen und über eine längere Zeit aufrechtzuerhalten. Liebevolle Berührungen lösen die Ausschüttung von Oxytocin aus, einem Hormon, dass die Bindung zwischen zwei Menschen festigt. Außerdem entfaltet der Botenstoff eine beruhigende Wirkung und hilft beim Stressabbau. Sogar eine Stärkung des Immunsystems ist möglich. „Der Körperkontakt ist für uns, da wir zur Spezies der nesthockenden Säugetiere gehören, lebensnotwendig“, sagt Grunwald.

Ständiger Abstand: Wie prägt Corona unsere Vorstellung von Nähe nachhaltig?

Die Krise hat unsere Wahrnehmung von Nähe verändert. Viele Menschen fühlen sich bereits unwohl, wenn das Gegenüber zu nah an ihnen vorbeiläuft. Trotzdem glaubt Grunwald, dass wir als Gesellschaft, da wir hochgradig kontaktfreudige Lebewesen sind, zurück zur Normalität kehren – „vielleicht in drei, vielleicht in fünf, oder 15 Jahren“. „Vor allem die jüngere Altersklasse wartet auf diesen Moment und eine offizielle Meldung à la ‚Wir haben es überstanden‘. Ist das der Fall, gibt es für sie kein Halten mehr.“

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Neurowissenschaftlerin Böhme wiederum hält zwei Optionen für denkbar: Die Gesellschaft kehrt entweder schnell zum Alltag zurück und stürzt sich vielleicht sogar verstärkt ins Leben, oder sie bleibt voller Sorge vor einer Ansteckung und Berührungsängsten. „Vermutlich wird beides geschehen, davon abhängig, wie der Einzelne mit der Bedrohung und den aktuellen Einschränkungen umgeht.“

Rochelle Ackerley von der Universität Aix-Marseille geht in der Dokumentation „Die Macht der sanften Berührung“ des deutsch-französischen Fernsehsenders Arte noch einen Schritt weiter: Sie ist der Meinung, das Coronavirus wirkt sich in Zukunft womöglich auf Beziehungen aus. Um das zu verhindern, sei es wichtig, den Berührungssinn aktiv zu halten: „Es ist wichtig, sich regelmäßig berühren zu lassen.“

Anzeige

Kein Handschlag, keine Umarmung, kein Schulterklopfen: Tipps zum Durchhalten

Wann Corona-Schutzmaßnahmen wie Kontaktbeschränkungen und Abstandsregelungen ein Ende finden, ist noch nicht absehbar. Und doch spiele der Fakt, dass auch die Krise endlich ist, eine große Rolle beim Durchhalten. Außerdem sei es möglich, sich auf andere Art und Weise Erfahrungen eines leiblichen Umgangs mit der Umwelt zu verschaffen. „Wir können unser Körpergefühl stärken und uns selbst spüren, wenn wir Sport treiben, Yoga machen, ein warmes Bad nehmen oder einen Spaziergang in der Sonne unternehmen“, sagt Böhme. „Und wer mit Tieren zusammenlebt, hat das große Glück, mit ihnen kuscheln zu können.“

Die Zahl der Hunde, Katzen, Wellensittiche und sonstigen tierischen Mitbewohner in deutschen Haushalten stieg innerhalb von zwölf Monaten um fast eine Million auf knapp 35 Millionen, wie der Industrieverband Heimtierbedarf (IVH) und der Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands (ZFF) am Montag mitteilten. Grunwald spricht daher von einem „kompensatorischen Phänomen“: „Haustiere wie Hunde oder Katzen zählen wie wir zu den nesthockenden Säugetieren. Sie stillen unser Bedürfnis nach sozialem Körperkontakt.“ Außerdem nehme der Bedarf an Physiotherapeuten und sogenannten Berührern, also Menschen, die Geld für Umarmungen bekommen, zu.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen