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„80.000 Tote“: Ärzteorganisation warnt mit Flyern vor angeblicher Corona-Zwangsimpfung

  • Die Organisation „Ärzte für Aufklärung" hat Flyer in Briefkästen in Hamburg verteilt, um vor einer vermeintlichen Gefahr einer „Corona-Zwangsimpfung“ zu warnen.
  • Ein ehemaliger UKE-Professor kommt im Schreiben mit fragwürdigen Argumenten zu Wort.
  • Er rechne mit „80.000 Toten" und „vier Millionen Impfgeschädigten" bei einer angeblichen „Zwangsimpfung".
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Eine Gruppierung von offenbar 700 Medizinern in Deutschland hat in Hamburg mit Flyern auf die vermeintliche Gefahr einer „Corona-Zwangsimpfung“ hingewiesen. Die Gruppe „Ärzte für Aufklärung“ hat im Schreiben die Pandemie infrage gestellt und berichtet von einer angeblich drohende „Zwangsimpfung“, die „aufgrund der politisch veränderten Gesetzeslage im IfSG Infektionsschutzgesetz“ möglich sei, wie „Focus Online“ berichtet. Die Flyer wurden in Briefkästen verteilt. Eine ähnliche Aktion gab es auch bereits im Berliner Stadtteil Neukölln. Bereits im September waren solche Flyer aufgetaucht, wie mehrere Posts auf Twitter zeigen.

Ehemaliger UKE-Professor zu Zwangsimpfungen: „Dann haben wir 80.000 Tote“

Der ehemalige Direktor des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Stefan Hockertz, kommt im Flyer zu Wort und warnt, dass es bei einer angeblichen „Zwangsimpfung“ zahlreiche Tote geben könne: „Dann haben wir 80.000 Tote.“ Die Organisation rechne zudem mit vier Millionen Impfgeschädigten. Dabei zog er einen drastischen Vergleich, dass dies dem „Auslöschen einer Stadt wie Konstanz oder Bamberg“ entspreche.

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Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass Hockertz in diesem Zusammenhang in Erscheinung tritt. Schon im März sorgte ein Interview beim Privatradiosender rs2 mit ihm für Aufregung und wurde besonders von Corona-Skeptikern zahlreich in sozialen Netzwerken geteilt. Diese Aussagen hatte br24 in seinem Faktencheck unter die Lupe genommen.

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Einordnung der Redaktion

Das Rechercheportal „correctiv“ hat seit Januar zahlreiche Behauptungen rund um das Coronavirus auf deren Wahrheitsgehalt geprüft. Hier gelangen Sie direkt zur Faktencheck-Übersicht.

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„Ärzte für Aufklärung“ leugnen Pandemie

Auf der Rückseite des Flyers klärt die Organisation über eine angebliche „Fake Pandemie“ auf: Die Corona-Krise ist nach Ansicht von „Ärzte für Aufklärung" erfunden. Dabei werden teils mehrere Argumente aufgelistet, beispielsweise, dass bei einer „Fake-Pandemie“ Menschen um Toilettenpapier kämpfen würden. Bei einer „echten“ Pandemie würde der Staat alles tun, um die Wirtschaft am Laufen zu halten, während bei einer „Fake-Pandemie“ die Wirtschaft „durch unnötige Einschränkungen abgewürgt“ werde und Branchen „in den Ruin getrieben“ würden, heißt es außerdem. Nachweisbare Fakten dafür liefert das Schreiben jedoch nicht.

Damit würden gezielt mit den Ängsten der Empfängerinnen und Empfänger gespielt und Verschwörungsmythen reproduziert, kritisierte das Bezirksamt Neukölln, wo die Zettel verteilt wurden. Die Ärztekammer Berlin distanziert sich von der Gruppierung „Ärzte für Aufklärung“. Man werde jeden Einzelfall prüfen und gegebenenfalls berufsrechtlich nachgehen, teilte die Ärztekammer vor einigen Tagen gegenüber der dpa mit. Nach Angaben des Bezirksamtes haben sich bereits Ärztekammern verschiedener Bundesländer von der Gruppe distanziert und auf die Einhaltung von berufsethischen Standards hingewiesen.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definieren eine Pandemie als „neu, aber zeitlich begrenzt in Erscheinung tretende, weltweite starke Ausbreitung einer Infektionskrankheit mit hohen Erkrankungszahlen und in der Regel auch mit schweren Krankheitsverläufen“. Das RKI betonte, dass zur Bekämpfung des Virus Maßnahmen ergriffen werden müssten und der Bevölkerung rasch ein Impfstoff zur Verfügung gestellt werden müsse. Politiker wie Spahn oder Bayerns Ministerpräsident Markus Söder äußerten sich in Gesprächen zudem, dass es keine verpflichtenden Impfungen geben werde – und dass bei der Entwicklung und Zulassung eines Impfstoffes die Sicherheit an erster Stelle stehe.

Solche Meldungen verunsichern viele Leute. Handelt es sich um Fake News der Corona-Kritiker? Oder versuchen die Medien, etwas zu verheimlichen? Wenn Sie sich die Warnungen auf dem Flugblatt anschauen, sind diese tatsächlich teilweise korrekt. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Aussagen richtig sind. Denn diese sind irreführend, weil die Einordnung dazu fehlt. Eine Zwangsimpfung könne laut Flyer zu Toten führen. Dabei ist unklar, wie die Zahl 80.000 zustande kommt. Politiker haben sich schon mehrfach geäußert, dass es keine Corona-Impfpflicht geben soll. Auch wenn diese von anderen Ärzten wiederum empfohlen wird. Schon Ende April machte sich ein Video auf Facebook breit, dass der Bundestagsabgeordnete Rudolf Henke Kinder von Impfgegnern zwangsimpfen wolle. Dieses Video zum Beispiel wurde manipuliert. Eine weitere Aussage auf dem Flugblatt ist, dass es zu vielen Toten kommen kann, wenn der Impfstoff schlecht geprüft ist. Auch das könnte richtig sein. Deswegen betonte Gesundheitsminister Spahn mehrfach, dass Sicherheit bei der Impfstoffentwicklung oberste Priorität habe. Es kommt also häufig zu einer Vermischung aus Fake News, Fakten und fatalem Halbwissen.

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Dieser Text wurde am 19. Oktober aktualisiert und überarbeitet.

RND/bk/vca/dpa

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