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Sieben-Tage-Inzidenz fehlerhaft? Warum die RKI-Zahlen eigentlich zu niedrig sind

  • Die Daten des Robert-Koch-Instituts sind teilweise niedriger als die Werte, die in den Bundesländern bekannt sind.
  • Daher kommt es im bundesweiten Überblick zum Beispiel zu verzögerten Darstellungen von Inzidenzwerten.
  • Wir erklären, wie es dazu kommt.
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Deutschland hat den wichtigen Grenzwert von 50 Infizierten auf 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen überschritten. Aber liegen wir vielleicht schon längst höher? Müssen stärkere Einschränkungen, Maßnahmen und Regelungen her? Die Sieben-Tage-Inzidenz hat sich inzwischen zu einem der wichtigsten Werte in der Corona-Pandemie entwickelt. Der Wert wird von Bund und Ländern herangezogen, um über die Corona-Maßnahmen bis hin zu einem neuen Lockdown zu entscheiden.

Einer Recherche des „Spiegels“ zufolge sind die offiziellen Zahlen des RKI häufig zu niedrig. Als Beispiel werden unterschiedliche Landkreise und Daten herangezogen. Ein Beispiel: Cloppenburg. Mitte September hatte sich hier fast ein ganzes Fußballteam mit Corona infiziert. Die Zahlen stiegen stetig. Während am 8. Oktober in Cloppenburg vom Landesgesundheitsamt eine Sieben-Tage-Inzidenz von 90 ermittelt wurde, lag der Wert beim RKI für den Landkreis Cloppenburg noch bei 24.

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Ein Meldesystem wie bei Stille Post

Wie kann so was kommen? Die Antwort ist relativ einfach: Datenverzögerung. Das Robert-Koch-Institut ist zwar Deutschlands oberste Gesundheitsinstanz, allerdings ist die Behörde auf die Zahlen angewiesen, die von den Gesundheitsämtern übermittelt werden.

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Der Ablauf sieht wie folgt aus. In einem Labor wird eine Testprobe positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Das Ergebnis wird an das örtliche Gesundheitsamt übermittelt, davon gibt es in Deutschland mehr als 400. Das Gesundheitsamt wiederum meldet die Zahl der Infizierten an die zuständige Landesbehörde. Erst die meldet die Daten dann dem Robert-Koch-Institut. Auf diese Art und Weise geht einige Zeit ins Land.

Zusätzlich kommt hinzu, dass das RKI und die Landesbehörden unterschiedliche Zeitpunkte für die Übermittlung und Auswertung der Daten haben und auch die Gesundheitsämter nicht rund um die Uhr arbeiten (können). Während das RKI seinen täglichen Situationsbericht mit Daten von 0 Uhr veröffentlicht, ist es auf regionaler Ebene zum Beispiel 9 Uhr in Hamburg, 12 Uhr in Berlin, 16 Uhr in Baden-Württemberg und in Hessen sogar 21 Uhr.

Wie es im Fall von Cloppenburg aussieht, erklärte der Sprecher des Landkreises gegenüber dem „Spiegel“: „Ein Großteil der Testergebnisse kommt nachmittags und abends.“ So erreichen neue Fälle teilweise erst abends das niedersächsische Landes­gesundheits­amt in Hannover, wo dann niemand mehr arbeitet. Hier werden die Daten nur bis 16 Uhr ans RKI weitergeleitet.

Deutliche Aktualitäts­unterschiede in den Bundesländern

Dass eine solche Kette Zeit braucht, liegt bei so vielen Beteiligten in der Natur der Sache. Zu niedrige Werte werden beim RKI für Landkreise aber besonders dann ausgewiesen, wenn die Arbeitszeiten bei den unterschiedlichen Instanzen nicht zusammenpassen.

Was das ausmacht, zeigt ein Blick auf die Bundesländer. Bei der Länderanalyse ist die Fehlerquote in Bremen mit 5 Prozent besonders niedrig, gefolgt von Hessen (11 Prozent) und Schleswig-Holstein (13 Prozent). Auf der anderen Seite sind die Daten in Sachsen (46 Prozent), Niedersachsen (47 Prozent) und Hamburg (79 Prozent) am häufigsten nicht aktuell.

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Die Werte beziehen sich prozentual darauf, wie oft bei der Sieben-Tage-Inzidenz Daten von mindestens einem Tag fehlten.

Meldesystem müsste grundlegend überarbeitet werden

Wir haben beim Robert-Koch-Institut nachgefragt, was an der Analyse dran ist. Überrascht war die Behörde nicht, denn so wurden die Daten bereits die vergangenen acht Monate in der Pandemie erhoben. Auf der Website weise man auch transparent auf die Verzögerung hin. Eine Anpassung der Arbeitszeiten sei nicht ohne Weiteres möglich, da Gesundheit Ländersache ist.

Daher kann der Bund hier keine Arbeitsweisen diktieren. Die Selbstständigkeit der Länder macht sich hier, wie auch schon bei Lockerungen und Beschränkungen, bemerkbar. Denn technisch ist es zwar möglich, dass die Gesundheitsämter ihre Daten direkt an das Robert-Koch-Institut übermittelten, dafür müsse allerdings das Infektions­schutz­gesetz in den Ländern angepasst werden. Damit würden sich die Bundesländer die Hoheit über ihre eigenen Daten nehmen.

Letztendlich wären aktuelle und überall einheitliche Infektionszahlen absolut wünschenswert, um für die Bevölkerung Transparenz zu schaffen und Akzeptanz zu erreichen. In der Praxis gestaltet sich das jedoch schwierig. Die Konsequenz der Länderhoheit bei Gesundheitsfragen hat hier jedoch auch wieder einen Vorteil: Maßnahmen werden von den Ländern beschlossen, die für ihr Bundesland meist aktuellere Zahlen vorliegen haben, als es im deutschlandweiten Überblick des RKI der Fall ist.

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