Strafen gegen Gaffer: Vernunft lässt sich nicht verordnen

  • Mit härteren Strafen will die Bundesregierung gegen Gaffer vorgehen.
  • Fotografieren und Filmen von Unfallopfern soll als Straftat gelten, auch Aufnahmen des Intimbereichs.
  • Das zeugt auch von Hilflosigkeit gegenüber einer verrohenden Gesellschaft.
|
Anzeige
Anzeige

So hip der Begriff Upskirt-Fotografie auch klingt, so antiquiert sind die Bilder, die einem dazu in den Sinn kommen: Ein Mann um die 50 in einem beigefarbenen Trenchcoat hinter einem Gebüsch, eine Dame um die 20 mit kurzem Rock in seinem Visier. Der Mann fixiert die Frau im Café, richtet sein Teleobjektiv, wartet auf einen Moment der Intimität, etwa dass sie sich bückt, und drückt ab.

Was einst ein risikoreicher, aufwendiger Akt eines Voyeurs war, gehört heute zum Alltag. Menschen machen Fotos, mit ihren Smartphones, immer und überall. Mitunter auch von intimen Momenten. Solche, die die Privatsphäre verletzen. Das geht heute schneller, einfacher und in viel besserer Qualität. Und es passiert immer häufiger. Das zumindest berichtete Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) an diesem Mittwoch im Bundestag. Fotos dieser Art würden in Chatgruppen geteilt oder sogar kommerziell vertrieben, etwa auf Pornografieseiten, zahllose Betroffene hätten sich an sie gewandt. Nach einem Gesetzentwurf, dem das Bundeskabinett bereits zugestimmt hat, soll das künftig härter bestraft werden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Bisher gelten heimliche Aufnahmen des Intimbereichs nur als Ordnungswidrigkeit. Auch das Fotografieren von Unfallopfern soll als Straftat geahndet werden – mit höheren Geldstrafen und Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren.

Das Upskirting-Verbot wirkt 50 Jahre überfällig

Zwei Fragen kann man dazu stellen: Warum erst jetzt? Und: Was bringt es wirklich?

Vor allem das Verbot von Upskirting wirkt etwa 50 Jahre überfällig. Tatsächlich ist es so, dass das Veröffentlichen und Verbreiten solcher Bilder schon seit 2015 strafbar ist – das heimliche Filmen und Fotografieren allerdings nicht. Es bedurfte erst einer Online-Petition zweier junger Frauen, die fordern, Upskirting unter Strafe zu stellen. Mehr als 100.000 Unterzeichner schlossen sich an. Den Initiatorinnen Hanna Seidel und Ida Marie Sassenberg zufolge berichteten Opfer ihnen von Vorfällen in der Schule, am Arbeitsplatz, in der S-Bahn, auf Konzerten oder im Supermarkt. Im Übrigen seien auch Männer in Kilts, den typisch Schottenröcken, unter den Opfern – und Frauen unter den Tätern.

Anzeige

Die Gesetzesänderung ist wichtig und gut, keine Frage. Verbote dienen der Abschreckung der Allgemeinheit. Was aber ist mit dem Appell an den Einzelnen? Dem Bewusstsein für Privatsphäre und Intimität. Muss man dafür nicht an der Vernunft ansetzen, statt Ängste auszunutzen?

Der Alltag vieler Menschen spielt sich ausschließlich in der Netzwelt ab. Was früher im Hausflur, beim Bäcker oder in der Eckkneipe über Meier-Müller-Schmidts zu erfahren war, kann jeder heute auf Facebook sehen. Was haben sie am Wochenende erlebt? Wo waren sie im Urlaub? Wie heißen ihre Enkelkinder? Gerade die Instagram-Gesellschaft der unter 18-Jährigen wird mit Dauerbeschattung (oder -beschallung, je nach Perspektive) groß. Jeder nimmt jeden live mit in seinen „Stories“, zum Zahnarzt, zum Date, manchmal selbst zum Nichtstun.

Anzeige

Soziale Medien haben Voyeurismus etabliert

Man könnte sagen: Soziale Medien haben den Voyeurismus erst etabliert. Das versteckte Betrachten von Bildern und Videos möglich gemacht, praktisch rund um die Uhr. Niemand muss seinen Klarnamen bei Facebook, Instagram oder Twitter angeben, sein echtes Gesicht zeigen. Niemand muss mehr vor die Tür, um seine Neugier zu befriedigen. Oder im schlimmsten Fall bloß: die Langeweile zu bekämpfen, die innere Leere. Ich like, also bin ich.

Grenzen gibt allein der WLAN-Empfang vor. Selten der Verstand. Oder gar: der Anstand. Das gilt natürlich für das Unterm-Rock-Filmen, noch viel mehr für das Fotografieren von Unfallopfern. Es behindert die Rettungsarbeit, es kostet im Zweifel Menschenleben. „Helfen statt Gaffen“ heißt eine verzweifelte Initiative von Polizei, Feuerwehr und dem Land Niedersachsen, um das größer gewordene Phänomen einzudämmen. „Wahnsinn, dass dieses Video nur so wenig Popularität erreicht hat“, lautet ein Kommentar unter dem Video der Johanniter Unfall Hilfe, in dem ein Vater unter Zittern schildert, wie knapp die Hilfe für ihn und seine Tochter kam. Weil Gaffer die Rettungsgasse versperrten.

Die Befürchtung, mit zwei Jahren Haft bestraft zu werden, wird Autofahrer umlenken lassen. Aber nicht zwangsläufig umdenken. Die Tatsache, dass man sich durch heimliche, intime Fotos strafbar macht, wird Menschen einschüchtern. Sie davon abhalten, permanent alles und jeden zu filmen und fotografieren, wird es vor allem junge Menschen wohl nicht. Dabei geht es auch um nicht strafbare intime Momente. Das Hinterfragen der Grenze zwischen Persönlichem und Zur-Schau-Gestelltem. Das lernt man vielleicht durch Erziehung und Ethikunterricht, nicht durch Gesetze. Denn Vernunft lässt sich nicht verordnen.