Verinnerlichter Sexismus: Britney Spears ist nicht deine Feindin

  • Fast 90 Prozent der Weltbevölkerung haben Vorurteile gegenüber Frauen.
  • Auch Frauen können also der Ansicht sein, Männer seien klüger, weniger emotional, die besseren Politiker, die faireren Chefs.
  • Ein Essay über internalisierten Sexismus – und wie man sich davon löst.
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Es ist das Jahr 2000 und die US-amerikanische Sängerin Britney Spears steht mit ihrer Single „Oops, I Did It Again“ an der Spitze der weltweiten Charts. Überall läuft der Song – auch in meinem Kinderzimmer. Über meiner ersten, eigenen Stereoanlage hängen Bilder von Spears, ausgedruckt aus dem damals noch frischen Internet. Meine Freundinnen und ich tanzen und singen begeistert mit und fühlen uns dabei mindestens genauso cool wie Britney in ihrem roten Anzug. Für kurze Zeit habe ich zum ersten Mal das Gefühl, Teil einer globalen Coolness, nicht mehr nur Kind, sondern schon halb ein Teenager zu sein. Zu Britney zu tanzen fühlt sich ermächtigend an. Es ist ein Gefühl, das nicht von langer Dauer sein wird.

„Magst du etwa Britney Spears?“, fragt der Junge Monate später und blickt skeptisch auf die ausgedruckten Bilder über meiner Stereoanlage. „Nein, nein“, wiegle ich ab. „Die hängen da nur noch so rum.“ Seine Nachfrage, seine hochgezogenen Augenbrauen, sind der letzte Beweis für etwas, das mir schon seit einiger Zeit unterbewusst klar geworden ist: Britney Spears zu mögen ist nicht cool, sondern dumm. Nicht, weil sie nicht singen oder tanzen könnte oder ihre Musik zu eingängig wäre, sondern weil sie selbst dumm ist. Naiv. Ja, wie sich dann auch einige Jahre später (vermeintlich) zeigen wird, sogar verrückt und völlig durchgeknallt. Wer Britney Spears mag, kann nicht klug sein. Aber ich bin doch klug.

Für was dürfen sich junge Mädchen begeistern?

Für wen oder was dürfen junge Mädchen sich begeistern, ohne dass man sich über sie lustig macht? Die Frage sorgte vor Kurzem auf Tiktok für einige Aufregung. Denn eine Antwort fällt überraschend schwer. Nichts wird so genüsslich mit einem kollektiven Augenrollen bedacht, wie junge Mädchen, die in Tränen ausbrechen, weil sie Harry Styles, Robbie Williams oder die K-Pop-Band BTS treffen. Wenn ein Junge dagegen völlig die Fassung verliert, weil sein Fußballstar ihm das Trikot zuwirft, ist das herzerwärmend. Finden Mädchen Tiere toll, diskreditiert man sie als „Pferdemädchen“. Tanzen sie Ballett, ist das kein Sport. Und hören, spielen und lesen sie das „Richtige“, das „Ernstzunehmende“, sind sie konstant dem Verdacht ausgesetzt, diese Dinge nicht wirklich zu mögen. Dahinter verbirgt sich ein bekanntes Muster: Dinge, die weiblich codiert sind, sind weniger Wert. Die Filme von Nancy Meyers, die weltweit Hunderte Millionen Dollar eingespielt haben, sind eben „nur“ Romantic Comedies.

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Als junges Mädchen habe ich das gemerkt. Viele Mädchen und junge Frauen merken das. In dem Versuch, sich von diesen negativen, impliziten Konnotationen freizumachen, aus Angst, ebenfalls als schwach und dumm zu gelten, beginnen sie abzulehnen, begann ich, abzulehnen: Frauen wie Britney Spears; Frauen, die romantische Komödien mögen; Frauen, die ins Ballett gehen. Ein perfekt frisierter Kopf und gleichzeitige Geistesgegenwart – das verträgt sich anscheinend nicht. Das größte vorstellbare Kompliment? „Du bist ganz anders als alle anderen Mädchen, die ich kenne.“ Man könnte aber auch sagen: Es ist der Moment, in dem ich von meinem internalisierten Sexismus gefangen genommen werde.

Fast 90 Prozent der Weltbevölkerung haben Vorurteile gegenüber Frauen

Fast 90 Prozent der Weltbevölkerung haben Vorurteile gegenüber Frauen. Zu diesem Ergebnis kam im vergangenen Jahr der „Gender Social Norms Index“ der Vereinten Nationen. Er misst, inwiefern soziale Überzeugungen der Gleichstellung von Frauen und Männern in Bereichen wie Politik, Arbeit und Bildung im Wege stehen. Berücksichtigt wurden Daten aus 75 Ländern, die zwischen 2005 und 2014 erhoben wurden. Demnach glauben weltweit die Hälfte aller Männer und Frauen, dass Männer bessere Politiker, mehr als 40 Prozent, dass sie die besseren Geschäftsleute sind und das Vorrecht auf einen Job haben, wenn diese rar sind. Auch in Deutschland hegte demnach rund die Hälfte aller befragten Frauen zumindest ein Vorurteil gegenüber Frauen. Wie kann das sein?

„Sexismus ist die systematische Ungleichbehandlung von Mädchen und Frauen durch Männer und die Gesellschaft als Ganzes“, schreiben die Wissenschaftler Steve Bearman, Neill Korobov und Avril Thorne in einer Studie aus dem Jahr 2009. „Internalisierter Sexismus bezieht sich auf Einverleibung von sexistischen Praktiken und die Verbreitung dieser Praktiken unter Frauen, auch in der Abwesenheit von Männern.“ Heißt einfach gesagt: Unsere Gesellschaft ist so durchwebt von sexistischen und misogynen Ansichten und Praktiken, dass auch Frauen nicht automatisch, qua Geschlecht, frei davon sind. Oder noch einfacher: Auch Frauen können sexistisch handeln und denken. Können der Ansicht sein, Männer seien klüger, weniger emotional, die besseren Politiker, die faireren Chefs.

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Nele Möhlmann ist Mitglied des Bündnisses "Feministischer Rat Hannover". RND-Redakteurin Lea Drabent hat sie gefragt, wo der Feminismus 2021 steht.  © Lea Drabent
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Internalisierter Sexismus kann sich ganz unterschiedlich ausdrücken

Dieser internalisierte Sexismus kann sich auf verschiedene Arten und Weisen ausdrücken. Das verinnerlichte Gefühl, machtlos und inkompetent zu sein, gehört laut Bearman, Korobov und Thorne zum Beispiel dazu. Bemerkbar macht sich das an Kleinigkeiten wie etwa der Häufigkeit, mit der Frauen ihre Sätze mit: „Ich bin mir nicht sicher, aber…“ beginnen – obwohl sie die Fakten ganz genau kennen. Aber auch große Lebensentscheidungen sind betroffen: Junge Frauen, die sich ein naturwissenschaftliches Studium nicht zutrauen, beziehungsweise gar nicht erst an dem Punkt angelangen, an dem sie das überhaupt in Betracht ziehen würden.

Betroffen ist aber auch die Art und Weise, wie Frauen mit anderen Frauen umgehen. 39 Prozent der Frauen in den USA haben laut einer Auswertung des Pew Research Centers aus dem Jahr 2018 bei der Präsidentschaftswahl 2016 Donald Trump gewählt. Einen Mann, an dessen Sexismus zu keinem Zeitpunkt auch nur der geringste Zweifel bestand. Natürlich gibt es dafür verschiedene Gründe – doch ein nicht unerheblicher ist, laut der Sozialphilosophin Kate Manne, dass seine Gegnerin Hillary Clinton hieß.

„Gute“ und „schlechte“ Frauen

Manne, die sich in ihrem Buch „Down Girl“ mit der „Logik der Misogynie“ beschäftigt, erklärt, dass diese dazu diene, zwischen „guten“ und „schlechten“ Frauen zu unterscheiden. Eine „gute“ Frau in diesem Kontext ist, sehr einfach gesagt, eine Frau, die sich kümmert: die gute Ehefrau, die sorgende Mutter, die „coole“ Freundin. Eine „schlechte Frau“, ist eine Frau, die diesen Ansprüchen nicht genügt oder nicht genügend will, die stattdessen einen Anspruch erhebt – etwa US-Präsidentin werden zu wollen. Dieses Verhalten wird abgestraft – auch von Frauen. Es sei „nicht verwunderlich, dass Frauen, die „gut“ sein wollen, soziale Anreize haben, sich von einer Frau zu distanzieren, die als „schlecht“ gilt“, schreibt Manne. Hinzukomme, dass Frauen andere Frauen dafür abstraften, etwas zu erreichen, das sie sich selbst nicht zutrauen.

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Das klingt auf den ersten Blick furchtbar. Neidvolle Furien, die einer Frau den Sieg nicht gönnen? Willkommen zurück im Klischee. Tatsächlich, schreibt Manne, habe ihr diese Erkenntnis jedoch geholfen, ihren eigenen Ärger nach der US-Wahl teilweise umzulenken: Weg von Trump-Wählerinnen hin auf ein System, das sogar jungen Frauen glauben lasse, sie selbst könnten in einer solchen Position niemals bestehen. Denn darum geht es im Endeffekt: Dass auch Frauen sexistisch sein können, ist keine Entschuldigung für den Sexismus von Männern. Aber es geht genauso wenig darum, den Frauen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Nach dem Motto: Warum fordert ihr Gleichberechtigung, wenn ihr selbst sie nicht lebt? Stattdessen zeigen Konzepte wie das der internalisierten Misogynie oder des internalisierten Sexismus, wie kompliziert und aufwendig es ist, sich aus diesen Strukturen zu lösen.

„Britney ist nicht deine Feindin“

Philosophin Manne bezieht sich in ihrem Buch vor allem auf Frauen, denen Hass entgegenschlägt, weil sie wie Clinton etwa in Männerdomänen vordringen. Doch sie sind nicht die einzigen Betroffenen. Auch wer oberflächlich gesehen den Ansprüchen einer patriarchalischen Gesellschaft entspricht, – etwa weil sie einen perfekten Körper besitzt, – ist davor nicht gefeit. Das zeigt der Fall Britney Spears.

Die Dokumentation „Framing Britney Spears“ setzt sich kritisch mit der Wahrnehmung der Popsängerin in Medien und Öffentlichkeit auseinander. Sie hat in den USA gerade eine Debatte über Misogynie und Sexismus ausgelöst, weil sie „einen unangenehmen Blick auf die frauenfeindliche Promikultur, die wir geerbt haben, wirft“, so die „Teen Vogue“. Britney Spears und mit ihr Frauen wie Lindsay Lohan oder Paris Hilton seien auf dem Höhepunkt ihrer Berühmtheit erst willig monetarisiert und dann abgestraft worden. Für ihre Sexualität, ihren Lebensstil „und manchmal einfach nur dafür, eine Frau zu sein“.

Auch ich war damals eine (unterbewusste) Komplizin. Eine Teenagerin, die Kraft darauf aufgewendet hat, nicht so sein zu wollen wie andere Teenagerinnen. Denn das tut internalisierter Sexismus. Er stellt Frauen gegen Frauen. Er hält Sexismus (mit) am Leben, weil er Kräfte und Aufmerksamkeit bündelt. Wer das erkannt hat, kann das ändern. Statt sich gegenseitig zu bewerten, sollten Frauen sich darauf konzentrieren, sich gegenseitig zu unterstützen. Oder, wie ich es meinem Teenager-Ich sagen würde: „Britney ist nicht dein Feindin.“

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