“Neue Normalität” – aber was soll das eigentlich sein?

  • Die Corona-Pandemie hat alles verändert. Nichts wird mehr sein wie vorher, sagen Virologen, Soziologen und Politiker.
  • Alle sprechen jetzt stets von einer “neuen Normalität”, die da kommen muss. Aber was heißt das eigentlich?
  • Wann wird ein Ausnahmezustand zum Alltag? Wie soll diese Gesellschaft eigentlich aussehen?
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Es war einmal der letzte Tag des Jahres, die Supermärkte voll von Menschen, die letzte Besorgungen machten, das Wetter wie immer ein wenig zu mild für Deutschland im Dezember, die wuselige, hitzige Hektik in den Innenstädten spürbar. In den Nachrichten, verborgen hinter den großen Themen, vermeldeten sie eine “mysteriöse Lungenkrankheit”, die die Menschen in der zentralchinesischen Metropole Wuhan beschäftige. Bislang seien 27 Erkrankte identifiziert worden, las man, die Gesundheitskommission vermute, dass die Menschen sich bei einem Besuch auf dem örtlichen Fischmarkt infiziert haben könnten. Die Patienten seien mit Fieber in Quarantäne gebracht worden, einige hätten auch Atemprobleme.

Aber so genau verfolgten wohl die wenigsten diese Meldung aus dem Fernen Osten am Silvestermorgen 2019, wenn überhaupt. Dass man in China zu diesem Zeitpunkt schon über einen neuen Ausbruch der Lungenseuche Sars spekulierte, interessierte hierzulande höchstens Fachleute. Am Robert-Koch-Institut in Berlin-Wedding, der bis dahin den meisten wohl unbekannten Bundesbehörde für Krankheitsüberwachung, beschäftigten die Gerüchte aus Wuhan zwar schon einige Experten – aber alles reine Routine. Am Abend werden selbst die zusammengekommen sein mit Familie und Freunden, sorglos gegessen, getrunken, gefeiert – und sich um Mitternacht in den Armen gelegen haben.

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Dass mit diesem neuen Jahrzehnt, das in dieser Nacht feuchtfröhlich begrüßt wurde, ein neues Zeitalter beginnt, wurde vorab vielmals beschrieben. Die neuen Zwanziger, Comeback eines Mythos, das Goldene Zeitalter. Wie 2020 wirklich werden würde, ahnte da niemand. Eine Pandemie, wie sie mit Covid-19 die Welt überrollte und bisher Zehntausende Menschen sterben ließ, sah niemand kommen. Die Lungenseuche Sars im Jahr 2002 mit offiziell etwa 8000 Infizierten in 30 Ländern und insgesamt 778 Toten wirkt dagegen auf zynische Art harmlos. Wäre Sars ein Testlauf gewesen, Covid-19 würde jetzt, 18 Jahre später, zeigen: Wir hatten ihn nicht bestanden.

Absagen sind Alltag, Auflagen für alles Mögliche die Realität

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Vier Monate nach Beginn des neuen Jahrzehnts ist in der Welt nichts wie vorher: Längst verreist niemand mehr in ferne Länder, weder beruflich noch privat, ja nicht mal an die Nordsee, in den Harz oder auch nur zu seinen Eltern aufs Land. An Feiern ist nicht zu denken, geschweige denn an Konzerte, Kneipen- oder Kinobesuche. Absagen sind Alltag geworden, Auflagen für alltäglichste Dinge die Realität. Distanz wird diktiert, Regeln werden gepredigt: Hände waschen, Abstand halten, Nies- und Hustetikette einhalten – und seit Neuestem auch: Mund-Nasen-Bedeckung in der Öffentlichkeit tragen.

Der Ausnahmezustand überdauert nun schon mehr als sechs Wochen. So lange, dass ihn eigentlich niemand mehr so nennt. Auf die anfängliche Schockstarre folgte bald der globale Shutdown, auf den Shutdown ein allgemeines Arrangieren, ein Sichzurechtfinden in einer übergestülpten Realität, für die perspektivisch nun ein hoffnungsvoller wie irreführender Begriff gefunden wurde: die neue Normalität.

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Politiker sprechen davon, Zukunftsforscher sowieso, und selbst RKI-Präsident Lothar Wieler betont in diesen Tagen noch einmal: Es müssten nun clevere Konzepte entwickelt werden, “damit wir in eine neue Normalität zurückkehren können“. Zum einen mag Wieler sich – absichtlich oder nicht – schräg ausgedrückt haben, denn man kann höchstens in etwas Altes zurückkehren oder etwas Neues anfangen. Zum anderen bleibt die Frage: Diese neue Normalität als Ergebnis der “Exit-Strategie“, über die Politiker diskutieren und Virologen debattieren – wie soll sie aussehen? Und sind diese Begriffe an sich nicht schon irreführend?

“Neue Normalität” ist als Begriff schon irreführend

Exit bedeutet Ausweg, Exit steht in Weiß auf grünen Schildern, die Notausgänge anzeigen. Exit signalisiert Rettung durch Flucht. Vor einem tödlichen Virus aber, das weder sichtbar noch einfangbar ist, können wir nicht flüchten. Es ist da, und es wird, nach allem, was man weiß, noch eine Weile bleiben. Die Exitstrategie mag sich auf den rigorosen Shutdown beziehen, Politiker wollen einen Ausweg finden für Wirtschaft und Gesellschaft. Aber genau genommen wird es keinen Weg aus der Situation heraus geben, wir werden mit ihr leben müssen.

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Merkel spricht in Videopodcast über Corona-Impfstoff
1:42 min
Die Bundeskanzlerin kündigte am Samstag in ihrem Video-Podcast einen „deutlichen" Beitrag von Deutschland für die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs.

Dieses Leben mit dem Virus nun “neue Normalität” zu nennen, mag eine positive Intention haben. Das Neue steht schließlich immer auch für das Unbekannte, oft für das Aufregende, jedenfalls ist es immer auch verbunden mit der Chance, das Neue für sich zu gestalten. “Normalität“ daneben suggeriert etwas Gewohntes, Behagliches – und schwächt das aufregende Moment des “Neuen“ zugleich wieder ab. Normalität wird im Allgemeinen als etwas Gutes empfunden, als Struktur und Halt.

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Schriftstellerin Regula Venske plädiert für den Begriff “neue Alltäglichkeit” für die Zeit in und nach der Corona-Krise. © Quelle: Michael Zapf

Die Literaturwissenschaftlerin Regula Venske findet den Begriff dennoch schwierig und plädiert stattdessen für: “neue Alltäglichkeit”. “Normalität wird oft als normativer Begriff verwendet, kann also wertend gemeint sein und ist immer abhängig vom Kontext”, sagt die Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland. Etwa wenn wir sagen: “Das ist doch nicht normal!” “Alltäglichkeit” dagegen bleibe auf der beschreibenden Ebene, sei wertfrei und besser geeignet für die Bezeichnung von Gewohnheiten, die vielleicht nur vorübergehend bleiben.

Dass RKI-Präsident Lothar Wieler und Bundeskanzlerin Angela Merkel trotzdem bewusst von “neuer Normalität” sprechen, kann Venske trotzdem verstehen. “Es ist eben auch ein tröstlicher Begriff”, meint die Schriftstellerin. Einer, den Menschen nach einer Zäsur diesen Ausmaßes vielleicht mehr bräuchten, um anzunehmen: Wir werden lernen müssen, damit zu leben.

“Menschen sind in Krisen bemüht, Normalität herzustellen”

Von einer “Veralltäglichung in Krisen” spricht auch Teresa Koloma Beck, Professorin für Soziologie der Globalisierung an der Universität der Bundeswehr München. “Im Ausnahmezustand kann man nicht leben”, sagt Koloma Beck, “Menschen sind auch in Krisen bemüht, aktiv Normalität herzustellen.” Wo Krisenzustände länger andauern, setzen nach relativ kurzer Zeit Veralltäglichungsprozesse ein, sagt die Soziologin, die sich seit mehr als fünfzehn Jahren mit dem Alltag in Krisengebieten beschäftigt. Koloma Beck hat längere Zeit in Afghanistan und Angola und Mosambik verbracht, um zu erforschen, wie sich soziales Leben angesichts existenzieller Bedrohungen organisiert. Und zieht einige Parallelen.

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Teresa Koloma Beck ist Professorin für Soziologie der Globalisierung und sieht Parallelen vom Alltag in Krisengebieten und dem in der Corona-Krise. © Quelle: Julia Rathcke

Die aktuelle Pandemie ist kein Krieg, auch wenn etwa Frankreichs Präsident Emmanuel Macron dieses Bild gern bemüht. Dennoch beobachtet Forscherin Koloma Beck strukturelle Ähnlichkeiten: Die Gefahr in einem Bürgerkrieg ähnelt der von Covid-19 – sie ist unsichtbar, und sie geht von anderen Mitmenschen aus. Niemand weiß, wer einem gerade gefährlich werden kann. “Die Pandemie stellt in gewisser Hinsicht eine größere gesellschaftliche Herausforderung dar, weil die Notwendigkeiten der Pandemiebekämpfung den wichtigsten Krisenbewältigungsmechanismus untergraben: das gemeinsame Handeln mit anderen.”

Es ist das, was hin und wieder von Älteren aus Pflegeheimen zu hören ist: Der Zweite Weltkrieg sei schon schlimm gewesen. Aber da habe man sich wenigstens mit dem Beisammensein mit der Familie trösten können. In der Pandemie aber kann jeder sich erst einmal nur an sich selbst klammern.

Lernen, mit den Augen zu lächeln

Vielleicht kam Deutschland auch aus diesem Grund vergleichsweise schnell aus der Schockstarre hinein in ein Verhaltensmuster vorauseilenden Gehorsams: Kontaktverbote und Abstände wurden von Anfang an weitgehend eingehalten, Maßnahmen akzeptiert, kaum protestiert. Wer heute durch einen Park spaziert, sieht auf den ersten Blick Menschenmengen im Frühlingstaumel, bei genauerem Hinsehen aber: eine Vielzahl von Zweierpärchen mit Zwei-Meter-Abstand zueinander.

Die großzügige Schlange vor dem Imbiss funktioniert mittlerweile auch ohne Klebebandmarkierung und schräg angeguckt werden in Einkaufspassagen höchstens Menschen, die keine Maske tragen. Wo früher rot-weißes Flatterband “Achtung, Gefahr!” signalisierte, ruft es heute nur noch ein müdes “Ach, hier dürfen wir auch nicht sitzen” hervor. Und wer sonntags den Fernsehgarten einschaltet und Hunderte Schlagerfans schunkeln sieht, zuckt unweigerlich zusammen – bis er die Dauereinblendung bemerkt: Wiederholung von 2019.

Aber wie wird das weitergehen? Wie lange werden welche Maßnahmen gelten? Vielleicht werden wir das Händeschütteln, das es in anderen Kulturkreisen nie gab, gar nicht vermissen und uns so selbstverständlich kontaktlos begrüßen, wie wir mit Messer und Gabel essen. Vielleicht behalten wir das Maskentragen bei, so wie es im asiatischen Raum längst üblich ist (wenn auch ursprünglich aus Umweltgründen), und lernen, mit den Augen zu lächeln. Vielleicht sehen wir uns noch eine ganze Weile Konzerte in Autokinos an, erwerben Tickets für einen Einkaufsbummel in der Innenstadt, reisen über Luftbrücken in die Sommerferien oder bleiben gleich ganz hier und nennen es “Deutschlandferien”.

Soziologin Koloma Beck sagt: “Ohne Alltagsstrukturen sind wir auf Dauer nicht handlungsfähig.” Deshalb versuchten Menschen in Krisen, sich mit der Situation ganz pragmatisch zu arrangieren. In Deutschland hat das große Aufbegehren – im Vergleich etwa zu den USA – gar nicht erst stattgefunden. Vielleicht leben wir längst in einer neuen Normalität. Haben uns längst eingerichtet im Homeoffice, emotional und pragmatisch, haben Homeschooling erst verteufelt, es dann als Strukturierung gern angenommen. Und gerade wenn der Lehrer die Arbeitsblätter mit dem Handy abfotografiert und sie dann in einer unfreundlichen E-Mail verschickt, fühlen wir vielleicht ein Stück vermisste Vertrautheit. “So etwas gibt Stabilität”, sagt Koloma Beck, “für Schüler, Eltern und Lehrer."

Viel krisenhafter wäre es wohl, wenn Kinder ganz ohne schulischen Alltag zu Hause säßen. Erwachsene gar nicht mehr arbeiten könnten, Politiker keine Politik mehr machen könnten, Supermärkte geschlossen hätten, Sänger nicht im Internet singen und Künstler nicht in Autokinos auftreten könnten. Krisenzustände im engeren Sinne treten vor allem dann ein, wenn Menschen sich über längere Zeit als handlungsunfähig erleben. Uns blieb die größte Krise vielleicht erspart: Das Gar-nichts-tun-Können.

RND


“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
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