Feiertagsfeminismus – und was sich endlich tun müsste

  • Die große, vom Skandal um Harvey Weinstein ausgelöste #MeToo-Debatte entbrannte vor zweieinhalb Jahren, seitdem schwelt der Kampf gegen Sexismus.
  • Zuletzt befeuerten Joko und Klaas mit “Männerwelten” auf ProSieben das Thema erneut – allerdings ohne große Nachwirkung.
  • Denn das reine Aufzeigen von Problemen führt selten automatisch zur Lösung. Es fehlt in Deutschland immer noch an starken Frauen – und Männern.
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Die 15 Minuten, die auf ProSieben kürzlich zur Primetime das Thema sexuelle Gewalt gegen Frauen behandelten, waren geschenkt. In einer der wenigen Unterhaltungssendungen, die das lineare Fernsehen noch bietet, hatten die Entertainer Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf Sendezeit gewonnen und sie einer grundsätzlich lobenswerten Aktion zur Verfügung gestellt: “Männerwelten”, eine fiktive “Kunst”-Ausstellung, in der Frauen zu Wort kommen, die Bodyshaming, sexuelle Belästigung oder Vergewaltigungen erlebt haben. Moderatorin Sophie Passmann führt durch dunkle Gänge mit düsterer Musik, prominente Frauen zeigen zugeschickte Penisbilder, nicht prominente Frauen ihre Kleidung, die sie trugen, als sie vergewaltigt wurden. Passmann nennt “Männerwelten” eingangs “die gruseligste, aber vielleicht nötigste Ausstellung der Welt”. Welche neuen Erkenntnisse bringt so eine Aktion? Welche nachhaltigen Veränderungen? Wo steht der Feminismus nach #MeToo heute?

Der Eindruck insgesamt ist: nicht weit entfernt von dort, wo er vor dem Skandal um Hollywoodmogul Harvey Weinstein, der im Herbst 2017 die weltweite #MeToo-Debatte auslöste, stand. Klar, seitdem gab es Millionen Beiträge in sozialen Medien von Frauen, die ihre Erlebnisse teilen, Dutzende Kampagnen von weiblichen Superstars gegen sexuelle Gewalt – und letztlich einen ersten Strafprozess gegen Weinstein, der kürzlich in New York zu 23 Jahren Haft verurteilt wurde. #MeToo wurde zum geflügelten Wort für Vorfälle, die fast jede Frau aus ihrem eigenen Umfeld kennt und mit deren Veröffentlichung Männer nun häufiger rechnen müssen.

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Wenn eines zugenommen hat, dann der Mut der Frauen, über solche Erfahrungen zu sprechen. Denn die Scham weicht einem Verbündetengefühl. Je mehr Frauen Ähnliches passiert ist, desto weniger liegt es an einem selbst, so die Logik der Gedanken. Neben Scham spielen Schuldgefühle bei sexueller Belästigung eine gleich doppelte Rolle: zum einen die mögliche Schuld an dem Vorfall selbst (Habe ich falsche Signale gesendet? Mich missverständlich verhalten? Zu aufreizend angezogen?). Zum anderen das Schuldgefühl, nicht richtig reagiert zu haben. Besser gesagt: gar nicht.

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Zurück in die 50er? Was macht Corona mit dem Feminismus?
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„Familien haben keine Lobby!“, so äußert sich die Soziologin und Genderforscherin Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky im Gespräch mit dem RND.  © Julia Rathcke/RND

Der Elefant im Raum, den lange keiner sehen wollte

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Seit #MeToo denke ich oft an einige Vorfälle in meiner Jugend. Einer ereignete sich im Kino, ich war 13, vielleicht 14 Jahre alt. Mit meiner Freundin saß ich mittig in einem fast menschenleeren Saal, es war ein Sommernachmittag unter der Woche. An den Film erinnere ich mich nicht, so sehr ich es auch versuche, dafür aber sehr genau an diesen Moment während der Vorstellung, als sich ein älterer Mann neben mich setzte. Er legte wortlos seine Hand in meinen Schoß. Es war dunkel, ich starr. Nach einiger Zeit verschwand er so plötzlich wie er gekommen war.

Ich war nie ein schüchternes Kind und wusste auch damals, dass das falsch war, was der Mann tat. Heute, mit Anfang 30, weiß ich noch immer nicht, wie ich mich richtig hätte verhalten sollen: Aufspringen? Aufschreien? Aufstehen und gehen? Das Kinopersonal rufen? Oder die Polizei? Würde ich es heute tun? Ich hoffe ja.

Die persönlichen Geschichten von Frauen unter dem Hashtag #MeToo wie auch in dem Beitrag “Männerwelten” sind im Allgemeinen gefüllt von billigen Beleidigungen, widerlichen Bildern und erschreckenden Handlungen. Sie sind der Elefant im Raum, den lange niemand ansprechen wollte und den diese Zeugnisse unübersehbar machen. Und dennoch kommen sie bislang nicht über eine Selbstdarstellung mit mittelmäßigem Selbstheilungseffekt hinaus. Natürlich hilft es den Berichtenden und auch anderen Betroffenen, es gab auch viel positives Feedback zu “Männerwelten”, auch von männlichen Zuschauern.

Bundesaußenminister Heiko Maas (vorher als Bundesjustizminister noch thematisch näher dran) bedankte sich für den Beitrag von Joko und Klaas. Ein Nutzer im Internet forderte: “Einmal am Tag ausstrahlen.” Ein anderer Mann schlug vor, den Beitrag vor jeder Bundesliga-Konferenz am Wochenende zu zeigen.

Der Anteil emanzipierter und selbstbewusster Frauen steigt

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Abgesehen davon, dass Bundesliga-Konferenzen längst nicht mehr nur Männer schauen, zeigt der Vorschlag das ganze Dilemma. Während sich Mädchen T-Shirts mit “Feminist” bei H&M kaufen und unkommentiert Kurzhaarfrisuren tragen können, wirbt die Tankstelle auf dem Land zuletzt am Vatertag noch mit einem “Männer-Spezial”, gefüllt mit Bier, Schnaps, einer “Playboy”-Ausgabe und Kondomen (wirklich wahr). Und eine Bekannte bekommt kürzlich eine digitale Mappe mit Bewerbungstipps vom Jobcenter, in der (auch wirklich wahr) unter dem Punkt “Gesprächsvorbereitung” steht: “Frauen sollten auf ‘verführerische’ oder aufdringliche Kleidung verzichten. Es soll immer noch Arbeitgeber geben, die Hosen bei Frauen nicht gern sehen.”

Was nützt es, dass auf politischer Ebene nun etwa die Luxussteuer auf Monatshygieneprodukte abgeschafft worden ist, wenn das grundlegende Frauenbild in deutschen Behörden circa 50 Jahre in der Vergangenheit liegt? Was nützt ein couragiertes Selbstbild von immer mehr (jungen) Frauen, wenn die Gesamtgesellschaft nicht bereit dafür ist?

Fest steht: Der Anteil der Frauen in Deutschland, die sich selbst als emanzipiert und selbstbewusst beschreiben, ist in den vergangenen Jahren weiter gestiegen. Einer im vergangenen Sommer veröffentlichten Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach zufolge zählen sich 18,28 Millionen Frauen zu dieser Gruppe, im Jahr 2015 waren es 16,19 Millionen. Das macht etwa die Hälfte aller Frauen in Deutschland. Es ist heutzutage leicht, feministisch zu sein, es gehört zum guten Ton. Feminismus ist Mainstream – aber genau das ist kontraproduktiv bei der Überwindung sexueller Gewalt. Mainstream ist schon im Wortsinne ein Strom, in dem viele mit schwimmen. Eine Bewegung lebt aber davon, gegen den Strom zu schwimmen, sich aufzubäumen gegen die allgemeine Alteingesessenheit. Sie dümpelt nicht, sie schlägt Wellen.

“Es kommt darauf an, Forderungen zu stellen”

So zumindest sieht es Christa Paul, Professorin für Soziale Arbeit an der Northern Business School in Hamburg. Paul, Jahrgang 1959, hat sich lange mit Geschlechterverhältnissen und Erziehung beschäftigt, war selbst nah dran an der Frauenbewegung der 70er-Jahre. Sie sagt: “Es kommt darauf an, Forderungen zu stellen.” Das, was in #MeToo und “Männerwelten” angeprangert werde, müsse sich konkret niederschlagen in Politik und Justiz. Es gebe schon viel Verbandsarbeit, Lobbyarbeit, kleine Aktivistengruppen – all das sei aber nicht zu vergleichen mit einer großen Bewegung wie zum Beispiel Fridays for Future.

“Die Frauenbewegung heute ist zu schwach”, sagt Christa Paul, “Frauen müssen mächtiger werden.” Mit mächtig meint die Sozialwissenschaftlerin die Macht in der Masse, nicht von Einzelkämpfern. Die breite Gesellschaft fordere nicht das Ende von Sexismus für sich ein. Aber heute hinderten auch politische Kräfte, etwa die AfD mit ihren frauenpolitischen Vorstellungen, die die Gesellschaft prägen, solche Bewegungen. Der Feminismus der 70er-Jahre habe es leichter gehabt, in ihn hätten die Ausläufer der 68er-Bewegung reingespielt, die Alternativszene, die Natur- und Bioaktivisten. “Es war eine ganz andere politische Situation.” Sexuelle Gewalt sei ohnehin nur ein Teil, gegen den der Feminismus ankämpfe.

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Vorsicht vor dem Gewöhnungseffekt

Über Vorfälle berichten, Bilder zeigen, in Wunden wühlen – in TV-Shows und sozialen Medien. All das könnte und sollte man selbstverständlich weiter und noch viel intensiver tun. Und trotzdem wird das Ausstellen und gewissermaßen Zur-Schau-Stellen von Sexismus nicht reichen. Jedenfalls nicht allein aus der Opferperspektive. Schlimmer noch: Möglicherweise lässt uns die Omnipräsenz von Penisbild-Empfängern eher abstumpfen. Die Autorin und Feministin Magarete Stokowski schrieb in ihrer Kolumne zu “Männerwelten”: “Was, wenn wir uns daran gewöhnen? Was, wenn sich die Idee immer weiter verfestigt, dass diese Art von Erlebnissen – ungefragt angefasst werden, widerliche Sprüche hören, vergewaltigt werden – eben zum Frausein dazugehört? Weil das ja so vielen passiert?”

“Leider ist ‘Männerwelten’ eine Dauerausstellung, die sich nicht auf ein paar Fernsehminuten und einzelne Räume beschränken lässt, sondern während und nach dieser Sendung weitergeht. In unserem Alltag, am Arbeitsplatz, in der U-Bahn”, sagt Sophie Passmann gegen Ende. Allen Beteiligten sei bewusst, dass sich durch den Beitrag die Welt nicht verändern lasse. Wir müssten wahrscheinlich noch eine ganze Weile ertragen, dass sexuelle Gewalt stattfindet, wir müssten sie aber nicht akzeptieren, könnten sie in die Öffentlichkeit tragen, immer wieder thematisieren. Leider sind Debatten um #MeToo und “Männerwelten” auch deshalb wirkungslos, weil sie ohne Männer auskommen. Wer sind die Täter? Warum tun sie das? Was könnte sie davon abhalten oder würden Männer andere Männer abhalten? Schon jetzt wirken die Penisbilder von ProSieben kaum noch nach.

“Staat, Sex, Amen”
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