Die Allesfahrer: Mit der Deutschen Bahn durch die Corona-Krise

  • Die Corona-Republik steht seit vier Wochen still. Und was macht die Deutsche Bahn?
  • Sie fährt noch immer (fast) nach Plan, ist überpünktlich und hat nur 15 Prozent Auslastung.
  • Wer drin sitzt, ist in den meisten Fällen systemrelevant, in jedem Fall aber ein extrem entspannt Reisender in diesen Tagen.
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Im normalen Leben gibt es ein Mittel gegen Einsamkeit, empfohlen und gern genutzt von den Singles deutscher Großstädte an besonders einsamen Sonntagen: ein Ausflug zum Hauptbahnhof. Unabhängig vom Zwischenstopp (ein Kaffee bei Tchibo oder ein Burger bei McDonalds) und ohne jeden Zweck (das Verabschieden einer Wochenendbekanntschaft oder der eigenen Eltern) funktioniert das prinzipiell fabelhaft: das Bad in der Menschenmenge als zumindest simuliertes In-Gesellschaft-Sein.

Für das Gefühl von “mal wieder unter Leute kommen” reicht normalerweise schon das Gedränge in der Bahnhofsdrogerie, die keinen Ruhetag kennt und 365 Tage im Jahr signalisiert: Hier bist du immer willkommen. Aber normal ist ja gerade nichts.

Wer in diesen Tagen Zeit an Hauptbahnhöfen verbringt, hat viel Platz und wenig Zeit. Die Züge fahren praktisch alle pünktlich (was die Bahn ausgerechnet mit ihren eigenen Kunden begründet, deren Ausbleiben ihnen eine schnellere Abfahrt von den Gleisen ermöglicht). Und außerdem steht einem niemand im Weg.

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Die Bahnhofspassagen sind leerer als am Neujahrsmorgen, die meisten Geschäfte geschlossen, einige Imbisse so verrammelt, als erwarte man eine Großdemo gewaltbereiter Fußballfans. In den Rossmann-Filialen haben Kassiererinnen Zeit für einen Plausch mit jedem Kunden, Warteschlangen gibt es bloß beim Bäcker, und es ist so still, dass das Surren der Rolltreppen überall zu hören ist.

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Leerer Bahnhof, volle U-Bahnen

Hannover Hauptbahnhof am Dienstag nach Ostern: Ohne Corona wäre alles anders. Als einer der größten Fernverkehrsknotenpunkte in Deutschland steigen hier sonst Tausende täglich aus und um, gerade vor und nach Feiertagen. An diesem Dienstagmorgen aber ist an sämtlichen Bahnsteigen oben niemand – nur etliche Züge sind so pünktlich, dass sie schon vor der planmäßigen Abfahrt bereitstehen.

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An den U-Bahn-Gleisen und in den U-Bahnen sieht das anders aus, viele Menschen nutzen den Nahverkehr, um innerhalb Hannovers zur Arbeit zu kommen. Abstand zu halten ist zeitweise schwierig, Menschen tänzeln umeinander, aber die nächste Bahn nehmen? Das tut an diesem Morgen im Süden der Stadt niemand.

Freie Platzwahl überall: Das Reiseaufkommen im Fernverkehr liegt laut Bahn aktuell bei 10 bis 15 Prozent des sonst üblichen Niveaus. © Quelle: Uwe Zucchi/dpa

Überhaupt tragen von zehn Menschen in der U-Bahn vielleicht zwei einen Mundschutz, oder vielmehr: eine Mund-Nasen-Bedeckung, wie RKI-Präsident Lothar Wieler gerade zeitgleich bei seiner Pressekonferenz erklärt. Einen Schutz wolle er die selbst gebastelten Versionen nämlich nicht nennen, weil sie nur bedingt schützen und vor allem nur die anderen, nicht den Träger selbst. Was im Umkehrschluss den Gedanken provoziert: Acht von zehn Bahnfahrern sind entweder ohne jedes Basteltalent oder rücksichtslose Egoisten.

Güterzüge voll mit Pasta

In den Zügen ist es deutlich entspannter, um nicht zu sagen: so entspannt wie noch nie. Nach eigenen Angaben liegt die Auslastung im Fernverkehr seit Wochen bei nur 10 bis 15 Prozent im Vergleich zu sonst. An Ostern verzeichnete die Deutsche Bahn 300.000 Buchungen statt wie sonst 1,5 Millionen.

Trotzdem fahren drei Viertel aller Verbindungen. Eingestellt hat die Bahn, so die Antwort auf Nachfrage, “vor allem Fahrten ins benachbarte Ausland, touristische Verbindungen im Inland und die von Geschäftsreisenden viel genutzten Sprinterzüge”. Für den Güterverkehr gelte die Devise: “Wir fahren alles, was unsere Kunden wollen.” Zum Beispiel tonnenweise Pasta aus Italien.

Keine Touristen, keine Fahrgäste – so leer ist der Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs in Zeiten von Corona. © Quelle: RND

Im ICE 642 von Berlin nach Köln sitzen eine Handvoll Menschen pro Wagen, ein paar Dutzend vielleicht insgesamt. Fehlende Waggons, falsche Wagenreihung, ausgefallene Reservierungsanzeigen – das übliche Bahnfahrerschicksal stört heute niemanden. “Aus gegebenem Anlass darf ich Sie daran erinnern, Abstand zu halten”, sagt der Zugbegleiter zur Begrüßung und bittet alle, die Fensterplätze einzunehmen, um genügend Abstand zu den Mitarbeitern einzuhalten. Davon sind ausreichend im Einsatz. Kurzarbeit ist bei der Deutschen Bahn (noch) kein Thema. Zwei Reinigungskräfte streifen durch den Wagen, ein Kontrolleur kündigt sich mit der üblichen “Personalwechsel”-Ansage an.

Unterwegs unter Systemrelevanten?

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Der Mann schräg gegenüber verweist auf seinen Online-Check-in, “hab ich hier leider nicht drin”, sagt der Kontrolleur und starrt auf sein Kontrollgerät. Der Mann will sein Handyticket laden, aber das Bord-WLAN reicht nicht aus, und es wird klar: An manchen Gepflogenheiten ändert auch Corona nichts. Der Mann ohne Empfang ist unterwegs nach Wuppertal, seinem Zweitwohnsitz. Dort leitet er die Lungenforschung eines großen deutschen Pharmakonzerns, ist promovierter Biochemiker und hat in der Vergangenheit am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie gearbeitet.

Volltreffer, denkt man unweigerlich, Ironie des Schicksals, unterwegs unter Systemrelevanten. Ganz so systemrelevant seien er und sein Team nun nicht, sagt Koch dann, “jedenfalls nicht so sehr, dass wir unsere Kinder in die Notbetreuung geben oder so. Das soll anderen vorbehalten bleiben, die sich um Patienten kümmern und die die Medikamentenproduktion aufrecht erhalten.”, meint er.

Sein Arbeitgeber, das Pharmaunternehmen, helfe grundsätzlich bei der Suche nach geeigneten Medikamenten und führe am Standort Berlin zwar aktuell auch etwa 1000 Corona-Tests pro Tag durch. “Für die Forschung an Sars-CoV-2 erfüllen unsere Labore in der Lungenforschung aber die Sicherheitsstufe gar nicht”, sagt Markus Koch. Und auch wenn Wissenschaftler heute größtenteils im Homeoffice an neuen Hypothesen und der Auswertung von Daten arbeiten könnten – hinfahren müsse er als Chef auch jetzt regelmäßig, wenn auch nicht so oft wie sonst. “Klar, ich könnte die Strecke auch mit dem Dienstwagen fahren, das wäre noch sicherer”, sagt Koch. “Aber arbeiten könnte ich dann nicht.” Außerdem seien die Züge im Moment unglaublich leer. “Es ist ein kalkuliertes Risiko, ja. Ganz sicher ist man nur, wenn man zu Hause bleibt.”

Unterwegs zum Staatsexamen

Zu Hause bleiben kann auch Nikolas nicht, der mit einer Freundin ein paar Plätze weiter sitzt. Vor zwei Wochen hat er erfahren, dass seine Abschlussprüfung am Mittwoch nach Ostern nun doch stattfindet. Also ist er auf dem Weg nach Bonn, wo er die letzten Jahre Medizin studiert hat und am nächsten Tag hoffentlich sein zweites Staatsexamen besteht.

Ab Mitte Mai beginnt sein praktisches Jahr als Arzt in einer psychiatrischen Klinik in Berlin, wo er schon ein WG-Zimmer hat. “Auch da werden wir die Auswirkungen von Corona noch spüren”, sagt der 22-Jährige, die psychischen Belastungen seien gerade nur nicht so sehr im Fokus.

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Udo Beckmann, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft VBE, spricht über Schulöffnungen.  © Julia Rathcke/RND

Schade findet er, dass es keine einheitliche Regelung gibt, wie die Unis Abschlüsse handhaben. Trotz der von Gesundheitsminister Jens Spahn versprochenen Ausnahmeregelung für angehende Ärzte, die gerade dringend gebraucht würden, habe NRW leider anders entschieden. Ob er auf milde Bewertung hoffen kann? “Eher nicht. Die Prüfungen stehen ein Jahr im Voraus fest.”

Vermisste Verspätungen

Am Kölner Hauptbahnhof – wie bei jedem anderen Halt dieser Fahrt – ertönt die Durchsage: “Auch hier werden alle Züge pünktlich erreicht”, und es grenzt beinahe an Hektik, aus einem Zug steigen zu müssen, der keinerlei Verspätung hat. Verspätungen bedeuten Muße, auch das wird einem jetzt klar. Zeit ist ein Geschenk, und normalerweise verteilt die Bahn viele davon.

Taxifahrer Atilla Özel wartet vor dem Kölner Hauptbahnhof auf Fahrgäste, die in Zeiten von Corona selten geworden sind. © Quelle: RND

Wer weiter muss, hat wieder Glück: Keine Warteschlange am Taxistand, keine Extrakosten für die Anfahrt. Taxifahrer Atilla Özel hat sich im Kölner Hauptbahnhof noch einen Kaffee geholt, Kunden habe er kaum noch, vielleicht drei am Tag, sagt er. Auf Anweisung der Zentrale müsse er nach jedem Fahrgast sein Auto desinfizieren, aber das mache er gern.

“Ich mache weiter, das ist einfach meine Einstellung”, sagt der Kölner. “Ich könnte auch zu Hause bleiben, aber ich sehe keine große Gefahr, es kann überall etwas passieren.” Nach eigenem Ermessen entscheide er auch, Leute nicht mitzunehmen, wenn sie offensichtlich krank aussehen zum Beispiel. Ansonsten laufe alles wie immer. “Wenn die Menschen vorne sitzen wollen, dann lasse ich sie vorne sitzen. Was soll man denn machen?”

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