“Dann sterbe ich eben an Corona”: Drogenabhängige und der Kampf mit der Krise

  • Mehr als 160.000 Menschen in Deutschland sind nach offiziellen Schätzungen abhängig von Opioiden wie Heroin.
  • Die meisten von ihnen leben auf der Straße, ohne Obdach, ohne Waschmöglichkeiten, ohne Schutz.
  • Was bedeutet die anhaltende Corona-Pandemie für die Drogenszene, die Sozialarbeit, aber auch den Drogenmarkt? Besuch in einem Druckraum.
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An einen Abgrund führen oft verschiedene Wege. Die Sackgasse, in der Obdachlose und Drogenabhängige in Hannover buchstäblich landen, ist theoretisch von zwei Seiten erreichbar: Man kommt durch den Hauptbahnhof, mitten durch die schillernde, für Kurzaufenthalte geplante Konsumwelt, vorbei an Schuh- und Schönheitsgeschäften, Drogerien, Bäckereien und Imbissen. Am Ende, zwischen dem Traditionsbetrieb “Kaffeemühle”und der Sportsbar “Zapfhahn”, am Nordausgang rechts raus sind es nur wenige Schritte in eine Welt, die die meisten meiden und die wenigsten wieder verlassen. Man kommt aber auch über die Innenstadt durch das sauber geordnete Gerichtsviertel mit hellen Prachtbauten in die Augustenstraße und steht dann, ebenfalls äußerst symbolträchtig, auf der anderen Seite: der Drogenhilfe Hannover.

Dort steht Vikas Bapat, Leiter der Einrichtung “Stellwerk”, auf der Dachterrasse, die nur zufällig wegen fehlender Baugenehmigung für ein zweites Geschoss entstanden ist, und blickt hinab auf die sogenannte offene Drogenszene Hannovers. Sie ist nicht größer oder kleiner als vor der Corona-Krise, es geht den Menschen eher schlechter als besser, anders ist es seit der Pandemie allemal – für die Abhängigen, für die Sozialarbeiter und ja, mittelfristig sogar für den gesamten Drogenmarkt und die Kriminalstatistik.

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Von der Dachterrasse der Drogenhilfeeinrichtung "Stellwerk" hat man freien Blick auf die offene Drogenszene hinter dem Hauptbahnhof Hannover. © Quelle: RND

Zwanzig, dreißig Menschen halten sich unter freiem Himmel auf dem Stück Straße hinter den Gleisen auf. Dort, wo sie in Hannover für gewöhnlich ihre Drogen bekommen, konsumieren oder einfach unter Menschen sind, die ihre Situation teilen. Die meisten von ihnen sind - das bestätigt auch die Statistik - Männer. Manche tragen Jeans, Kapuzenjacke und Kappe, manche Wintersteppmäntel, andere kurze Hosen. “Manche kommen auch direkt von der Arbeit hierher, das sieht man an ihrer Arbeitskleidung”, sagt Bapat. Ein Mann schiebt einen Rollator, ein anderer ein Fahrrad, zwei kleine Schlafzelte stehen vor der beschmierten Wand, die untenherum ganz zerfressen ist von Urin. Eine dicke Ratte läuft – dramaturgisch nicht besser planbar, aber wirklich wahr – einmal quer über den Platz.

Plätze hinter Großstadtbahnhöfen sind selten schön, wirken auf wuselige Art verwahrlost und haben dennoch ihre eigene Struktur – die in Zeiten der Corona-Pandemie gerade aber auch an ein Maßnahmenkorsett angepasst werden muss. Kontaktbeschränkungen und Hygienevorgaben gelten, zumindest theoretisch, für alle Menschen gleichermaßen.

Vikas Bapat guckt an diesem Vormittag Ende April tatsächlich nicht auf das übliche Treiben – das Bild ist neu sortiert, jedenfalls äußerlich: Auf der einen Seite sind an der Wand entlang rote und grüne Zonen am Boden eingezeichnet, groß wie Raucherbereiche am Gleis. In grünen Feldern dürften je zwei Personen stehen, die roten sollten freigelassen werden, für den Mindestabstand. Genutzt werden sie nicht. An der Wandseite gegenüber mit den Zelten tragen einige sogar Mund-Nasen-Bedeckungen, die die Drogenhilfe verteilt hat. “Manche haben wirklich Angst”, sagt Bapat, “anderen ist es egal. Die sehen für sich gar keine Perspektive und sagen: Dann sterbe ich eben an Corona.”

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Das “Stellwerk”, die städtische Einrichtung der Drogenhilfe, ist angedockt an die Szene, nur ein Zaun trennt sie voneinander. Das Tor ist buchstäblich das Schlupfloch am Ende der Sackgasse und führt direkt in den Bungalowbau, den sonst täglich 70 bis 80 Menschen nutzen. Aktuell ist das rote Bierzelt draußen am Tor Hauptanlaufstelle für die Abhängigen, die Spritzen tauschen wollen. Drinnen gibt es – normalerweise – ein offenes Café mit warmer Küche, Duschen, Waschmöglichkeiten, Beratungszimmer und den Druckraum, in dem steril und unter Aufsicht Heroin gespritzt oder Crack geraucht werden kann. 27 Stück solcher Konsumräume gibt es in Deutschland, zehn allein in Großstädten Nordrhein-Westfalens, weitere in Berlin, Hamburg, Frankfurt. Dass die Druckräume wegen der Corona-Pandemie fast überall wochenlang geschlossen bleiben mussten, bereitete Sozialarbeitern und Verbände große Sorgen.

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In einem roten Zelt am Eingang zum "Stellwerk" können Drogenkonsumierende während der Corona-Krise saubere Spritzen erhalten - im Tausch gegen alte, damit die nicht auf der Straße entsorgt werden.  @ Quelle: RND

“Menschen werden auf der Straße sterben”, befürchteten Mitarbeiter der Frankfurter Drogenhilfe Anfang April. Weniger an dem Virus selbst, als an indirekten Folgen: Kaum Möglichkeiten, an Geld zu kommen, sei es durch Schnorren, Flaschensammeln oder Zeitungsverkauf. Und dadurch: Kaum Möglichkeiten, Essen, Trinken oder eben auch Drogen zu kaufen. “Für geschwächte und erkrankte Menschen kann ein unbegleiteter Entzug lebensbedrohlich werden”, warnte die Deutsche Aidshilfe und andere Verbände Ende März in einem Brandbrief an die Bundesdrogenbeauftragte. Die Corona-Krise führe “zu einem Engpass in der Versorgung mit illegalen psychoaktiven Substanzen und dem Zusammenbruch des Schwarzmarkts von Heroin und anderen Substanzen”, hieß es darin. Hinzu kommt, dass chronische Erkrankungen unter Drogenkonsumierenden weit verbreitet sind, und sie daher im Falle einer Covid-19-Infektion besonders anfällig für schwere Atemwegserkrankungen sind. Und dass die Infektionsgefahr bei vielen Menschen auf engem Raum höher ist. Man befürchtete insgesamt: Mehr Verzweiflung, mehr Gewalt, mehr Not.

Aber das große Chaos blieb aus, bislang. Das jedenfalls zeigen erste Ergebnisse einer qualitativen Erhebung des Centre for Drug Research der Frankfurter Goethe-Universität. Die Nöte und Sorgen sind innerhalb der 21 deutschen Städten, aus denen sie Rückmeldungen erhalten haben, regional zwar sehr unterschiedlich, in der Fläche aber ist demnach weder der Drogenmarkt noch die Drogenhilfe komplett eingebrochen. Ersteres liegt wohl auch daran, dass der Bereich Drogenhilfe (einschließlich der Druckräume) inzwischen als systemrelevant eingestuft wurde – letztlich auf Nachdruck der Bundesdrogenbeauftragten Daniela Ludwig (CSU). Dirk Schäffer, Referent für Drogen und Strafvollzug bei der Deutschen Aidshilfe, wertet das auch als Ergebnis des offenen Briefs: “Das hat erstaunlich gut geklappt. Viel mehr hätte man nicht tun können in der kurzen Zeit.” Auch bei der Drogenhilfe Hannover, Frankfurt und Hamburg ist ähnliches Lob zu hören. Bei Ludwigs Vorgängerin, der ehemaligen Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU) wäre das eher unvorstellbar gewesen. Mortler galt als sehr restriktiv, hatte Konsumräume lange abgelehnt, als Ziel drogenpolitischer Maßnahmen stets die Abstinenz zum Ziel gesetzt und erst später Druckräume als “schadensminimierende Maßnahme” anerkannt.

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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND

Schaden minimieren ist Alltag für Vikas Bapat im “Stellwerk”. Vor 20 Jahren machte er sein erstes Praktikum bei der Drogenhilfe der Stadt, fiel beim ersten Anblick der Spritzen in Ohnmacht und nahm sich vor, so oft wieder zu kommen, bis er nicht mehr umkippt. Klappte schon beim zweiten Mal, und ungefähr so lange kennt der 47-Jährige die Diskussionen um Druckräume. Ob das nicht ein Widerspruch sei, ob man Menschen nicht damit noch ansporne zur Sucht. “Die Menschen konsumieren so oder so”, antwortet Bapat dann immer, “die Frage ist doch nur wo." Im Druckraum bekämen sie nicht nur sauberes Besteck, sondern immer auch Beratungsangebote und Hilfe im Notfall. 50 Mal musste sein Team allein im vergangenen Jahr erste Hilfe im Druckraum leisten. “Die Menschen kippen vom Stuhl, laufen blau an, atmen kaum. Alleine auf der Straße hätte das die Hälfte nicht überlebt”, sagt Bapat.

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Vikas Bapat, Leiter der Einrichtung "Stellwerk", machte vor 20 Jahren sein erstes Praktikum bei der Drogenhilfe Hannover - und blieb. © Quelle: STEP

Jetzt, während der Pandemie, ist sauberes Konsumbesteck besonders wichtig. Steril ist es im Druckraum aber ohnehin: Die Plätze sind sauber, die Tische aus Metall mit einem kleinen Loch, in dem benutzte Spitzen sofort entsorgt werden. Desinfektionsmittel war immer schon da. Nur die Anzahl der Plätze mussten sie stark reduzieren, überall im Haus sind Plastiktrennwände aufgebaut, alle Mitarbeiter tragen Schutzmasken, mehr Sicherheitsleute sind im Einsatz. 80 bis 90 “Konsumvorgänge” zählen sie sonst pro Tag, an diesem Vormittag sind es gerade einmal drei Menschen, die kommen, sich spritzen – und direkt wieder gehen.

Dass es Engpässe in der Drogenszene gibt, kann Vikas Bapat nicht sagen, jedenfalls noch nicht. Nach allem, was er und sein Team mitbekommen, sind in Hannover sämtliche Stoffe noch zu bekommen, das höre er auch von Kollegen aus anderen Städten. Das einzige Problem sei Anfangs eher gewesen, dass sich Dealer nicht mehr auf die Straßen trauten – und dass die vor allem Kokain schlechter los würden, weil eben die Partygesellschaft stillstehe. Heroin dagegen, hieße es immer wieder, sei eine Droge, die ausstirbt. Der Altersschnitt der Konsumierenden liege mittlerweile bei 40, sagt Bapat. Nachwuchs bei Heroinsüchtigen gebe es kaum. “Eine Droge, die sediert, passt wohl einfach nicht mehr in unsere Leistungsgesellschaft.”

Fragt man den deutschen Zoll oder das Bundeskriminalamt zu möglichen Engpässen auf dem Drogenmarkt, gehen die Antworten in eine ähnliche Richtung. “Es ist davon auszugehen, dass der international organisierte Rauschgift(groß)handel im Grundsatz weiterhin dort fortbesteht, wo die Rauschgiftlieferketten den grenzüberschreitenden Lieferketten für legale Güter (bspw. Lieferungen in Seecontainern, LKW-Frachtverkehr) entsprechen”, heißt es etwa vom Bundeskriminalamt auf Anfrage. Hamburg, Hannover und Frankfurt am Main werden offenbar also wie gewohnt über die Südachse versorgt – mutmaßlich über Seecontainer, dann über Lkw. Dass übliche Lieferketten noch funktionieren, lässt auch die Auskunft des Zoll erahnen: “Für den Bereich des Einfuhrschmuggels von Kokain in die Europäische Union und nach Deutschland über die Häfen Antwerpen, Rotterdam und Hamburg liegen die Sicherstellungszahlen im Vergleichszeitraum März 2019/2020 auf gleich hohem Niveau.” Gleiches gelte für die sichergestellte Drogen aus südamerikanischen “Abgangsländern”.

Auch das Frachtaufkommen aus Südamerika blieb laut Zoll im März und April gleich hoch – im Gegensatz zum Containerverkehr aus asiatischen Staaten. Da die Transportzeiten von Containerschiffen vier bis sechs Wochen betragen, sind mittelfristige Auswirkungen noch abzuwarten. Viele Lieferungen konnten wohl noch vor dem globalen Shutdown erfolgen. Allerdings weist der Zoll auf derzeit “erhöhte Sicherstellungszahlen im Post- und Paketverkehr” hin. Allein in Köln seien im April 220 Kilogramm Mariuhana, 22.000 Cannabissamen, zwei Kilo Amphetamin und ein Kilo Heroin sichergestellt worden. Auch im Postverteilzentrum für Sendungen aus den Niederlanden sei die Anzahl der sichergestellten Briefsendungen “bemerkenswert angestiegen”. Zollbehörden und BKA gehen von einem verstärkten Onlinedrogenhandel in Zeiten der Pandemie aus.

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Auf den Straßen, an Hotspots wie Hauptbahnhöfen, ist das Bild weitgehend gleich geblieben. Die Corona-Krise ist für die Menschen ganz unten nur eine neben vielen persönlichen. Anfangs, sagt Vikas Bapat von der Drogenhilfe, hätten sich Bürger so offensiv beschwert, dass die Polizei zu strengen Kontrollen gezwungen gewesen sei, wo sie zuvor eher mit Augenmaß vorgegangen sei. “Wieso dürfen die denn zusammenstehen?”, hätten Passanten gerufen. Und die Bild-Zeitung titelte: “Warum gelten Corona-Regeln nicht für Junkies?” Bapat fragt gerne zurück: “Wollt ihr tauschen?” Inzwischen hat Niedersachsen in seiner Verordnung zu Corona-Schutzmaßnahmen in Paragraph 1a, Absatz vier geregelt, dass Ansammlungen zulässig sind, “wenn diese im Zusammenhang mit der Betreuung und Versorgung von hilfebedürftigen Personen stehen”.

Das Elend, sagt Bapat, habe ihn nie gestört. Er kann nicht erklären warum, “vielleicht, weil ich ja meine Hilfe anbiete.” Es gibt Situationen, die ihm dann doch nicht aus dem Kopf gehen. Bei Step hatten sie auch in der harten Phase des Shutdowns organisiert, weiter Essen ausgeben zu können, mal waren es Sandwiches, mal warme Mahlzeiten, alles auf die Hand versteht sich. So etwas spricht sich auch in einer Großstadt wie Hannover herum, in der die Tafeln wegen der Pandemie seit Mitte März “bis auf Weiteres” sämtliche Ausgabestellen geschlossen haben. Und so näherte sich eines Nachmittages ein altes Ehepaar der Stelle hinter dem Hauptbahnhof, an der sonst Heroinspritzen verteilt werden. Beide jenseits der 80, schätzt Bapat, und beide nicht obdachlos, aber vermutlich genauso mittellos. “Sie haben gefragt, ob wir ein Essen für sie übrig hätten, das sie sich teilen könnten”, sagt Bapat und hält kurz inne. Natürlich hätten beide eines bekommen und noch ein drittes für Zuhause. Aber da habe er gemerkt, wen diese Corona-Krise wirklich alles trifft.



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