Sichere Geldanlage: Was Anleger heute beachten müssen

  • Vor knapp 12 Jahren ging die US-Investmentbank Lehman Brothers pleite.
  • Auch deutsche Privatanleger verloren damals ihr Geld.
  • Was hat sich seitdem für Anleger geändert?
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Hannover. Am 15. September 2008 herrscht an der Wall Street Weltuntergangsstimmung. Die Kurse an der Börse brechen ein. Der Grund: Lehman Brothers, eine der größten Investmentbanken der Welt, muss Insolvenz anmelden. Es geht um Verluste in Milliardenhöhe.

"Viele dachten bis dahin, das Risiko sei beherrschbar", erinnert sich Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). "Doch durch die enge Vernetzung im Finanzsystem hatten fast alle Banken mit verbrieften Immobilienkrediten gehandelt." Im Zuge der US-Immobilienkrise wurden diese wertlos, viele Banken gingen pleite. "Das hatte es in diesem Ausmaß vorher nicht gegeben."

Die Pleite von Lehman löste eine schwere globale Krise aus. Sie traf nicht nur Großinvestoren weltweit, sondern auch rund 50.000 deutsche Privatanleger. Viele von ihnen hatten die Zertifikate der niederländischen Lehman-Tochtergesellschaft gekauft. Diese Papiere galten als sicher und ertragsstark – bis zur Pleite.

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Käufer von Zertifikaten tragen Emittentenrisiko

Was den Anlegern nicht klar war: Wer Zertifikate kauft, trägt im Fall einer Pleite das Emittentenrisiko. Das bedeutet, dass Anleger ihre Ersparnisse bei einer Insolvenz des Wertpapierherausgebers komplett verlieren können. Die Verbraucherzentralen hatten damals eine Hotline geschaltet. „Aus ganz Deutschland riefen die Leute an und erzählten, dass ihr Geld weg ist“, erzählt Thomas Mai von der Verbraucherzentrale Bremen. „Viele heulten am Telefon.“

Doch seitdem hat sich einiges getan. Auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene gab es eine Reihe von Gesetzesänderungen. Erst im Januar trat die zweite europäische Finanzmarktrichtlinie, kurz MiFID II, in Kraft. Die Regelungen sehen unter anderem vor, dass Finanzberater ihre Kunden darüber aufklären müssen, warum sie ihnen ein bestimmtes Produkt vorgeschlagen haben – und zwar schriftlich.

Aus der Sicht der Deutschen Kreditwirtschaft (DK) ist der Anlegerschutz insgesamt besser geworden. Vor allem die Aufklärungspflichten sind seit 2008 strenger geworden. Denn Bank- und Finanzberater müssen Beratungsgespräche mit Kunden nun protokollieren sowie Kunden Produktinformationsblätter (PIB) aushändigen.

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Regulatorisch sei Deutschland ein Vorreiter in Europa, erklärt der Dachverband. Ganz zufrieden ist die Branche dennoch nicht: Es sei ein regulatorischer Flickenteppich mit unterschiedlichen Informationsblättern etwa für Aktien, Fonds, Anleihen entstanden, der für Anleger und Kreditinstitute kaum noch zu überblicken sei, kritisiert die DK.

Sinkendes Vertrauen von Anlegern in Finanzmärkte

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Das sehen auch manche Praktiker so: Für Privatanleger habe sich im Prinzip nicht viel geändert, findet etwa Vermögensberater Frank Wieser. „Er bekommt jetzt Unmengen mehr Papier und Informationen, der Anlegerschutz hat sich aber nicht entscheidend verbessert“, sagt der Geschäftsführer der PMP Vermögensmanagement. PIB seien nicht immer sinnvoll. „Neben einem enormen Aufwand für die Erstellung und Dokumentation solcher Blätter besteht immer die Gefahr, dass ein reines Aushändigen solcher Informationen eine gute Beratung ersetzt.“

Das sagt unsere Expertin Karin Baur (Redakteurin der Zeitschrift „Finanztest“ der Stiftung Warentest und Expertin für Geldanlage): „Sowohl die aktiv gemanagten Fonds als auch die börsengehandelten Fonds unterliegen der gleichen Aufsicht und den gleichen Gesetzen. Bei ETF (die Abkürzung steht für Exchange Traded Funds, das sind passiv gemanagte Indexfonds, die etwa den Dax nachbauen) kommen an manchen Stellen noch weitere Pflichten hinzu. Im Allgemeinen lässt sich aber sagen: Aktive Fonds und ETF dürfen das Gleiche machen. Deswegen halten wir den einen Typ nicht für sicherer als den anderen. ETF haben meist niedrigere Kosten und können von jedem Anleger wie Aktien gekauft werden. Ihre Indexanbindung wird transparent dargestellt. Außerdem machen sie meist weniger Arbeit. Aktive Fonds sollten nach ganz konkreten Ideen, Zielen und Wünschen, die über ein gutes Rendite-Risiko-Profil hinausgehen, ausgewählt werden. Egal, ob wir über aktive Fonds oder ETF sprechen: Bei beiden sind die Marktrisiken die wichtigsten Chancen und Risiken, also die Entwicklungen der Aktien und Anleihen, auf die die Fonds setzen. Bei aktiven Fonds kommt hinzu, dass man das Risiko falscher Managerentscheidungen trägt. Bei ETF sollte bedacht werden, dass man sich wegen der sekündlichen Handelbarkeit vielleicht zu übermäßigem Handel hinreißen lässt. Gerade wenn es crasht, ist Stillhalten oft eine gute Option.“.

Und auch Verbraucherschützer Mai übt Kritik: „Es gab eine Flut an Gesetzen und Papieren, darunter waren wenige Meilensteine“, sagt er. „Zwar hat sich im Vertrieb von Finanzprodukten einiges verändert, jedoch wenig an den Strukturen.“

Bei den Anlegern selbst hat die Finanzkrise allerdings Spuren hinterlassen. Das Vertrauen in die Finanzmärkte wurde bei vielen erschüttert. „Die Anleger sind risikobewusster geworden“, sagt Lothar Koch, Finanzberater bei Spee Asset Management AG in Düsseldorf. Dies sei bei vielen direkt in ein generelles Misstrauen in die Finanzbranche und den Aktienmarkt umgeschlagen.

Anleger nach Finanzkrise risikobewusster

„Vielleicht ist das ja auch gar nicht so schlecht, wenn dadurch Verbraucher kritischer und risikobewusster agieren“, sagt Mai. Früher hätten viele zum Teil blindlings Verträge unterschrieben und ihren Bankberater als Vertrauensperson angesehen. Nun beobachtet der Verbraucherschützer: „Die Menschen fragen viel kritischer nach. Oft kommen sie mit bestehenden Verträgen und fragen: Was kann ich tun?“ Zum Teil sei dadurch die Beratung detaillierter und komplizierter geworden. „Viele Verbraucher haben sich aber auch oft schon vorab gut informiert und kommen nur noch mit Detailfragen“, erzählt Mai.

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Sein grundsätzlicher Rat: „Investieren Sie nur in Dinge, die Sie auch verstehen.“ Vor jeder Investition sollte man sich genau erkundigen, mehrere Angebote einholen, die PIB vergleichen und das Beratungsprotokoll aufmerksam durchlesen. Dort steht unter anderem, welches Risiko ein Anleger bereit ist, einzugehen. Die Angaben sollten mit den eigenen Vorstellungen übereinstimmen.

Laut DK sollte das Verständnis bei jedem Privatanleger verankert sein, dass eine hohe in Aussicht gestellte Rendite grundsätzlich höhere Risiken birgt als ein Produkt mit geringerer Gewinnerwartung.

Sicherheit, Verfügbarkeit, Rendite

Sicherheit, Verfügbarkeit, Rendite – das sind die Spitzen des sogenannten magischen Dreiecks der Geldanlage. Wer darin noch unerfahren ist, sollte sich mit diesen Punkten auseinandersetzen, um für das Gespräch mit dem Bankberater gut gewappnet zu sein. „Die Kernaussage ist, dass man niemals alle drei Ziele gleichzeitig erreichen kann“, erklärt Ralf Scherfling von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Das bedeutet: Jeder Anleger muss Prioritäten setzen und entscheiden, was ihm bei der Geldanlage wichtig ist und wo er bereit ist, Abstriche zu machen.

Klar ist: Wenn es eine sichere und jederzeit verfügbare Geldanlage wie ein Tagesgeldkonto sein soll, gibt es weniger Rendite. Wer auf eine höhere Renditechance mit Liquidität wie bei einem Aktienfonds setzt, hat Abstriche bei der Sicherheit. Soll es eine sichere Geldanlage mit einer höheren Rendite sein, ist eine schnelle Verfügbarkeit nicht gegeben. „Ein zehnjähriger Sparbrief bietet normalerweise eine höhere Rendite als Tagesgeld“, so Scherfling.

Letztlich liegt es auch in der Hand der Anleger, sich aktiv um die Themen Altersvorsorge und Geldanlage zu kümmern: sich informieren, Rat holen, ein Risikobewusstsein entwickeln – genau das gehört laut Mai zum mündigen Bürger. Und auch Koch sagt: Wenn Anleger sich bewusst mit den Kapitalanlagen auseinandersetzen und dafür Zeit nehmen, ist schon einiges gewonnen. „Denn mit bewusst agierenden und mitdenkenden Kunden hätten es Finanzvertriebe, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind, deutlich schwerer.“

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Von RND/Isabelle Modler