Niedriger Leitzins: Müssen wir bald für Bargeld bezahlen?

Bei der nächsten Wirtschaftskrise hätte die Europäische Zentralbank ein Problem: Sie könnte die Zinsen nicht weiter absenken, um die Konjunktur zu beleben. Ökonomen des Weltwährungsfonds haben nun eine Lösung gefunden – die ist radikal.

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Berlin. Es ist die große Angst der Notenbanker und Ökonomen: Würde die Konjunktur in der Euro-Zone weiter abflauen und sich die Wirtschaft in Richtung einer Rezession entwickeln, stünde ein wichtiges Instrument nicht mehr zur Verfügung, um gegenzusteuern: die Geldpolitik.

Für gewöhnlich können Zentralbanken in wirtschaftlich schwierigen Zeiten den Leitzins senken, was wiederum Kredite für Unternehmen verbilligen und zu mehr Investitionen führen würde. So zumindest die Theorie.

In der Praxis klappt das allerdings längst nicht immer, und in der nächsten Krise käme ein weiteres Problem hinzu: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat kaum noch Spielraum für eine Zinssenkung, denn ihr Leitzins liegt bereits bei Null, seit nunmehr fast drei Jahren.

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Privatpersonen können sich Strafzinsen entziehen

Theoretisch könnten die Zentralbanker zwar auch negative Zinsen auf Sparguthaben beschließen, wie sie für Einlagen von Geschäftsbanken bei der Zentralbank bereits fällig werden. Dadurch würde der Anreiz steigern, Geld zu investieren anstatt es auf Konten zu horten, wo es an Wert verliert.

Das funktioniert aber nur begrenzt, denn Privatpersonen steht ein Instrument zur Verfügung, um sich Strafzinsen zu entziehen: Bargeld. Sinken die Zinsen zu weit ins Negative, würden Kunden mutmaßlich im großen Stil ihre Einlagen abheben und in Schließfächern aufbewahren – oder notfalls unter dem Kopfkissen. Der stimulierende Effekt der Negativzinsen würde verpuffen.

Ökonomen diskutieren dieses Problem schon länger, manche haben in der Vergangenheit für eine vollständige Abschaffung des Bargelds plädiert. Die aber wäre in den meisten Ländern wohl kaum durchsetzbar.

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Bargeld und Spareinlagen könnten zwei Währungen werden

Zwei Mitarbeiter des Internationalen Währungsfonds (IWF) denken deshalb über eine andere Lösung für das Dilemma nach.

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Die IWF-Ökonomen Ruchir Agarwal und Signe Krogstrup diskutieren in einem Blogbeitrag die Möglichkeit, Strafzinsen auch auf Bargeld zu erheben. Technisch wollen sie das erreichen, indem sie die Geldmenge in zwei Parallelwährungen unterteilen, nämlich Bargeld und Spareinlagen.

Da es sich bei physischem und elektronischem Geld in dem Vorschlag um zwei Währungen handeln würde, gäbe es auch einen Umtauschkurs, der nicht zwangsläufig bei eins zu eins liegen müsste – im Gegenteil.

Laut Überlegungen der Ökonomen könnte bei Negativzinsen auf Sparguthaben der Wechselkurs des Bargelds entsprechend gesenkt werden. Beide Währungen verlören parallel an Wert. So könnten sich auch hohe Negativzinsen durchsetzen lassen, argumentieren Agarwal und Krogstrup.

Vorschläge sind bislang nur Gedankenspiele

Ökonomen reagieren entsetzt auf den Vorschlag, über den in Deutschland zuerst die "Welt" berichtet hatte. Das Parallelwährungsmodell wäre "die lange befürchtete Währungsreform, bei der die Bargeldbestände entwertet werden", sagt Hans-Werner Sinn der Zeitung.

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, warnte, dass bei Negativzinsen immer mehr Menschen Probleme mit ihrer Altersvorsorge bekommen würden. Und Gunther Schnabl, Professor für Wirtschaftspolitik aus Leipzig, prophezeite eine Kapitalflucht und die Pleite von Banken.

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Eine gute Nachricht allerdings gibt es: Die Vorschläge aus Washington sind bislang nur Gedankenspiele. Selbst Ökonom Sinn glaubt nicht an eine Umsetzung durch die EZB. Das könne er sich „ehrlicherweise nicht vorstellen“, sagte Sinn der Welt. Zumindest „vorläufig“ nicht.

Von ani/RND