Die Preise sind abgerutscht: Sollte man jetzt Aktien kaufen?

  • Nach rund 10 Jahren kontinuierlicher Kursgewinne haben die weltweiten Börsen seit Anfang März eine beispiellose Talfahrt hinter sich.
  • Viele Anleger fragen sich: War es das mit den Kursrückgängen, ist jetzt der Zeitpunkt zum (Wieder-)Einstieg an den Börsen?
  • Anleger sollten bei der Aktienanlage generell ein paar Grundregeln beherzigen.
|
Anzeige
Anzeige

Stuttgart. Die Deutschen lieben es, ihr Geld auf Sparbüchern und Tagesgeldkonten zu bunkern, obwohl diese Art der Geldanlage schon seit vielen Jahren nahezu keine Zinsen mehr abwirft. Somit ist der eigene Vermögensaufbau abseits von der Börse mit herkömmlichen Spareroptionen eigentlich zum Scheitern verurteilt. Doch auch in Zeiten der Corona-Krise gilt: Letztendlich schlagen Aktien nachweislich alle anderen Anlagealternativen im Vergleich über einen längeren Zeitraum.

Bereits mit einfachen ETFs (ein börsengehandelter Indexfonds) auf den Dax oder den amerikanischen Dow-Jones-Index werden inklusive Dividenden im historischen Schnitt Renditen von 9 Prozent pro Jahr erzielt. Entscheidend ist der langfristige Anlagehorizont. Ein Anleger darf sich daher nicht allzu sehr irritieren lassen von den Börsenkursen, die mal in die eine, mal in die andere Richtung übertreiben.

Sollte man jetzt einsteigen?

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Es stellt sich die Frage: Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, (wieder) als Kleinanleger an den Börsen einzusteigen? Klar, die Kurse sind deutlich gefallen, nicht wenige Investoren haben schon wieder die ersten Dollarzeichen in den Augen und sehen die großen Kurschancen. Die jüngsten Zugewinne im Dax befeuern diese Denkweise.

Auch die Vergleiche der aktuellen Corona-Krise mit der Finanzkrise 2008 hinken. „Wir glauben nicht, dass das System heute so verschuldet ist wie 2008. Die Möglichkeit des Eintretens einer Finanzkrise ist nach wie vor sehr gering“, sagt etwa Robert Michele, Anlage-Experte bei J.P. Morgan Asset Management. Folglich steht dem Kauf von Aktien eigentlich für einen Anleger nichts im Wege, oder?

Anleger fahren derzeit auf Sicht

Skeptiker verweisen auf die aktuellen Gefahren an den Börsen, etwa das heftige Auf und Ab der Kurse. Nach Einschätzung von Michael Winkler, Leiter Anlagestrategie bei der St. Galler Kantonalbank Deutschland, hängen die Aktienmärkte aktuell noch komplett von der Corona-Krise und ihren Folgen ab. Anleger seien daher bis auf Weiteres gezwungen, ebenso wie die Realwirtschaft auf Sicht zu fahren. “Und wie im Straßenverkehr gilt dieses Motto #Auf Sicht fahren’ damit auch für die Anleger”, so der Experte weiter.

Anzeige

Winkler ergänzt: “Anleger tun gut daran, vorsichtig eingestellt zu bleiben.” Doch zugleich sagt er: “Sollte es noch einmal deutliche Kursrückgänge geben, könnte es je nach individuellem Risikoprofil und den Rahmenbedingungen dann durchaus eine Option sein, über Nachkäufe nachzudenken.”

Der Anlagezeitraum ist entscheidend

Trotz des jüngsten Einbruchs an den Börsen gilt nach wie vor eine alte Börsenregel: Je länger der Anlagehorizont einer breitgestreuten Aktienanlage, desto geringer die Gefahr, mit dieser auf Dauer Verluste zu erleiden. Wer also ein langfristig orientierter Anleger ist, kann trotz starker, kurz- und mittelfristiger Crash-Szenarien seiner Aktienanlage vertrauen.

Wer jetzt ein bisschen Mut aufbringt, Geld an der Börse anzulegen, sollte ein paar wichtige Grundregeln beherzigen: Kurzfristige Börsen-Engagements sind generell viel riskanter, das gilt dieser Tage umso mehr. Aktuell mögen sich die Märkte langsam beruhigen, doch die miserable Situation der globalen Wirtschaft dürfte sich in den kommenden Wochen noch in desaströsen Konjunkturdaten niederschlagen – die üblen Nachrichten vom US-amerikanischen Arbeitsmarkt in der vergangenen Woche waren dazu wohl ein Vorgeschmack.

In diesen Tagen in Aktien auf kurze Zeit zu investieren, wäre daher reine Spekulation. Wer sein Geld in Unternehmensanteile stecken will, sollte dies auf jeden Fall mit einem langfristigen Horizont machen. Dann sind auch höhere Renditen realistisch, weil Anleger über einen Zeitraum von 10 bis 15 Jahren zwischenzeitliche Wertschwankungen einkalkulieren können.

Anzeige

Deshalb wäre es gerade für jüngere Anleger sinnvoll, Aktien zu kaufen. Junge Menschen haben mehr Zeit, das Geld am Kapitalmarkt für sich arbeiten zu lassen. Zwischenzeitliche Rückschläge an den Märkten können sie besser aussitzen als etwa Rentner, die mit ihren Ersparnissen ihren Lebensabend gestalten wollen – und deshalb Gewinne lieber zeitnah einstreichen möchten.

“Wer genug Zeit mitbringt, muss sich von den aktuellen Börsenausschlägen nicht aus der Ruhe bringen lassen. Egal ob Dotcom-Bubble oder Finanzkrise – die Märkte haben sich immer wieder erholt und deutlich zugelegt”, betont Christine Bortenlänger vom Deutschen Aktieninstitut. Die obere Dax-Grafik untermauert dies eindrucksvoll.

Auf die Streuung kommt es an

Wichtig ist die Streuung der Aktienanlage. Vom Wirtschaftsnobelpreisträger Harry M. Markowitz stammt die viel zitierte Börsenweisheit: “Lege nicht alle Eier in einen Korb.” Er plädierte mit dieser Regel auf eine breite Verteilung des Vermögens auf mehrere Anlageklassen oder Wertpapiere.

Dementsprechend sollte man auch im Moment seine Investments auf mehrere Länder (und damit Währungen) und Branchen verteilen. Alles in den deutschen Dax zu investieren, wäre genauso falsch, wie sein gesamtes Geld in Aktien einer einzigen Branche zu geben. Welche Mischung die beste ist, hängt von den persönlichen Zielen und der eigenen Lebenssituation ab.

Einzelaktien oder ETF

Für viele Profiinvestoren sind vor allem Aktien von Unternehmen erste Wahl, die kontinuierlich Dividende zahlen. Sascha Sadowski, Marktexperte beim Onlinebroker LYNX sagt: “Hier sollte man auch die sogenannten Dividendenaristokraten im Blick behalten. Bei ihnen hat sich die Dividende in den vergangenen 25 Jahren kontinuierlich erhöht.” Zwar könne das in vielen Fällen angesichts der aktuellen und in der jüngeren Geschichte beispiellosen Krise schwierig werden, allerdings sei die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe ein Qualitätskriterium, das man in seine Überlegungen mit einbeziehen sollte, so Sadowski weiter.

Dividenden-Aktien sind vor allem in den Bereichen Konsum, Essen und Trinken, Gesundheit und Hygiene oder Kommunikation zu finden, beispielsweise Aktien von Nestlé, Danone, Johnson & Johnson, Fresenius oder United Internet.

Ein Sparplan kann hilfreich sein

Man kann jeweils einzeln in Aktien investieren oder aber in einen ETF (ein börsengehandelter Indexfonds). Bei einem ETF kann der Anleger die Investition auf eine gesamte Branche/ Index ausweiten und das Verlustrisiko wegen der Streuung des Investments auf viele Aktien in einem Index minimieren.

Man muss gar nicht mit großen Summen einmalig in verschiedene Aktien oder Fonds/ETFs investieren. Die einfachste und beste Möglichkeit, um kontinuierlich Geld renditestark anzulegen, ist ein Aktiensparplan. Schon ab teilweise 25 Euro pro Monat lassen sich nach und nach finanzielle Reserven bilden.

Sparpläne lassen sich pausieren

Wegen des geringen und konstanten Sparbetrags eignet sich ein solcher Sparplan gerade auch für Kleinanleger, die der Börse ansonsten eher skeptisch gegenüberstehen. Ein Sparplan hat noch einen anderen Vorteil. Er kann jederzeit gestoppt oder ausgesetzt werden – und die Anteile können verkauft werden.

Ein bedeutenderer Vorteil ist, dass Anleger bei Aktiensparplänen vom sogenannten Durchschnittskosteneffekt (Cost-Average-Effekts) profitieren können. Während bei fallenden Kursen mehr Aktien- bzw. ETF-Anteile erworben werden, finden bei steigenden Kursen weniger Aktien- bzw. ETF-Anteile den Weg ins eigene Depot. Über einen längeren Zeitraum werden so Anteile zu einem Durchschnittspreis erworben, der zwischen dem höchsten und tiefsten Preis der Aktien- beziehungsweise ETF-Anteile liegt. Das sonst gängige Problem, bei einer Anlage den richtigen Einstiegszeitpunkt zu finden, entfällt damit komplett.

Der Erfolg gibt Recht

Letztlich dürfte eine Geldanlage in Aktien langfristig für jeden Anleger Rendite bringen, auch bei einem Einstieg zur aktuellen Corona-Krise. Zur Verdeutlichung ein Beispiel: Wer von 1990 bis 2010 monatlich in den Deutschen Aktienindex Dax investiert hat, konnte sich am Ende über eine durchschnittliche jährliche Rendite von 6,8 Prozent freuen. “Und das, obwohl gleich zwei Krisen in diesen Zeitraum fallen”, so Christine Bortenlänger vom Deutschen Aktieninstitut. “Wer auf das Geld in den nächsten Jahren nicht angewiesen ist, sollte sich an diese Börsenweisheit erinnern: Die Börse ist wie ein Paternoster. Es ist ungefährlich, durch den Keller zu fahren. Man muss nur die Nerven behalten.”

Das gilt während der Corona-Krise erst Recht.

Das Themenspezial auf einen Blick

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen